Ist eine sittliche Deutung des Marktes möglich?

Axel Honneth spricht an der Deutschen Börse über verschiedene Deutungsformen von Märkten

Von Andreas Müller

Nach dem Einstand der Vortragsreihe „Anstand, Fairness, Gerechtigkeit - Ethische Orientierung am Finanzplatz der Zukunft” mit Ottfried Höffe, fand am 14. August 2013 der zweite Abendvortrag statt. Sprecher war einer der gegenwärtig profiliertesten Vertreter der Frankfurter Schule, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Axel Honneth, seit 1996 Professor an der Goethe Universität Frankfurt am Main und auch als Principal Investigator des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ mit einem Projekt zum Thema „Moralische Akteure auf dem Finanzmarkt“ tätig.

Nach der Begrüßung durch das Vorstandsmitglied Hauke Stars der Deutsche Börse Group, führt Prof. Dr. Marcus Willaschek, Organisator der Veranstaltungsreihe seitens des Instituts der Philosophie der Goethe Universität und ebenfalls Principal Investigator des Exzellenzclusters, thematisch in den Abend ein. Prof. Willaschek betont vor allem die Unterschiede zwischen Ottfried Höffes und Axel Honneths Ansatz. Höffes Vortrag, so Prof. Willaschek, baut auf einem Begriff der Gerechtigkeit in Anlehnung an Kant und Aristoteles auf. Dieser Gerechtigkeitsbegriff solle Geltung für alle Bereiche des Lebens haben, also auch die Wirtschaft als Teilbereich einschließen. Kritiker könnten diesem Ansatz jedoch entgegenhalten, dass dieser Gerechtigkeitsbegriff zu allgemein gefasst ist und so stets etwas der Wirtschaft rein Äußerliches bleiben müsse. Wirtschaftliches Handeln ziele auf Profit, Gerechtigkeit sei jedoch ein außer-ökonomisches Ziel. Folglich sei es nicht selbstverständlich, dass ein allgemeiner Gerechtigkeitsbegriff, wie ihn Höffe im Sinn habe, Bindungskraft für wirtschaftliche Akteure besitze. An diesem Kritikpunkt setze Honneth an, er würde an diesem Abend eine Gerechtigkeitskonzeption entwickeln, die sich an den internen Maßstäben wirtschaftlichen Handelns orientiere. Neben dieser Einordnung verweist Prof. Willaschek auch auf einen der zentralen Begriffe in Honneths Gesamtwerk: Anerkennung. Diese spiele auch in der Ökonomie eine tragende Rolle, denn wirtschaftliches Handeln beruhe darauf, dass sich die Beteiligten als freie und gleiche Teilnehmer einer gemeinsamen Praxis anerkennen würden.

Prof. Honneth selbst gibt eingangs kund, dass die Deutsche Börse für ihn ein untypischer Vortragsort sei, er aber deshalb umso erfreuter über diese Gelegenheit sei. Ziel des Vortrags sei, wie bereits  zuvor angesprochen, die Entwicklung einer dem wirtschaftlichen Handeln internen Kritik, indem die diesem Handeln inhärenten normativen und moralischen Maßstäbe herausgearbeitet würden.  
Hierzu verweist Honneth zunächst auf drei Deutungsmuster bezüglich der Entstehung und Etablierung des Marktes in westlichen Gesellschaften. Die der Ökonomie eigene Deutung, die den Markt angesichts seiner Effizienz durch Orientierung am Eigeninteresse zu einer Mehrung des Wohlstandes zu führen, rechtfertigt. Zweitens, eine, wie Honneth sagt, moralische Deutung des Marktes, die auf die Notwendigkeit einer sittlichen Einbettung des Marktes, d.h. moralischen Beschränkungen des Konkurrenzdenkens, für seine Effizienz verweist. Und letztlich die dritte und kritischste Deutung, die im Marxismus ihren Höhepunkt erreiche und welche kritisiere, dass die kapitalistische Marktwirtschaft das Versprechen, zu einem allgemeinen Zugewinn an Freiheit und Wohlstand zu führen, nicht einlösen könne. Honneth unterzieht in seinem Vortrag die erste, der Ökonomie eigenen Deutung des Marktes, einer Kritik und stellt dar, inwiefern das Marktgeschehen immer schon sittliche Einschränkung erfahren habe. Damit argumentiert er indirekt für die zweite, moralische Deutung und ebenfalls indirekt gegen die dritte Deutung, die, so sagt er, durch eine moralische Deutung des Marktes aufgehoben würde.

