Einheit in der Differenz? Der Anthropologe Eduardo Viveiros de Castro über die Kategorie des Menschen

Von Steffen Andrae

Nach seinem Höhenflug in den 1980er und 90er Jahren wirkt der Begriff der Postmoderne mittlerweile etwas abgeschmackt. Und doch bringt er eine Problematik zum Ausdruck, die virulent bleibt: das sogenannte Ende der großen Erzählungen. Was hat es damit auf sich? Im Kreuzverhör der postmodernen Kritik stehen die hehren Vorstellungen der Moderne: Aufklärung, Vernunft, Autonomie, Fortschritt, Wissenschaft. Sie seien, so beispielsweise der postkoloniale Vorwurf, Teil eines bloß partikularen Welt- und Geschichtsverständnisses, das anderen Teilen der Welt vom Westen gewaltsam oktroyiert wurde. Dieses Argumentationsmuster trifft auf postmoderne Kritiken jeder Couleur zu, denn angeklagt werden die universalistischen Ideen der Moderne stets im Namen einer lädierten Partikularität. Die Klägerbank setzt sich aus unterdrückten Minderheiten und Völkern, diskriminierten Identitäten, deklassierten Spezies und einer ausgebeuteten Natur zusammen; der Tatvorwurf reicht von Kolonialismus und Eurozentrismus über kulturelle Diskriminierung bis hin zu Speziesismus und Naturzerstörung. Was sich in und durch die Postmoderne reflektiert, ist das Fragwürdig-Werden einer Weltanschauung, die selbst dazu angetreten war auf die Fragwürdigkeit der Welt zu antworten.

