Gleichheitsanspruch und Geschlechterdifferenzen in Eltern-Kind-Beziehungen: die Praxis normativer Ordnungen

Familienbeziehungen stellen herausgehobene Orte des Aufeinandertreffens von Normen unterschiedlicher Art dar. Schon der Typus der bürgerlichen Familie, der im Verlauf des 19. Jahrhunderts entstand und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts allgemeine Geltung beanspruchen konnte, lässt sich als zeitgebundene „Klammer“ für heterogene Normvorgaben verstehen: Normen der politischen Ordnung (Herrschaft, Recht), die eine grundlegende Hierarchie zwischen Männern und Frauen begründen; Normen einer kulturellen „Tiefenschicht“ der Geschlechtersymbolik, die Männern und Frauen komplementäre Eigenschaften und Tätigkeitsfelder zuweisen; Normen, die auf zentrale Eigenschaften von Familienbeziehungen verweisen (Intimität, Emotionalität) und die Mitglieder auf Reziprozität, Fürsorge und die Betonung der Individualität verpflichten.

Das bürgerliche Familienmodell hat jedoch in den letzten Jahrzehnten seinen Geltungsanspruch in vielerlei Hinsicht eingebüßt. Das gilt besonders für Geschlechterdifferenzierungen in der öffentlichen wie in der privaten Sphäre. Grundlagen der Rechtfertigung der komplementären Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern – in Gestalt von Traditionalismen, Biologismen und spezifischen Geschichtsdeutungen – wurden einer weitgehenden Kritik unterzogen. Auch konnte vor dem Hintergrund der zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen bis hin zu der weitgehenden Institutionalisierung der Norm weiblicher Erwerbstätigkeit ein Rekurs auf die faktischen Geschlechterverhältnisse nicht mehr in der Weise als Begründung fungieren. Diese Entwicklung wurde begleitet von einem Prozess der „Demokratisierung“ der Familienbeziehungen, der in einer zunehmenden Bedeutung von Ideen der Gleichheit und Verteilungsgerechtigkeit als normativen Bezugspunkten des Handelns zum Ausdruck kam. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Paarbeziehungen, sondern auch das Verhältnis von Eltern und Kindern. Der Interaktionsstil wird nicht nur zunehmend egalitärer im Sinne eines Abbaus der innerfamilialen Hierarchie, die Eltern orientieren sich auch mehr an einer Gleichbehandlung von Jungen und Mädchen sowie an der Berücksichtigung und Förderung der je besonderen Persönlichkeit des Kindes.

Trotz dieser Entwicklungen kann man davon ausgehen, dass weiterhin – zumindest innerhalb bestimmter Bereiche der allgemeinen und wissenschaftlichen Öffentlichkeit – ein Differenzdiskurs von Bedeutung ist, in dem eine Ungleichheit der Geschlechter betont und als naturgegeben verstanden wird. Vor allem aber lässt sich, wie auch bei der ehelichen Arbeitsteilung, eine Diskrepanz zwischen den normativen Vorgaben und der faktischen Praxis feststellen. So weisen auch Kinder von explizit egalitär orientierten Eltern häufig Persönlichkeitseigenschaften auf, die den alten Geschlechterstereotypen entsprechen.
Vor diesem Hintergrund vermuten wir, dass gegenwärtig mindestens drei heterogene normative Bezugspunkte in den Familienbeziehungen eine Rolle spielen: die Idee der Gleichheit, die Verschiedenheit der Geschlechter und die Individualität des Kindes. Das Projekt untersucht exemplarisch anhand von Interviews mit Eltern und Videoaufzeichnungen von Eltern-Kind-Interaktionen, ob diese drei normativen Orientierungen tatsächlich in den Alltagsdeutungen und Rechtfertigungen des elterlichen Handelns präsent sind, welche Spannungen sich dabei ergeben können und wie sich die Orientierungen im faktischen sozialisatorischen Geschehen niederschlagen.

