Höffe eröffnet Vortragsreihe der Deutschen Börse in Kooperation mit dem Exzellenzcluster

Von Andreas Müller und Michel de Araujo Kurth

Der Auftakt der Veranstaltungsreihe „Ethische Orientierung am Finanzplatz der Zukunft“ fand am 4. Juni im Lichthof der Frankfurter Börse statt. Die Reihe ist ein Kooperationsprojekt des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und der Deutsche Börse AG. Als erster Gast eröffnete Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otfried Höffe (Philosoph, Universität Tübingen) mit seinem Vortrag “Gerechtigkeit in Zeiten globaler Finanzwirtschaft“ die Veranstaltungsreihe. Der Vortrag, der in der überregionalen Presse angekündigt wurde, stieß auf großes Interesse. Dies bezeugen schon die an diesem Abend zahlreich erschienenen Zuhörer, Philosophen, Mitarbeiter der Deutsche Börse AG sowie einer interessierten Öffentlichkeit. Höffe hielt seinen Vortrag im Anschluss an die Begrüßung des Deutsche Börse-Vorstandsvorsitzenden Dr. Reto Franconi und der Vorstellung des Frankfurter Philosophieprofessors Marcus Willaschek.
Die Antwort, die Höffe gleich zu Beginn seines Vortrages auf die Frage gibt, ob ethische Prinzipien existieren, mit denen sich das Handeln der Finanzmarktakteure bewerten lässt und woher diese entnommen werden können, fällt denkbar einfach aus: Dass es solche Prinzipien gebe, erkenne man schon daran, dass das Verhalten der Finanzakteure tatsächlich kritisiert werde und diese Praxis des Kritisierens – sofern sie denn gerechtfertigt sei – auch allgemeine Zustimmung erfahre. Auch in anderer Hinsicht sei der Zusammenhang zwischen Macht und Moral nach Höffe kein äußerlicher. Die Moral sei ebenso ein Machtfaktor wie es zweifellos auch Geld und politische Teilhabe seien. Sie übe ihre Macht auf uns aus, indem sie erfolgreich unseren Willen gegen innere Widerstände zur Einhaltung ihrer Gebote bestimme.

Es zeugt von pragmatischem Geschick, wenn Höffe sich in einem Vortrag, der nicht ausschließlich an ein philosophisches Fachpublikum gerichtet ist, sondern gerade auch Akteure aus der Finanzwelt erreichen soll, nicht auf theoretische Diskussionen über die Existenz moralischer Prinzipien einlässt. Trotzdem bleibt der Eindruck bestehen, dass hier eine Gelegenheit verspielt wurde, sich fruchtbar mit einem wichtigen Einwand von Finanzinsidern auseinanderzusetzen: die Handelsaktivitäten auf dem Finanzmarkt folgen einer bereichsspezifischen Eigenlogik, die für Außenstehende nur schwer durschaubar ist. Kritik von außen muss diese systemimmanenten Rationalitäts- und Verhaltensstandards berücksichtigen, wenn sie Gehör finden möchte. Höffe muss sich also nicht wundern, falls einige aus dem Zuhörerkreis der Deutschen Börsen AG angesichts seines indirekten Existenz- "Beweises" ethischer Prinzipien das Gefühl hatten, nicht richtig verstanden worden zu sein.

Nicht nur sei die Existenz ethischer Prinzipien eine unbestreitbare Tatsache unserer moralischen Bewertungspraxis, ihnen komme darüber hinaus ein universaler Geltungsanspruch zu. Gegen Skeptiker und Relativisten möchte Höffe die kulturübergreifend geteilte Anerkennung gerechtigkeitsbezogener Prinzipien ins Feld führen. Dass Menschen nach Gerechtigkeit streben, sei eine empirisch-historische Tatsache, die uns über nationale Grenzen hinweg mit anderen Kulturen verbinde. Hiermit wendet sich Höffe nebenbei auch gegen einen ökonomistisch verkürzenden Globalisierungsbegriff. Globalisierung sei kein rein wirtschaftliches Phänomen, sondern umfasse auch andere Lebensweltbereiche wie Kunst, Wissenschaft und Moral. Die interkulturelle Anerkennung von Gerechtigkeitsprinzipien belegt Höffe auch anhand historischer Beispiele. Dass Menschen sich seit Jahrtausenden an moralischen Geboten orientieren, bezeugen bereits historische Dokumente aus dem alten Ägypten, die das Zusammenleben der damals lebenden Menschen geprägt haben.

