Immer wieder Spinoza
Michael Rosenthal erforscht die deutsch-jüdische Philosophie
Von Eva-Maria Magel
Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 8. September 2009
Warum haben sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gerade jüdische Philosophen in Deutschland so intensiv mit Spinoza beschäftigt? Hermann Cohen, Neukantianer in Marburg, und Leo Strauss, Doktorand des Cohen-Schülers Ernst Cassirer und Begründer der Strauss-Schule, sind die beiden Protagonisten, die Michael Rosenthal sofort einfallen.
Seinem Kollegen Ulrich Sieg, Wissenschaftshistoriker an der Universität Marburg und Erforscher des Neokantianismus, hat Rosenthal schon einen Besuch abgestattet. Seit dem 4. August ist der Philosophieprofessor der Washington University in Seattle am Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg zu Gast. Dort forscht er zwei Monate lang als Fellow auf Einladung des Exzellenzclusters "Herausbildung normativer Ordnungen" der Universität Frankfurt.
Zusammen mit dem Frankfurter Religionsphilosophen Thomas Schmidt, der "Principal Investigator" des Clusters ist, liest und diskutiert Rosenthal derzeit in den frisch eingerichteten Räumen des Kollegs über religiöse Begründungen für gesellschaftliche und politische Ordnungen. Seine Frau, Professorin für Anthropologie, und die beiden Kinder hat der 47 Jahre alte Forscher mitgebracht, sie wohnen im Gästehaus. Rosenthal arbeitet an seinem Buchprojekt "Sovereigns and Subjects. Philosophy, Politics and Jewish Identity in Germany". Der Amerikaner ist der erste Forschungsgast des Kollegs; ihm gefällt das Haus am Wingertsberg, wo die Mitarbeiter ihm auch bei der Beschaffung von Literatur behilflich sind, die er zu Hause kaum bekommt. An seinem Deutsch habe er "hart gearbeitet", sagt Rosenthal; dennoch spricht er lieber Englisch.
Im dritten Kapitel seines Buchs, an dem er derzeit schreibt, geht es um die "bürgerlichen Patrioten". Die Debatte über Staatsangehörigkeit, Religion und Toleranz beschäftigte vor allem die jüdischen Bürger zwischen den beiden Weltkriegen stark - hatten doch viele den Ersten Weltkrieg als Soldaten erlebt. Rosenthal geht dem Verlauf der Diskussion in der politischen Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts bis zum Exil um 1945 nach. Dazu gehören für ihn die intensive Spinoza-Rezeption dieser Jahre, aber auch Politik, Kunst, Literatur - Thomas Manns "Joseph"Roman und Werfels "Höret die Stimme" nennt Rosenthal als Lektüren. Denn um die Komplexität einer Debatte nachzuzeichnen, sie zu verstehen, genüge es längst nicht, nur die in der Zeit verfassten philosophischen Werke zu studieren: "Wichtig ist es, den Kontext zu verstehen", sagt Rosenthal.
Da kann ihm Thomas Schmidt nur beipflichten. Beiden ist klar, dass ihre Befunde zur Toleranz-Debatte hochaktuelle gesellschaftliche Fragen berühren. Deshalb hofft Rosenthal auf weitere Diskussionen mit den Kollegen, etwa nach dem Vortrag, den er halten wird.
Sein Vorhaben, der jüdischen Identität in Deutschland philosophiegeschichtlich auf die Spur zu kommen, fußt auf seiner langjährigen Beschäftigung mit Spinoza, zumal mit dessen "Tractatus Theologico-politicus", der Rosenthal schon seit seiner Dissertation an der University of Chicago beschäftigt. "Spinoza ist unendlich interessant." Und vielleicht, sagt Rosenthal, dessen Großvater aus Deutschland emigrieren musste, verstehe er durch seine Forschung auch die eigene Familiengeschichte ein bisschen besser.
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