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Personen in diesem Projekt:

  • Projektleitung / Ansprechpartner
    • Honneth, Axel, Prof. Dr. Dr. h. c. mult. | Profil
    • Maiwald, Kai-Olaf, Prof. Dr. | Profil
  • Projektmitarbeiter

Publikationen in diesem Projekt:

  • Maiwald, Kai-Olaf; Heitzmann, Barbara (Hrsg.) (2010): Das freigesetzte Subjekt. Modernes Recht zwischen sozialer Integration und Individualisierung. Themenheft der Zeitschrift für Rechtssoziologie: Zeitschrift für Rechtssoziologie 31 (2010), Heft 1.
    Details
  • Honneth, Axel (2008): Arbeit und Anerkennung. Versuch einer Neubestimmung, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 56 (2008) 3, S. 327-341; Auszug in: polar, Heft 4, Frühling 2008, S. 13-20; Trabalho e reconhecimento: tentativa de uma redefinição, in: Civitas. Revista de Ciências Sociais, vol. 8, no. 1 (jan-abr), 2008, S. 46-67.
    Details
  • Maiwald, Kai-Olaf (2010): Die Institutionalisierung partnerschaftlicher Solidarität: Zur Bedeutung der häuslichen Arbeitsteilung in Paarbeziehungen. In: Hans-Georg Soeffner (hrsg.), Unsichere Zeiten. Herausforderungen gesellschaftlicher Transformationen. Verhandlungen des 34. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Jena 2008. Wiesbaden: VS-Verlag 2010 (CD-Rom).
    Details
  • Maiwald, Kai-Olaf (2010): Editorial, in: Kai-Olaf Maiwald, Barbara Heitzmann (Hg.), Das freigesetzte Subjekt. Modernes Recht zwischen sozialer Integration und Individualisierung. Zeitschrift für Rechtssoziologie 31 (2010), Heft 1, S. 3-8.
    Details
  • Maiwald, Kai-Olaf (2010): Vom Schwinden der Väterlichkeit und ihrer bleibenden Bedeutung. Familiensoziologische Überlegungen, in: Dieter Thomä (Hrsg.), Vaterlosigkeit. Geschichte und Gegenwart einer fixen Idee. Berlin: Suhrkamp 2010, S. 251-268.
    Details
  • Maiwald, Kai-Olaf (2009): Die Herstellung von Gemeinsamkeit. Alltagspraktische Kooperation in Paarbeziehungen, in: WestEnd - Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 6. Jg., 1/2009, S. 155-165.
    Details
  • Maiwald, Kai-Olaf (2009): Friedensstiftung und Autonomie (Kritik an: Leo Montada, Mediation - Pfade zum Frieden), in: Erwägen Wissen Ethik (vormals Ethik und Sozialwissenschaften), Jg. 20, Heft 4, 2009, S. 543-544.
    Details
  • Maiwald, Kai-Olaf (2009): Paarbildung als Selbst-Institutionalisierung. Eine exemplarische Fallanalyse, in: sozialer sinn. Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung 2/2009, S. 283-315.
    Details
  • Maiwald, Kai-Olaf (2008): Anerkennung in Paarbeziehungen: Die Liebe in der häuslichen Arbeitsteilung, in: Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.), Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Frankfurt/New York: Campus 2008, S. 3671-3675.
    Details
  • Maiwald, Kai-Olaf (2008): Die Fallperspektive in der professionellen Praxis und ihrer reflexiven Selbstvergewisserung. Allgemeine Überlegungen und ein empirisches Beispiel aus der Familienmediation, in: Forum qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, Vol. 9, No. 1, Art. 3 - Januar 2008.
    Details
  • Maiwald, Kai-Olaf (2008): „Holt mich hier `raus!“ - Neue Entwicklungen in der kulturindustriellen Fernsehkommunikation, in: sozialer sinn. Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung 2/2008, S. 371-382.
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