Nach Höffe verdient der weltweite Geltungsanspruch gerechtigkeitsbezogener Prinzipien aber nicht nur als empirische Tatsache Anerkennung, die manche Skeptiker in Erklärungsnot treiben mag, er ist auch legitim. Die Gerechtigkeit sei nämlich genau derjenige Teil der Moral, den wir uns alle wechselseitig aneinander schuldeten. Von anderen moralischen Normen wie Großzügigkeit und Solidarität unterscheide sie sich daher in ihrer kategorischen Geltung. Den unbedingt geltenden Gerechtigkeitsprinzipien spricht Höffe den Status eines Weltgerechtigkeitserbes zu, das die Grundlage einer Weltgerechtigkeitsgemeinschaft bilde. Ihren Prinzipien dürfe sich auch der globale Finanzmarkt nicht entziehen, der durch seine Zugehörigkeit zur Weltgerechtigkeitsgemeinschaft anderen Gemeinschaftsmitgliedern seinen Moralanteil schulde.

Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, als ob Höffe die Geltung der Gerechtigkeitsprinzipien aus einem Welterbe herzuleiten versucht. Die Begründung der weltweit geltenden Gerechtigkeitsprinzipien soll primär auf der Grundlage des Tauschprinzips erfolgen, womit dem Paradigma der Verteilungsgerechtigkeit widersprochen werden soll, das Höffe für asymmetrische Bevormundungsstrukturen in der Gesellschaft verantwortlich macht. Das Tauschprinzip erlaube es neben den drei seit Aristoteles anerkannten Gerechtigkeitsformen Recht, Justiz und Verfahrensgerechtigkeit, auch eine vierte Gerechtigkeitsform, und zwar die Grund- und Menschenrechte zu rechtfertigen. Vor allem dem Kosmopolit Immanuel Kant gebühre großes Lob dafür, dem Irrtum nicht erlegen gewesen zu sein, die Verteilungsgerechtigkeit als alternativlos anzusehen. Hierin sei er den modernen Theoretikern John Rawls und Amartya Sen voraus gewesen. Für das Tauschprinzip spricht laut Höffe bereits ein strategischer Vorteil. Im Gegensatz zu den Prinzipien des Verteilungsgrundsatzes seien die Kriterien des Tauschprinzips nicht umstritten. Gerecht sei alles, was dem Tauschpartner gleiche Vorteile verschaffe. Vertreter von Verteilungskonzeptionen übersähen außerdem, dass die zu verteilenden Güter nicht „vom Himmel fallen“, sondern erst noch erzeugt werden müssen.

Nach Höffe werden die Grund- und Menschenrechte, darunter die negativen Freiheitsrechte, positive Rechte und demokratische Mitwirkungsrechte, letztlich durch einen tauschartigen Urvertrag begründet, in dem sich Menschen wechselseitig versprechen, auf Gewaltausübung zu verzichten. Die staatstragenden Grund- und Menschenrechte ergeben sich aus den Handlungsmöglichkeiten, die Menschen nach einem wechselseitigen Verzicht auf Gewaltausübung realisieren können und deren Grenzen durch den Freiheitsumfang gezogen werden, den der wechselseitige Verzicht allen Vertragspartnern noch belässt. Dem Tauschprinzip liege das Menschenbild interessengeleiteter Kooperation zugrunde. Gesellschaften, die nach seinem Vorbild gestaltet sind, entsprächen dem Prinzip der demokratischen Mitbestimmung.

Aus seinen Überlegungen zum Weltgerechtigkeitserbe und zum Tauschprinzip zieht Höffe konkrete Schlüsse für die moralischen Spielregeln, denen die Finanzwirtschaft unterliegen soll. So bedürfe der Wettbewerb in der Wirtschaft eines weltweit gültigen Rahmens. Um nationalen Protektionismus zu umgehen, schlägt Höffe ein Völkerrecht für die Finanzwirtschaft vor. Dieses sei letztlich auch durch eine Finanzjustiz zu ergänzen, vor dem sich in Zweifelsfall Akteure der Finanzwirtschaft zu verantworten haben. Großanleger wie Staats- und Pensionsfonds könnten Vorreiter für ein derartiges Finanz-Völkerrecht sein. Diese könnten Hoffe zufolge zunächst für sich und dann untereinander Fairnessregeln aufstellen und umsetzen. Nach Höffe soll ein Finanz-Völkerrecht zur Erreichung zweierlei Ziele beitragen. Erstens sollen Übertreibungen an den Märkten vermieden werden. Zweitens soll eine zielgerichtete Allokation finanzieller Ressourcen garantiert werden, denn die Finanzwirtschaft, so Höffe, ist kein Selbstzweck, sondern soll den Verbrauchern, Sparern und  Unternehmern unterschiedlicher Größen dienen.

