Bioethische Herausforderungen normativer Ordnungen

In diesem Projekt geht es um die Frage, wie neue biomedizinische Technologien, etwa künstliche Befruchtung, Stammzellforschung, Präimplantationsdiagnostik (PID) und genetische Manipulation, die universalistische und egalitäre Moral sowie bestimmte traditionelle Wertvorstellungen, etwa über die Demut vor der natürlichen Ordnung, beeinflussen oder gar verändern (sollten).
Dabei wird zwischen zwei Arten von Technologien differenziert, die jeweils unterschiedliche Herausforderungen darstellen. Zum einen werden Technologien untersucht, die Leben künstlich herstellen, dieses sodann aber zerstören (entweder intentional oder als voraussehbare Konseuqenz) (1). Zum anderen handelt es sich um  Technologien, die Leben künstlich herstellen, um es dann mit Blick auf die Hervorbringung einer neuen Person auf bestimmte Qualitätsmerkmale hin zu selektieren oder genetisch zu manipulieren (2). Während Technologien der ersten Kategorie alte Fragen in neuem Lichte erscheinen lassen, führen Technologien der zweiten Sorte zu völlig neuartigen Problemen.

(1) Methoden der künstlichen Befruchtung, der Stammzellforschung und teilweise auch die PID (insofern Embryonen ausselektiert werden), die auf die künstliche Herstellung und Destruktion von Embryonen angewiesen sind, machen es notwendig, den moralischen Status von Embryonen neu zu überdenken. Anders als im Kontext der Abtreibungsdebatte, in dem der moralische Status des Embryos gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frau abgewogen werden musste, geht es in diesen bioethischen Konflikten um eine Reihe von anderen konkurrierenden Interessen, die den moralischen Status des Embryos übertrumpfen sollen: so etwa das Interesse am medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritt, das Interesse am „eigenen“ (also biologisch verwandten) Kind sowie das Interesse, gesunden Nachwuchs zu gebären, aber auch Krankheiten, wie etwa Leukämie oder Alzheimer, bei bereits Geborenen besser heilen zu können. Während man im Abtreibungskonflikt noch argumentieren kann, dass die Pflicht zur Achtung des moralischen Status des Embryos durch das Selbstbestimmungsrecht der Frau ausnahmsweise überwogen wird, stellt die Implementierung dieser neuen Technologien das Bekenntnis zum Embryonenschutz nun grundsätzlich in Zweifel.

(2) Technologien wie PID und genetische Manipulation ergeben ganz neuartige Probleme: Nicht nur ist es bereits möglich, in der Petrischale Embryos mit gewissen genetischen Prädispositionen „auszuwählen,“ sondern es wird bald machbar sein, die Natur der nächsten Generation auf fundamentale Weise zu bestimmen. Diese neue Eingriffsmöglichkeit verschärft nochmals die ohnehin existierende Machtasymmetrie zwischen den Generationen, bei denen jetzt Lebende über die Existenz und die Lebensumstände Nachgeborener bestimmen können. Die Frage ist, ob sich diese Macht auch in ein Recht der Eltern zur verbessernden Intervention übersetzen lässt, wie liberale Eugeniker zumeist annehmen (Buchanan et al. in „From Chance to Choice“, 2000; Dworkin in „Playing God”, 2000), oder ob diese Macht nicht eher zur Vorsicht mahnt. Dieser zweiten Position zufolge respektiert man die Autonomie und Gleichheit zukünftiger Menschen nur, wenn man sich Eingriffen in ihr Genom so weit wie möglich enthält (Habermas in „Die Zukunft der menschlichen Natur“, 2001).

 

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Personen in diesem Projekt:

  • Projektleitung / Ansprechpartner
    • Forst, Rainer, Prof. Dr. | Profil
  • Projektmitarbeiter
    • Karnein, Anja (ehem. Mitglied) | Profil

Publikationen in diesem Projekt:

