Wissen und Information über Afrika

Die Nachwuchsgruppe „Wissen und Information über Afrika“ untersucht vor dem Hintergrund der gemeinsamen Fragestellung des Clusters, wie Unternehmungen der Entdeckung, Erforschung und anschließenden Kolonialisierung der Welt seit dem 15. Jahrhundert versucht haben, mittels Informations- und Wissensbeschaffung die Gegensätzlichkeit zwischen den unterschiedlichen Lebenskulturen und -umwelten zu überwinden. In der Gruppe wird die Wissensgeschichte Afrikas aus Sicht verschiedener historischer Akteure und Institutionen erforscht und es wird nach den spezifischen Wissens- und Informationssystemen gefragt, aus denen die Rechtfertigungsnarrative für die jeweiligen Herrschaftsansprüche über andere Kulturen, Menschen, Norm- und Wertesysteme und damit für Ordnungen der Ungleichheit konstruiert werden konnten.

Das Projekt des Leiters der Gruppe (Benjamin Steiner) beschäftigt sich mit der Implementierung eines Informations- und Wissenssystem über Afrika im Frankreich der Frühen Neuzeit. Am Beispiel der Erforschung und Informationsbeschaffung durch französische Händler, Entdecker und Forscher steht die Erfassung des Kontinents durch Berichte, Beschreibungen, Kartographierungen und proto-statistische Datenerhebungen im Zentrum des Interesses. Dabei soll explizit nachverfolgt werden, wie das normative Gebilde der Informationserfassung, -archivierung und -distribution in den Institutionen der Wissensverarbeitung (Akademien, Ministerien, Handelskompanien) in der Praxis funktionierte. Wissen und Information erweisen sich in ihrer archivierten Form so als Zeugnisse eines langandauernden Prozesses, der die Herausbildung eines ganz bestimmten Diskurses sowie einer spezifischen Ordnungsvorstellung über das Verhältnis zwischen Europa und Afrika dokumentiert.
Die Projekte der Doktoranden und Doktorandinnen der Nachwuchsgruppe stellen dieser Fragestellung drei kontrastreiche Forschungsansätze in unterschiedlichen Raum- und Zeitrahmen zur Seite. Das erste Dissertationsvorhaben (Esther Ries) widmet sich Afrikanern und Afrikanerinnen im Europa des 18. Jahrhunderts. Dabei werden interessanterweise auch die Berichte von solchen Menschen aus Afrika untersucht, die aus freien Stücken nach Europa, insbesondere nach Großbritannien kamen, um dort die Sprache zu lernen, zu studieren, oder, beispielsweise als Übersetzer bei Handelsgesellschaften, beruflich tätig zu sein. So wird die dominante Narrative einer Unterdrückungsgeschichte der Afrikaner durch Europäer gebrochen und u.a. nach dem Einfluss gefragt, den diese positiven Beispiele des gespiegelten Kulturkontakts auf das Afrikabild in Europa hatten.

Eine weitere Variation des gemeinsamen Themas bringt der zweite Projektentwurf über Erinnerungskulturen in Guinea-Bissau und Portugal im 20. Jahrhundert ein (Tina Kramer). Hier wird aus historiographisch-ethnologischer Perspektive nach einer eigenen afrikanischen Erinnerungs- und Geschichtskultur, die sich mit der kolonialen Vergangenheit beschäftigt, gefragt werden. Auch steht hier die Mobilität der Akteure im Spannungsfeld zwischen Kolonie und Kolonialmacht im Zentrum des Interesses. Gefragt wird danach, wie Studenten, Reisende, Händler oder Politiker das Gefälle zwischen den jeweiligen normativen Ordnungen der oral vermittelten Erinnerungskultur in Guinea-Bissau und der offiziellen Geschichtsschreibung in Portugal erlebten und noch heute erleben.

Schließlich beschäftigt sich ein drittes Promotionsvorhaben (Felix Schürmann) mit einer transkulturellen Gemeinschaft, die sich beinahe als Vorform einer globalen Subkultur beschreiben ließe. Es handelt sich hierbei um die Niederlassungen von Walfängern an der afrikanischen Küste im 18. und 19. Jahrhundert, deren soziale Zusammensetzung und globaler Aktionsraum ein Gegenbild zu den europäischen Seefahrern darstellt. Hier dienen als Hauptquelle private Logbücher von Besatzungsmitgliedern, die von ihren Erfahrungen an den Küsten mit dem fremden Kontinent und seinen Bewohnern berichten, und das nicht nur nach der Augenzeugenschaft des Europäers, sondern auch aus der Perspektive schwarzer Offiziere und Hapurniere, die entweder als frühere Sklaven aus Nordamerika oder der Karibik stammten oder als afrikanische Arbeiter von den Walfängerschiffen unterwegs angeheuert wurden.

