Menschenwürde/Menschenrechte in der Frühen Neuzeit
Sowohl der Begriff der Menschenwürde, als auch der der Menschenrechte bilden zentrale Bezugspunkte normativer Legitimation, auf die aus (rechts-) philosophischer, ethischer, juristischer, (ideen-) geschichtlicher und politischer Perspektive Bezug genommen wird. Zumeist knüpfen heutige Lesarten an das von Kant in spezifischer Zusammenführung stoischer, christlicher, humanistischer und aufklärerischer Traditionen entwickelte Konzept der Menschenwürde an. Die teilweise in der Forschungslandschaft zu beobachtende Stilisierung der „Moderne“ als Epochenbruch verklärt dabei nicht nur die sich bei Kant konzentrierende Aufklärung, sondern leugnet auch die Geschichtlichkeit, d.h. die räumliche und zeitliche Situiertheit der Herausbildung normativer Konzepte.
Das in Kooperation von Geschichtswissenschaft und Philosophie betriebene Projekt „Die Menschenwürde/Menschenrechte in der frühen Neuzeit“ verfolgt das Ziel, die ideengeschichtlichen Vorläufer, besonders im Umfeld der auf die Kolonialerfahrung des 16. und 17. Jahrhunderts reagierenden spanischen Spätscholastik, zu untersuchen und auf ihren systematischen Beitrag zu Menschenrechts-Debatten hin zu überprüfen.
Die Schule von Salamanca sticht dadurch hervor, dass sie mit einem universalen weltumspannenden Herrschaftssystem konfrontiert war. Die spanisch-habsburgische Monarchie stieß gleichermaßen an ihren Rändern und im Innern an die Grenzen ihres Herrschaftsanspruchs. Das Verhältnis von nationalen Monarchien und Kirche wurde in Frage gestellt. Die Rechte des Einzelnen innerhalb und außerhalb dieser Gemeinschaften waren gleichfalls bedroht. Die Theoretiker der spanischen Spätscholastik betrachteten diese Fragen in ihrer Verzahnung.
Über die religiös-konfessionellen Fragmentierungen hinweg treten vergleichbare Argumentationsmuster in den europäischen Ständedebatten auf, die sich auf Rechtfertigungsmuster des Rechts der Not- und Gegenwehr (Naturrecht, römisches Recht, altes Herkommen), aber auch auf das Gewissen als einen politisch-theologisch umstrittenen Begriff beziehen. Die Religion kann nicht gewaltsam aufgezwungen werden, das war im 16./17. Jahrhundert Konfliktpunkt und ein einschlägiges Argument innerhalb aller europäischen Herrschaftssysteme, aber auch gegenüber den Kolonialvölkern. Es stellt das Ferment der neuzeitlichen Konzeption der Menschenrechte dar.
An dem Projekt sind als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen Kirstin Bunge (Philosophie) und Therese Schwager (Geschichte/Frühe Neuzeit) beteiligt; geleitet wird es durch Prof. Dr. Matthias Lutz-Bachmann und Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte.
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Personen in diesem Projekt:
- Projektleitung / Ansprechpartner
- Lutz-Bachmann, Matthias, Prof. Dr. | Profil
- Schorn-Schütte, Luise, Prof. Dr. | Profil
- Projektmitarbeiter
- Bunge, Kirstin | Profil
- Schwager, Therese, Dr. phil. | Profil
Publikationen in diesem Projekt:
- Bunge, Kirstin (i.E.): "Ordnung und Freiheit. Zum Begriff der Freiheit und des Rechts bei Francisco de Vitoria und Bartolomé de Las Casas", in: Kirstin Bunge, Stefan Schweighöfer, Anselm Spindler, Andreas Wagner (Hrsg.), Kontroversen um das Recht. Beiträge zur Rechtsbegründung von Vitoria bis Suárez. Stuttgart: frommann-holzboog.
Details - Bunge, Kirstin (forthcoming): "Francisco de Vitoria", in: Wörterbuch der Würde, hrsg. v. Rolf Gröschner, Antje Kapust, Oliver Lembcke. München/Stuttgart: Fink-UTB, 2012.
Details - Bunge, Kirstin (2011): "Das Verhältnis von universaler Rechtsgemeinschaft und partikularen politischen Gemeinwesen. Zum Verständnis des totus orbis bei Francisco de Vitoria", S. 201-227, in: Kirstin Bunge, Anselm Spindler u. Andreas Wagner (Hrsg.), Die Normativität des Rechts bei Francisco de Vitoria. Stuttgart: frommann-holzboog.
Details - Lutz-Bachmann, Matthias; Fidora, Alexander (2010): Kognitive Ordnungen in der Philosophie des Mittelalters, in: WBG Weltgeschichte, Bd. 3, Darmstadt.
Details - Lutz-Bachmann, Matthias; Niederberger, Andreas (Hrsg.) (2009): Krieg und Frieden im Prozess der Globalisierung, Velbrück Verlag, Weilerswist 2009
Details - Ptaszynski, Maciej (2008): „Was für große sorge und mühe ein heiliger ehestandt wehre“ (Pfarrwitwe 1599. Zur Lebenssituation der Pfarrwitwen am Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts?, in: Thomas Kaufmann, Kaspar von Greyerz (Hg.), Konfessionen und Kulturen in der Frühen Neuzeit, Heidelberg 2008, S. 319-346.
Details - Schorn-Schütte, Luise (Hrsg.) (2009): Die Sprache des Politischen in actu. Zum Verhältnis von politischem Handeln und politischer Sprache von der Antike bis ins 20. Jahrhundert (Schriften zur politischen Kommunikation 1), Göttingen 2009.
Details - Schorn-Schütte, Luise (2009): Politische Kommunikation als Forschungsfeld. Einleitende Bemerkungen, in: dies. (Hg.), Die Sprache des Politischen in actu. Zum Verhältnis von politischem Handeln und politischer Sprache von der Antike bis ins 20. Jahrhundert (Schriften zur politischen Kommunikation 1), Göttingen 2009, S. 7-18.
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