Regulierte Selbstregulierung in rechtshistorischer Perspektive

Regulierte Selbstregulierung ist staatlich gesteuerte und staatlich in Dienst genommene gesellschaftliche Selbstorganisation. Über diesen Modus kollektiver Gestaltung sozialer Beziehungen werden nicht nur staatliche Gemeinwohlvorstellungen durchgesetzt, zugleich dient er auch der Entlastung privater Akteure und erlöst sie von Koordinationsproblemen, die sich nicht mit zivilgesellschaftlichen Instrumentarien lösen lassen. Jedoch steht regulierte Selbstregulierung nicht nur für ein Verhältnis beiderseitig vorteilhafter Kooperation, sondern auch für ein Spannungsverhältnis. Stets ringen Konzeptionen normativer Ordnung miteinander, die die Verteilung von Gestaltungsbefugnissen zwischen „Staat“ und „Gesellschaft“ betreffen.

Vor allem die Wissenschaft des öffentlichen Rechts hat dieses Phänomen staatlich-privater Koordination in jüngerer Zeit aufmerksam registriert und die damit verbundenen rechtlichen Probleme in Überlegungen zur Fortentwicklung der Rechtsdogmatik integriert. Jedoch ist regulierte Selbstregulierung nicht lediglich eine Gegenwartserscheinung. Mannigfaltige Formen der Verflechtung staatlicher Zwecksetzungen mit organisierten gesellschaftlichen Interessen lassen sich – auch in ihren rechtlichen Konturierungen – historisch beobachten. Hier setzt das Erkenntnisinteresse der Rechtsgeschichte an, die allerdings gerade auf diesem Themenfeld auf den Dialog mit anderen geschichtswissenschaftlichen Disziplinen, vor allem mit der Verwaltungsgeschichte, der Wirtschaftsgeschichte und der Geschichte der Sozialpolitik, angewiesen ist.

Das Projekt „Regulierte Selbstregulierung in rechtshistorischer Perspektive“ soll diese Problematik für das 19. und das frühe 20. Jahrhundert aufarbeiten. Im Mittelpunkt steht die Analyse der Herausbildung rechtlicher Arrangements und der diesen Prozess der Entstehung neuer bzw. der Modifikation bestehender normativer Strukturen begleitende Diskurs in Wissenschaft und Politik. Das Interesse richtet sich sowohl auf einzelne Referenzsektoren der Wirtschafts-, Sozial- und Kultuspolitik als auch auf Querschnittsfelder rechtlicher Innovationsprozesse, z.B. das Gesellschaftsrecht, das Recht kommunaler und funktioneller Selbstverwaltung und das Technikrecht.

Die hiermit verbunden Fragen werden auf zwei Tagungen erörtert, die Ergebnisse werden in Tagungsbänden dokumentiert; hinzu kommt die Erstellung einer kommentierten Quellenedition. Die Tagungen werden sich dem Thema in einem historischen Zweischritt annähern: Die erste Tagung, die vom 9. bis zum 11. Juli 2009 stattfindet, befasst sich mit der Herausbildung von Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation in Absage an Steuerungsambitionen des alten Obrigkeitsstaates, wobei sich die Aufmerksamkeit auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts konzentrieren wird. Die zweite Tagung (2010) wird sich mit dem Gestaltwandel von Selbstregulierungsformen in der Zeit des Interventionsstaates beschäftigen.

Weitere Informationen: www.mpier.uni-frankfurt.de

 

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Personen in diesem Projekt:

  • Projektleitung / Ansprechpartner
    • Stolleis, Michael, Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. | Profil
  • Projektmitarbeiter
    • Bender, Gerd, Dipl.-Soz. | Profil
    • Collin, Peter, PD Dr. | Profil
    • Ruppert, Stefan, Dr. | Profil
    • Seckelmann, Margrit, Dr. | Profil

Publikationen in diesem Projekt:

  • Stolleis, Michael (2010): Europa als Rechtsgemeinschaft, in: Stefan Kadelbach (Hrsg.), Europa als kulturelle Idee. Symposion für Claudio Magris, Baden-Baden 2010, 71-81
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  • Stolleis, Michael (2009): Der lernfähige und lernende Staat, in: Johannes Fried, Michael Stolleis (Hrsg.), Wissenskulturen. Über die Erzeugung und Weitergabe von Wissen, Frankfurt (Campus) 2009, 218 S., S. 58-78.
    Details
  • Stolleis, Michael (2009): Die Legitimation von Recht und Gesetz durch Gott, Tradition, Wille, Natur, Vernunft und Verfassung, in: Cosima Möller u. a. (Hrsg.), Ars Iuris. Festschrift für Okko Behrends, Göttingen 2009, 533-546
    Details
  • Stolleis, Michael (2009): Ein Staat ohne Staatsrecht, eine Verwaltung ohne Verwaltungsrecht? - Zum öffentlichen Recht in der Rechtswissenschaft der DDR, in: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berichte und Abhandlungen, Bd. 15, Berlin 2009, 39-55
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  • Stolleis, Michael (2009): Europa como Comunidad de Derecho, in: Historia Constitucional. Revista Electrónica 10/2009, Übers. Ignacio Gutiérrez Gutiérrez
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  • Stolleis, Michael (2009): Gerechtigkeit durch Strafrecht? Die Bundesrepublik und ihre „Zentrale Stelle“, in: (Hrsg.) Justizministerium Baden-Württemberg, Stuttgart 2009, 33-61
    Details
  • Stolleis, Michael (2009): Histoire du droit européenne, toujours à l'état de projet?, in: Clio@Themis, Nr. 1 (2009) 15 S.
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  • Stolleis, Michael (2009): Image et réalité de l'état en Allemagne de l'Ouest (1945-1960), in: Droits 49, 2009, 135-158
    Details
  • Stolleis, Michael (2009): National Socialist Law, in: Oxford International Encyclopedia of Legal History, Oxford 2009, 201-205 (zus.m. Klaus Luig)
    Details
  • Daston, Lorraine; Stolleis, Michael (ed.) (2009): Natural Law and Laws of Nature in Early Modern Europe. Jurisprudence, Theology, Moral and Natural Philosophy, Farnham – Burlington (Ahsgate) 2008, XII, 338 p.
    Details
  • Stolleis, Michael (2009): O Perfil do juiz na Tradição Europeia, in: A. P. Barbas Homem - E. Vera-Cruz Pinto - P. Costa e Silva- S. Videira - P. Freitas (ed)., O Perfil do Juiz na Tradição Ocidental, Lisboa 2009, 21-34
    Details
  • Stolleis, Michael (2009): „Sozialistische Gesetzlichkeit“. Staats- und Verwaltungsrechtswissenschaft in der DDR, München (C. H. Beck) 2009, 167 S.
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