Auf der Ebene der personalen Gerechtigkeit ist für Höffe die Rechtschaffenheit als Charaktereigenschaft von Personen von zentraler Bedeutung. Wirtschaftsakteure suchten stets nach Gestaltungsmöglichkeiten - man müsse sich dabei aber an den Idealen der Unparteilichkeit, Willkürfreiheit und der strikten Ablehnung von Bestechung orientieren. Höffe ermahnt alle Parlamentarier, ihrem Amtseid gerecht zu werden und dem Wohle des gesamten Volkes zu dienen. Der Bürger selbst sei verpflichtet, Fehlverhalten mit Empörung zu quittieren und sich notfalls mittels Protest in Form bürgerlichen Ungehorsams Gehör zu verschaffen. Mit dem Hinweis, dass Kredit letztlich Glaubwürdigkeit bedeutet, leitet Höffe dazu über, dass Rechtschaffenheit auch in der Finanzwirtschaft von entscheidender Bedeutung ist. Hierzu machte Höffe konkrete Vorschläge. Für den kleinen Kunden müsse es beispielsweise transparent sein, dass ausschließlich Produkte der jeweils eigenen Institution zum Verkauf angeboten würden und dass der erfolgreiche Verkauf mit einer Provision für den Berater einhergehe. Es müsse klar sein, dass man keine wirklich objektive Beratung erwarten könne. Die Finanzwirtschaft selbst solle Finanzgeschäfte ablehnen, die auf Geschäftsmodellen beruhten, die der letztverantwortliche Berater nicht mehr durchschaue. Solche Geschäfte widersprächen der Tauschgerechtigkeit, denn sie gefährdeten fremdes Geld. Auch zum Thema Aufsichtsräte machte Höffe eine Reihe von Vorschlägen. So sei die Beteiligung von finanzwirtschaftlichen Laien in Aufsichtsräten prinzipiell in Ordnung. Nur dürften diese Laien in Aufsichtsräten nicht dominieren. Als Negativbeispiel führt Höffe die WestLB an, deren Rettung den Steuerzahler 22 Mrd. EUR gekostet habe. Das Desaster bei der WestLB sei unter anderem auf die Einmischung der Politik zurückzuführen. Ein Posten im Aufsichtsrat bedürfe jedoch nicht nur einer genauen Kenntnis der Materie, sondern erfordere auch ein besonderes Zeitpensum, um die dort anfallenden Aufgaben gewissenhaft zu erledigen. Das einzelne Personen gehäuft Mandate übernehmen, hält Höffe für bedenklich. Als weitere Verfehlungen aus dem Bereich der personalen Gerechtigkeit führt Höffe die Manipulation des Libor heran, aber auch die Beihilfe zur Steuerhinterziehung, das Festhalten an Posten angesichts strafrechtlicher Ermittlungen sowie absurd hohe Vergütungen die wesentlich über dem Einkommensdurchschnitt der Belegschaft liegen. Diese Vorfälle müsse mal als bedenklich einordnen.

Insgesamt kann man diesen Auftakt als vollen Erfolg bezeichnen. Die Philosophie hat öffentlichkeitswirksam gezeigt, dass sie zur Lösung aktueller Probleme beitragen kann. Ziel der Philosophie ist es jedoch, andere mittels Argumenten zu überzeugen und diese für ihre Lösungen zu gewinnen. Dass Deutsche Börse CEO Franconi in seiner Eröffnungsrede darauf hinwies, dass nicht alles, was an diesem Abend gesagt werden wird, die Meinung der Deutsche Börse AG widerspiegelt, zeigt, wie nötig der hier initiierte Dialog ist.

Interessierte finden einen Live-Mitschnitt der gesamten Veranstaltung auf dem YouTube-Kanal der Gruppe Deutsche Börse.
























































Alle Bilder (c) Deutsche Börse AG

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