Eine Insel bitte. Brooke Harrington über Steuerparadiese, Vermögensverwalter und ihre Kunden

Von Jerzy Sobotta

Stellen Sie sich vor, Sie gehören zu den reichsten Menschen der Welt. Sagen wir, zu den acht reichsten, denn denen gehört mittlerweile die Hälfte des weltweiten Vermögens. Ein hartes Leben, denn alle wollen an Ihr Geld: Ihre Kinder, Ihre Liebschaften, Ihre Ehepartner und – der Fiskus. Was können Sie dagegen tun? Kaufen Sie sich doch einen Staat. Keinen großen. Ein kleiner reicht, am besten ist er bankrott, von einer Wirtschaftskrise geschüttelt und liegt irgendwo mitten im Ozean. Die Idee stammt von den Vermögensverwaltern aus dem Hause Mossack Fonseca. Die Firma schrieb 1994 die Wirtschaftsgesetze des südpazifischen Inselstaates Niue. Seither können sich die 1400 Einwohner nicht mehr nur mit einem Korallenriff rühmen, sondern auch mit unzähligen Briefkastenfirmen, die das Vermögen von Diamantenhändlern, ukrainischen Oligarchen, Spitzensportlern, saudischen Königen und westlichen Politikern verschwinden lassen.
Über die abenteuerliche Welt der Steuerparadiese hat die Soziologin Brooke Harrington am 27. September 2017 einen Vortrag mit dem Titel "Inequality and the Wealth Management Profession" am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ gehalten. Viele Jahre verbrachte sie im Kreis derer, die das Vermögen der Superreichen verwalten. Die Ergebnisse ihrer Forschung beschrieb sie im Buch „Capital without borders. Wealth managers and the One Percent“ (Harvard 2016). Darin stellt sie die Strategien und das Selbstbild einer Berufsgruppe dar, die am liebsten unsichtbar geblieben wäre.

Vermögensverwalter bilden eine Art Geheimgesellschaft, die den Reichtum ihrer Kunden durch Steuerschlupflöcher, gesetzliche Brandschutzmauern und die Diffusion von Eigentumstiteln unsichtbar macht. Ein Rundum-Glücklich-Paket für Multimillionäre also. Und das Beste daran: Sie bleiben völlig straffrei, denn die Finanz- und Rechtsexperten dieser Anbieter haben ein System erschaffen, in dem ihre Kunden Millionen am Fiskus vorbei schleusen können, ohne Rechtsbruch oder Steuerhinterziehung zu begehen. „Sie stehen jenseits des Gesetzes“, lautet die These von Harringtons Vortrag, der zweieinhalb Stunden lang das Publikum in Bann schlug.
Zur zweifelhaften Berühmtheit gelangte das Geschäftsmodell der Vermögensverwalter durch die „Panama Papers“, in denen die Süddeutsche Zeitung 2016 einige der haarsträubendsten Geschäfte dieser Briefkastenfirmen aufdeckte. Als der Skandal ans Licht trat, war Harrington bereits seit Jahren ein Insider in der Szene. Als sich die promovierte Harvard-Soziologin vor fast zehn Jahren dem Thema widmete, seien die Paradiesvögel noch gänzlich Neuland für die akademische Forschung gewesen. Denn absolute Verschwiegenheit ist das erste Gebot der Zunft. An die Millionäre zu Forschungszwecken heranzukommen, galt als aussichtslos. Davon ließ sich Harrington nicht entmutigen. Der Weg in die Welt der Offshore-Paradiese führte sie über die Vermögensberater, berichtete sie beim Vortrag. „Um ihr Vertrauen zu gewinnen, musste ich eine von ihnen werden.“
Die Wissenschaftlerin bewarb sich bei der einzigen Ausbildungsstätte, an der man sich in Europa zum „wealth manager“ ausbilden lassen kann. Die horrenden Kosten dieser Ausbildung wurden von der Max-Planck-Gesellschaft übernommen, von der die Soziologin ein Stipendium bezog. „Harvard war nichts dagegen. Ich hätte mir nie erträumen lassen, wie hart es sein würde“, erzählte sie. Die Examen schweißten die angehenden Vermögensverwalter zusammen. So konnte Harrington zu vielen ein persönliches Verhältnis aufbauen, das die Ausbildung überdauerte. Die Kollegen vertrauten sich ihr an, obwohl sie wussten, dass sie eine soziologische Studie verfasst. Bei strikter Anonymität der Kunden selbstverständlich. „Absolutes Schweigen kann auch eine schwere Last sein“, erzählte sie. Sie war häufig die Einzige, mit der sie auch über Bedenken und moralischen Skrupel sprechen konnten. „Viele fühlten sich befreit, es war wie eine Beichte für sie.“
In über 65 Interviews entstand eine auf mehrere Jahre angelegte Studie über das Umfeld und die Arbeitsweise der wealth manager. Mit ethnographischem Blick konnte Harrington eine ansonsten in sich geschlossene Welt beforschen. Wie drastisch die Ergebnisse ausgefallen sind, bestätigen auch die jüngsten Enthüllungen der Presse. Von all den Besitzern der Briefkastenfirmen, die durch die Panama Papers an die Öffentlichkeit kamen, sei keine einzige Person vor Gericht gekommen. Das zeige, wie erfolgreich die Finanzdienstleister ihren Job erfüllten, unterstrich Harrington. „Sie erschaffen für ihre Klienten eine Welt, in der staatliche Regulierungen und Finanzgesetzgebung ihre bindende Kraft verliert.“ Juristisch ist dagegen wenig zu machen, denn niemand verstoße gegen Gesetze. Die Aufgabe der Vermögensverwalter sei es, die bestehenden Gesetze auszutricksen und wirkungslos zu machen.
Mittlerweile berät die Wissenschaftlerin viele Staaten und Organisationen wie die OECD. Viele Regierungen wollen wissen, wie sie an das Geld kommen können, das in den Briefkästen auf Inseln wie Niue versteckt ist. Laut Harrington sei dem durch Optimierung der Gesetzgebung allerdings nicht beizukommen. „Eine ganze Armee von Juristen und Finanzexperten klopft Tag für Tag jede Gesetzeszeile nach Schwachstellen ab“, sagte sie. Dagegen sehe jede Finanzabteilung eines Ministeriums blass aus. Wichtiger sei es, die Vorgänge öffentlich zu machen, etwa indem Staaten Whistleblower ermuntern. Nichts sei so schlecht für die geheimen Finanzoperationen wie die Öffentlichkeit. Mit einem baldigen Ende dieser Praktiken ist also nicht zu rechnen.
Auch an zahlreichen Beispielen hat es Harringtons Vortrag nicht gemangelt. Neben den Namen von Models, Schauspielern, Kunstsammlern, tauchten auch Politiker wie der frühere Britische Premier David Cameron oder der amtierende Kanadische Premier Justin Trudeau auf, die Briefkästen auf Steuerparadiesen unterhielten. Wie glaubhaft solche Politiker Steuerflucht bekämpfen werden sei dahin gestellt.
Haben Sie in der Zwischenzeit ihre Millionen auf eine paradiesische Insel verschoben, so brauchen Sie nicht viel zu befürchten. Außer das tropische Klima vielleicht. Aber auch dafür gibt es Abhilfe: Briefkästen gibt es nämlich nicht nur auf Niue, den Bahamas, Jungferninseln und Seychellen. Auch vor der britischen Küste auf Jersey oder der Insel Man werden Sie fündig – also ganz in Ihrer Nähe.

 
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