Zu diesem Thema sprach im Rahmen der vom Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und dem Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften organisierten Kantorowicz-Lecture am 15. November 2017 Professor Eduardo Viveiros de Castro. De Castro ist Anthropologe und Direktor des brasilianischen Nationalmuseums in Rio de Janeiro. In seinem Vortrag an der Goethe-Universität mit dem Titel „Against the ontological exceptional position of ‚our species‘“ argumentierte er gegen die von Humanismus wie Marxismus gleichermaßen suggerierte Sonderstellung des Menschen. Das Subjekt zukünftiger Weltgestaltung werde laut de Castro kein menschliches sein. Aber was heißt schon menschlich?
Die gegenwärtige geochronologische Epoche wird von manchen als „Anthropozän“ bezeichnet. Der Begriff soll ausdrücken, dass der Mensch zu einem der maßgeblichen Einflussfaktoren für die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse des Planeten geworden ist. Die Stellung der menschlichen Spezies sei laut de Castro also tatsächlich herausragend – nur leider hinsichtlich der Misshandlung der Erde. Die aufklärerische Idee einer Humanisierung der Natur, mit der gleichsam den Menschen die Angst vor dieser hätte genommen werden sollen, sei historisch umgeschlagen. In den USA beispielsweise sei die Angst gegenüber der Natur und Fremden wesentlich ausgeprägter als bei vermeintlich „primitiven Völkern“. Dennoch werden diese als Negativfolie eines rückständigen Naturzustands imaginiert. Die Fortschrittsallianz von Aufklärung, Naturwissenschaften und Technologie sei gescheitert. „Die Prophezeiung war falsch“, so de Castro. Dies auch, weil die universalistische Vorstellung des Menschen innerhalb der Spezies nur partikulare Geltung besaß. Die anthropologische Imagination sei insofern eine Misanthropologie, als in ihrem Namen ganzen Völkern oder Stämmen das Menschsein abgesprochen wurde.
Gegen diesen Hintergrund stellte de Castro seine neue Auffassung von Anthropologie vor, die an der Idee des „Perspektivismus“ ausgerichtet ist. Sich den Menschen auf nicht-anthropozentrische Weise vorzustellen, hieße eine „mehr als menschliche Anthropologie“ zu entwickeln. De Castro nimmt an, dass der Kollektivsingular Mensch prinzipiell über Ausschlussmechanismen konstituiert wird. Weil Menschsein für gewöhnlich bedeute, weiß und westlich zu sein, sei eine „mehr als menschliche Anthropologie“ gleichbedeutend mit einer „mehr als westlichen Anthropologie“. Hierfür müsse die etablierte anthropologische Perspektive umgekehrt, der Blick der untersuchten Völker und Gruppen auf den des Forschers angewandt werden. Dadurch könne sowohl dessen Sichtweise als auch die Idee von Sichtweisen im Allgemeinen infrage gestellt werden. Für den Wissenschaftler heißt das, dass seine vermeintlich allgemeingültige Sicht der Dinge also gerade durch das Aufeinandertreffen mit einer partikularen Weltanschauung der eigenen Partikularität überführt wird. Es sei nämlich, so de Castro, für das Selbstverständnis des weißen, westlichen Denkens bezeichnend, seine Vorstellungen über das Wesen des Daseins, des Denkens oder der Welt in den Stand der Philosophie bzw. Wissenschaft zu erheben, alle anderen Erklärungen der Welt hingegen als Mythologie zu diskreditieren. Doch unsere Vorstellung dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein, ist bloß unsere.
Das Aufeinanderprallen der verschiedenen Weltanschauungen sei jedoch kein Nullsummenspiel. Vielmehr zeige sich, was de Castro „die strukturalistische Lektion“ nannte: eine Gleichheit in der Struktur des Nachdenkens über die Welt. Dabei geht es nicht um inhaltliche, sondern um formale Identität: Weltanschauungen helfen uns, die Welt anzuschauen. Sie generieren Bedeutung, Erklärung und Sinn. Durch die Einsicht in die Relativität unserer jeweils bestimmten Art, die Welt zu erschließen, erhofft sich der Anthropologe etwas jenseits der schlechten Alternative von Exklusion und Inklusion: eine Koexistenz verschiedenartiger Weltanschauungen. Es gehe dem Perspektivismus darum, Raum für Differenz zu schaffen: weder absolute noch Indifferenz, sondern Einheit in der Differenz. Das heißt strukturalistisch gesprochen: Die Signifikanten Mensch und Welt werden radikal geöffnet für potentiell andere Signifikate, Bedeutungsinhalte. De Castros Annahme einer strukturellen Gleichgesetzlichkeit der verschiedenen Modi, sich Realität vorzustellen, verschiebt den Begriff der Wahrheit damit vom Verhältnis Begriff-Sache auf das Feld begrifflicher Variation. Sie liegt insofern nicht mehr in der Entsprechung von Aussagen mit der Wirklichkeit, sondern in der kontingenten Weise, überhaupt Aussagen bzw. Aussagensysteme über die Wirklichkeit zu konstruieren. Für de Castro sind schamanischer und philosophischer bzw. wissenschaftlicher Diskurs damit lediglich Versionen voneinander, deren primärer Wahrheitsgehalt in ihrer gesellschaftlichen Funktion liegt. Er nennt das „Wahrheit in bzw. als Variation“.
Damit begibt sich de Castro auf unwegsames Terrain. Denn es ist eine Sache, spezifische Formen des Erkennens als sprachlich, sozial und historisch bestimmt zu begreifen und ihre Funktion soziologisch zu untersuchen, eine andere hingegen, vom Inhalt dieser verschiedenen Zugänge abzusehen. So entledigt sich de Castro der Frage nach dem objektbezogenen Wahrheitsgehalt von Aussagen und Aussagensystemen. Denn der Unterschied zwischen einer ärztlichen Behandlung durch einen Schamanen oder aber durch einen modernen Mediziner geht doch über deren funktionale Wahrheit als jeweilige Wissenschaftler und Therapeuten von Krankheitszuständen hinaus. Sie betrifft immer auch die Verhältnismäßigkeit der Behandlung. Die Spannung zwischen partikularen Zugriffen auf die Welt lässt sich durch den Verweis auf den universellen Charakter, der ihnen als Versuch der Welterklärung zukommt, nicht zufriedenstellend auflösen. Zumal sich divergente Zugriffe nicht lediglich zwischen Völkern konstatieren lassen: Schamanismus wird in vielen modernen Gesellschaften als alternative Heilmethode gegenüber einer sich naturwissenschaftlich verstehenden Schulmedizin beworben. Ihn lediglich als „andere Wahrheit“ zu beurteilen, führte genau in jene Indifferenz, die de Castro zu umgehen bemüht ist.
Seine Pointierung des Differenzbegriffs scheint fruchtbarer in Bezug auf die Frage der philosophischen und anthropologischen Haltung. De Castro ergreift Partei dafür, sich zwischen verschiedenen Perspektiven zu bewegen und vorbehaltlos auf diese einzulassen. Den Untersuchungsgegenstand will er nicht als passives Objekt betrachten, sondern zum Sprechen bringen, will ihn nicht von oben deduzieren, sondern von innen her erschließen. Das sind Tugenden, die für jedwede Beschäftigung mit „dem Menschen“ wünschenswert erscheinen. Vielleicht sind es menschliche Tugenden? 

 
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