 

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Personen in diesem Projekt:

  • Projektleitung / Ansprechpartner
    • Steiner, Benjamin, Dr. phil. | Profil
  • Projektmitarbeiter

Publikationen in diesem Projekt:

  • Steiner, Benjamin; Rau, Susanne; Benz, Stefan; Sawilla, Jan-Marco; Bihrer, Andreas (2010): Geschichte schreiben. Ein Quellen- und Studienhandbuch zur Historiographie (ca. 1350-1750), Berlin: Akademie Verlag, 97-110.
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  • Steiner, Benjamin; Michels, Stefanie (2009): Nachwuchsforschung in Zeiten der Reform. Die Forschungsgruppen „Wissen und Information über Afrika“ und „Transnationale Genealogien“, in: Jahrbuch der historischen Forschung in der Bundesrepublik Deutschland. Berichtsjahr 2008, hg. v. der Arbeitsgemeinschaft historischer Forschungseinrichtungen, München: Oldenbourg Verlag, 103-107
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  • Schürmann, Felix (2011): "Phantasma der einsamen Insel." Rezension von Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde. (2009) In: iz3w 325 (2011): 24.
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  • Schürmann, Felix (2011): "Walfänger an der Küste Afrikas: Am Exzellenzcluster ‚Die Herausbildung normativer Ordnungen‘ wird die Geschichte maritimer Verflechtungen untersucht." In: UniReport 1/2011: S. 14.
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  • Schürmann, Felix (2011): Rezension von Chandler B. Saint & George A. Krimsky: Making Freedom: The Extraordinary Life of Venture Smith. (2009) In: Journal of Black Studies 42.6 (2011): 1019–21.
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  • Schürmann, Felix (2011): Rezension von Peter Linebaugh & Marcus Rediker: Die vielköpfige Hydra: Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks. (2008) In: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen 44 (2011): 203-5.
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  • Schürmann, Felix (2010): Rezension von Thomas W. Smith: A Narrative of the Life, Travels, and Sufferings of Thomas W. Smith..., Hrsg. Damien Sanders. (2009) In: geschichte.transnational, 30.07.2010.
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  • Schürmann, Felix (2009): Reiten, kämpfen, herrschen: Pferde und Strategien der Herrschaftsentfaltung im südwestlichen Afrika, ca. 1790-1890. In: Tiere im Krieg. Von der Antike bis zur Gegenwart. Hrsg. von Rainer Pöppinghege. Paderborn: Schöningh, 2009. S. 65–84.
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  • Schürmann, Felix (2009): Ungeahnte Wege: Mobilitätserfahrungen des befreiten Sklaven Timbo Samuel Samson im südlichen Afrika des 19. Jahrhunderts. In: Historische Anthropologie 17.1 (2009): S. 75–91.
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  • Steiner, Benjamin (2011): Die Tatsachen der Geschichte. Kritik, Genealogie und Archäologie frühneuzeitlicher Tabellenwerke als Reservoire und Ordnungssysteme historisch-empirischen Wissens, in: Frank Bezner und Kirsten Mahlke (Hrsg.), Zwischen Wissen und Politik. Archäologie und Genealogie frühneuzeitlicher Vergangenheitskonstruktionen, Heidelberg: Winter, 255-271.
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  • Steiner, Benjamin (2011): Rez.: Reinhart Koselleck: Vom Sinn und Unsinn der Geschichte. Aufsätze und Vorträge aus vier Jahrzehnten, hg. und mit einem Nachwort von Carsten Dutt, Frankfurt am Main 2010, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59, 159-160
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  • Steiner, Benjamin (2010): Akkumulation und Reduktion. Der Umgang mit Pluralisierung historischen Wissens in frühneuzeitlichen Tabellenwerken, in: Jan-Dirk Müller / Wulf Oesterreicher / Friedrich Vollhardt (Hrsg.), Pluralisierungen. Konzepte zur Erfassung der Frühen Neuzeit (Pluralisierung & Autorität, 21), Berlin / New York: de Gruyter, 235-255.
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  • Steiner, Benjamin (2009): Wissensfülle und Ordnungszwang. Historische Tabellenwerke als enzyklopädischer Typus in der Frühen Neuzeit, in: Martin Schierbaum (Hrsg.), Enzyklopädistik zwischen 1550 und 1650. Typen und Transformationen, Münster, Hamburg, London, 483-513.
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  • Steiner, Benjamin (2008): Die Ordnung der Geschichte. Historische Tabellenwerke in der Frühen Neuzeit (Norm und Struktur, 34), Wien, Köln, Weimar.
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