Lisa Herzog. Markt und Macht

Es hätte auch ganz anders gehen können", sagt Lisa Herzog. Vielleicht wäre sie Entwicklungshelferin geworden. Oder sogar Musikerin? Stattdessen strebt sie mit nur 30 Jahren pfeilgerade auf ihre Habilitation zu. Eine Sozialphilosophin, die sich an den Schnittstellen von Philosophie und Wirtschaftswissenschaften bewegt. Nah an der Praxis, am Alltag, an der Gesellschaft ist ihr Forschungsgebiet. Anfang des Jahres ist ihr neuestes Buch erschienen: "Freiheit gehört nicht nur den Reichen".
 
Darin analysiert Herzog, wie ein zeitgemäßer Liberalismus aussehen könnte, der Markt und Staat nicht gegeneinander ausspielt. Dass Machtstrukturen die Märkte beeinflussen und Freiheit auch heißen kann, Macht zu beschränken, das sind Thesen, die nicht jeder hören mag. Dessen ist sich Herzog bewusst. Aber wenn sie von etwas überzeugt sei, dann nehme sie auch Stellung, sagt sie.
 
Dass die zierliche Frau mit dem fränkisch gerollten R als Gastautorin in Zeitungen, im Hörfunk und in Diskussionsrunden gefragt ist, hat, so wie sie es formuliert, auch mit dem Markt zu tun. Wenn man einmal anerkannt ist als Fachfrau, dann kommen auch andere Medien, fragen andere Verlage nach. "Ich habe auch viel Glück gehabt", sagt die gebürtige Nürnbergerin, und das klingt nicht kokett, sondern sachlich.
 
Ihre Hochschulkarriere hat sie vor einem Jahr an die Senckenberganlage geführt, in das ehrwürdige Institut für Sozialforschung (IfS). Dessen Direktor Axel Honneth hat Herzog engagiert, um im Exzellenzcluster "Normative Ordnungen" der Universität zu forschen. "Moralische Akteure auf dem Finanzmarkt" untersucht sie. Wie entstehen moralische Normen in der Wirtschaft, wie werden sie aufrechterhalten? Solche Fragen beantwortet Herzog nicht nur theoretisch, sondern auch, indem sie Mitarbeiter einer Frankfurter Bank befragt und ihren Arbeitsalltag begleitet. Insofern tut ihr die Nähe zu den Soziologen am IfS gut, denn deren Forschungsgebiete hat sie gewissermaßen neu entdeckt, seit sie in Frankfurt ist. "Es ist eine große Chance, hier zu arbeiten", sagt Herzog, die zuvor an der Universität Sankt Gallen, an der Technischen Universität München und in Oxford tätig war.
 
Dort hat die Volkswirtin sich der Philosophie und Geschichte zugewandt, einen Master draufgesetzt und dann die Promotion. Zwei Bücher hat sie schon veröffentlicht, am dritten, das mit ihrer Habilitation zusammenhängt, wird sie von Herbst an verstärkt arbeiten. Allerdings nicht in Frankfurt, obwohl sie die Stadt, die Universität und das Kulturangebot schätzen gelernt hat. Eine Einladung, als Postdoc Fellow nach Stanford zu gehen, schlägt man nicht aus. Wiederkommen muss sie schon, weil ihr Lebensgefährte sich im Rhein-Main-Gebiet niedergelassen hat. Und vielleicht darf die Hobbymusikerin irgendwann einmal mit ihrem Klaviertrio im Heiligtum des Instituts, dem Adorno-Zimmer, auftreten und dort den Adorno-Flügel spielen.
 
emm.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. Juli 2014, emm. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

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