  • Forst, Rainer; Esser, A.; Leist, A. (2008): "Kants Ethik in der Diskussion", Diskussionsbeiträge, in: Information Philosophie, S. 27-35.
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  • Forst, Rainer (2009): "Det tolerante Europa er et skuffet Europa" (Interview), Dagbladet Information, 30.5.2009, S. 14/15.
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  • Forst, Rainer (2009): "Die hohe Kunst der Toleranz" (Wiederabdruck), in: Peter Kemper, Alf Mentzer u. Ulrich Sonnenschein (Hg.), Wozu Gott? Religion zwischen Fundamentalismus und Fortschritt, Frankfurt: Insel, 2009, S. 243-249.
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  • Forst, Rainer (2009): "Toleranz, Glaube und Vernunft. Bayle und Kant im Vergleich", in: Heiner Klemme (Hg.), Kant und die Zukunft der europäischen Aufklärung, Berlin: de Gruyter, S. 183-209.
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  • Forst, Rainer (2008): "Die Ambivalenz der Toleranz", in: Forschung Frankfurt 1/2008, S. 14-21. Wiederabdruck in Universitas, S. 808-821.
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  • Forst, Rainer (2008): "Die Perspektive der Moral. Grenzen und Möglichkeiten des kantischen Konstruktivismus in der Ethik", in: Peter Janich (Hg.), Naturalismus und Menschenbild. Deutsches Jahrbuch Philosophie 1, Hamburg: Meiner, S. 126-137.
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  • Forst, Rainer (2008): "Pierre Bayle's Reflexive Theory of Toleration", in: Melissa S. Williams & Jeremy Waldron (Hg.), Toleration and is Limits, Nomos XLVIII, New York: New York University Press, S. 78-113.
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  • Forst, Rainer (2008): "The Limits of Toleration", in: Ingrid Creppell, Russell Hardin, Stephen Macedo (Hg.), Toleration on Trial, Lanham: Lexington Books, S. 17-30.
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  • Forst, Rainer (2008): "Toleranz und Religion. Lehren aus der Geschichte für die Gegenwart", in: Konrad Paul Liessmann (Hg.), Die Gretchenfrage "Nun sag', wie hast du's mit der Religion?", Philosophicum Lech, Wien: Zsolnay Verlag, S. 134-148.
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  • Forst, Rainer (2008): "Toleration and Truth. Comments on Steven Smith", in: Melissa S. Williams & Jeremy Waldron (Hg.), Toleration and its Limits. Nomos XLVIII, New York: New York University Press, S. 281-292.
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  • Forst, Rainer (2008): "Toleration", in: Edward N. Zalta et al. (Hg.), Stanford Encyclopedia of Philosophy, online seit 2008.
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  • Forst, Rainer (2007): "'To tolerate means to insult': Toleration, Recognition, and Emancipation", in: Bert van den Brink & David Owen (Hg.), Recognition and Power, Cambridge: Cambridge UP, S. 215-237 (mit einer Antwort von A. Honneth).
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  • Karnein, Anja (forthcoming): Being Born. A Theory of Intergenerational Justice, Oxford: Oxford University Press (in Vorb.).
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  • Karnein, Anja (forthcoming): Zukünftige Personen. Eine normative Theorie ungeborenen Lebens, Berlin: Suhrkamp (in Vorbereitung).
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  • Karnein, Anja (forthcoming): “A Normative Perspective on the Value of Parenthood”, in: Richards, Martin/ Pennings, Guido/Appleby, John (eds.): Reproductive Donation, Cambridge: Cambridge University Press (in Vorb.).
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  • Karnein, Anja (forthcoming): „Gibt es ein universelles Recht auf Elternschaft?“, in: Kreide, Regina/Landwehr, Claudia/Toens, Katrin (Hg.): Demokratie und Gerechtigkeit in Verteilungskonflikten, Baden-Baden: Nomos (in Vorb.).
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  • Karnein, Anja (2010): „Der Wert der Unabhängigkeit“. In: Kauffmann, Clemens and Hans-Joerg Sigwart (Hg.): Biopolitik im liberalen Staat. Baden-Baden: Nomos (im Erscheinen).
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  • Karnein, Anja (2009): Buchbesprechung zu Michael Sandel: A Case Against Perfection und Jürgen Habermas: The Future of Human Nature. On the Way to a Liberal Eugenics? In: Constellations 16:1, 206-209.
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  • Karnein, Anja (2009): „Warum dürfen wir unsere Kinder nicht Klonen? Habermas und seine Kritiker in der bioethischen Debatte“. In: Forschung Frankfurt 2, 68-71.
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