Honneth kritisierte zunächst das für die Ökonomie zentrale Modell des homo economicus, des egozentrischen Nutzenverfolgers. Theoretisch sei dieses Modell durchaus attraktiv, denn es verspriche der Ökonomie mathematische Genauigkeit hinsichtlich der Prognose wirtschaftlichem Handelns.  Es sei aber unklar, ob der homo economicus als deskriptives oder normatives Postulat zu verstehen sei, also ob er angibt, wie sich wirtschaftliche Akteure de facto Verhalten, oder vorgibt, wie sie sich idealerweise verhalten sollen. Beide Interpretationen könnten jedoch nicht überzeugen. Rein empirisch sei die Annahme, dass Akteure rein egoistisch ihren eigenen Nutzen maximierten, nicht adäquat. Dies  hätten Soziologen und Anthropologen schon früh gezeigt, so Honneth. Moralische Erwägungen spielten stets eine Rolle für den Handelnden, ebenso dass er sein Gegenüber nicht als bloßen Konkurrenten im Kampf um knappe Güter ansehe. Als normative Empfehlung solle die Annahme des homo economicus auch nicht verstanden werden, denn sonst müsse man Märkten eine erzieherische Komponente beimessen. Honneth geht davon aus, dass diese Konsequenz eine rein ökonomische Deutung des Marktes konterkariert. Der Anspruch eine objektive Wissenschaft zu sein, wie z. B. die Physik, könne nicht mehr erfüllt werden, da es ein allgemeines Problem darstelle, inwiefern normative Werturteile objektiven Charakter haben könnten. Die Theorie würde Gefahr laufen zu einer bloß erzieherischen oder gar ideologischen Instanz reduziert zu werden. So stecke die rein ökonomische Deutung des Marktes aufgrund ihrer theoretischen Hintergrundannahme des homo economicus in einem für Honneth unüberwindbarem theoretischen Dilemma.

Es sei genau diese Schwäche, die für die zweite, die moralische Deutung des Marktes, spreche. Diese besage wesentlich, dass normative Orientierung konstitutiv für das Gelingen des Marktgeschehens im Ganzen sei. Als früheste Vertreter dieser Position nennt Honneth Adam Smith, G.F.W. Hegel und Émile Dürkheim. Um die Kernthese der moralischen Deutung des Marktes zu belegen, greift Honneth auf einen Aufsatz des Wirtschaftssoziologen Jens Beckert zurück, welcher zwischen drei Formen sittlicher Einstellung im wirtschaftlichen Kontext unterscheidet. Im Einzelnen sind dies die ermöglichende, die begleitende und die begrenzende Sittlichkeit von Märkten. Die ermöglichende Sittlichkeit trete zum Beispiel bei einem Phänomen wie dem Vertragsschluss zu Tage. Vertraglich festgehaltene Transaktionen würden durch Vertrauen darauf, dass sich der Vertragspartner an eine Vereinbarung bindet und sie nicht aufgrund später veränderter Interessenlage aufkündigt, erst ermöglicht. Diese Form von Vertrauen sei Vorbedingung aller Transfers, die gemeinsam dann einen Markt bilden. Mit einem reinen Nutzenkalkül, so Honneth, sei diese Praxis nicht einzufangen. Eine den Markt begleitende Form der Sittlichkeit lasse sich beispielsweise am Kaufverhalten belegen. Kaufentscheidungen, aber auch der bewusste Verzicht auf bestimmte Produkte, könnten durch normative Erwägungen bedingt sein. Honneth weist jedoch darauf hin, dass diese normativ geprägten Konsumentscheidungen keine Vorbedingung für die Entstehung von Märkten seien. Die dritte Form der Sittlichkeit, eine den Markt begrenzende, offenbare sich in verschiedenen Phänomenen. Honneth hebt hier aber vor allem die Entstehung von Gesetzen, die verschiedene Märkte regulieren, hervor. Erst durch die Beschränkung von Gesetzen sei es garantiert, dass sich Marktteilnehmer als freie Akteure in den Markt einfügten. Diese Form der Sittlichkeit, so wie die ermöglichende, sei konstitutiv für das Funktionieren von Märkten. Es sind diese beiden Formen der Sittlichkeit von Märkten, die wesentlich für das Funktionieren von Märkten seien, die nicht durch klassische ökonomische Modelle wie das des egoistischen Nutzenmaximierers erfasst werden könnten. Folglich sei die moralische Konzeption der rein ökonomischen Konzeption vorzuziehen.

Im zweiten und kürzeren Teil des Vortrages argumentiert Honneth dafür, dass die moralische Konzeption des Marktes eine marxistische Kritik durchaus aufgreifen könne, ohne den Rahmen eines durch den Markt geregelten Wirtschaftssystems zu verlassen. In der anschließenden Diskussionsrunde mit dem Publikum beantwortet Honneth Fragen zum Vortrag, z. B. inwiefern man einzelne dazu bewegen könne, sich sittlich zu verhalten, aber auch zu aktuellen Themen, wie dem bedingungslosen Grundeinkommen und der „Occupy“-Bewegung. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit konnten zahlreiche Fragen leider nicht berücksichtigt werden, aber der rege Zulauf, den der Vortrag erfahren hat, sowie der Gesprächsbedarf der Teilnehmer, zeigen, auf welch großes Interesse sicherlich für diese Veranstaltungsreihe trifft.

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