Conference: Formation of Normative Orders in the Islamic World

Johann Wolfgang Goethe, der Namensgeber unserer Universität, schrieb in seiner letzten großen Gedichtsammlung, die er West-Östlicher Diwan titulierte, folgende Zeilen:

„Wer sich selbst und andere kennt,
wird auch hier erkennen,
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen“.

Wir, Forscher im Exzellenzcluster „Herausbildung normativer Ordnungen“ verstehen Goethes Ansatz als Ansporn, uns in einer interdisziplinären Gruppe von Wissenschaftlern, Muslimen und Nicht-Muslimen, aus unterschiedlichen Ländern des Orient und des Okzident über unsere gemeinsame Geschichte und Gegenwart sowie über die Entwicklung normativer Ordnungen in der islamischen Welt auseinanderzusetzen. Wir alle leben in einer Welt tiefgreifender politischer, sozialer und ökonomischer Veränderungen, in einer entangled modernity, die durch neue Risiken und neue Konflikte gekennzeichnet ist. Die Kontinuität der Übel der Vergangenheit, religiös legitimierte Gewalt, Rassismus, imperialistische Kriege, Ausgrenzungen von Minderheiten, Verfolgung der politischen Opposition und Unterdrückung von Frauen sind die hässliche Seite unseres beginnenden Jahrtausends. Ermutigend sind auf der anderen Seite die vielen Versuche, Gerechtigkeit, Emanzipation und gesellschaftliche Partizipation marginaler Gruppen normativ zu verankern, Diskriminierung und Gewalt zu ächten.

Im Rahmen der Konferenz fragen wir danach, wie die positiven Entwicklungen gestärkt und die negativen bekämpft werden können. Wir werden darüber diskutieren, wie normative Grundlagen für ein friedliches Zusammenleben in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft aussehen müssten und wie man diese politisch, rechtlich und im Bewusstsein der Bevölkerung verankern könnte. Anhand von Beispielen jüngster Entwicklungen aus Asien und Europa sollen die damit  verbunden Schwierigkeiten, Gegenbewegungen und strukturelle Hindernisse erörtert werden. Narrative, mit denen ethnische, religiöse, soziale oder Gender-Exklusionen legitimiert werden, sollen ebenso zur Sprache kommen wie Ansätze einer Überwindung von Dominanzdiskursen. Wir werden uns mit Problematiken der Geschlechtergerechtigkeit, liberalen sowie feministischen Reinterpretationen des Qur’an und der Sunna befassen; Reformen des Familienrechts in diversen islamischen Ländern und die europäische Kontroverse um Frauenrechte versus kulturelle Rechte thematisieren. Wir werden die Rolle des Islam, aber auch anderer Religionen, in Staat und Gesellschaft diskutieren und erörtern, ob der Säkularismus tatsächlich, wie Habermas konstatierte, ein europäischer Sonderweg ist.

Die Konferenz leistet einen Beitrag zum Prozess des gegenseitigen akademischen Verstehens zwischen dem sogenannten Osten und dem sogenannten Westen, oder, um es mit Goethes Worten zu sagen, dem Orient und dem Okzident. Sie bringt Wissenschaftler aus zahlreichen Ländern und Disziplinen zusammen, um die interdisziplinäre Diskussion zu unterstützen und auch um das Verständnis des Islam in Europa, Südostasien und dem Mittleren Osten zu vertiefen. Es ist uns ein Anliegen, am Konferenzort Frankfurt anti-Islamischen und anti-Muslimischen Vorurteilen etwas entgegenzuhalten, indem wir an der Entwicklung eines interreligiösen Dialogs zur globalen Gerechtigkeit, zu Menschenrechten und Frieden mitwirken.

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