Die Analyse von Normativität aus transnationaler Perspektive wird dazu beitragen, das Wesen und die Praxis feministisch-postkolonialer Theorie und Politik neu zu denken. Die gegenwärtige Weltordnung wird nicht nur in geopolitischer und strategischer Hinsicht betrachtet, sondern ebenso mithilfe normativer Konzepte wie Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden. Dabei wird die Legitimität umfassender normativer Systeme mit globaler Reichweite und Geltung untersucht.
Normativität übt verschiedene Funktionen aus. Als Strategien der Normalisierung, die soziale Praxen und Interaktionen regeln, definieren Normen implizite (soziale und kulturelle), als auch explizite (kodifizierte) Verhaltensregeln. Als Prinzipien der Valorisierung honorieren sie Folgsamkeit und sanktionieren Devianz. Der Fokus liegt hierbei auf ‚normativer Gewalt‘, womit die Gewalt spezifischer Normen gemeint ist, die definieren, wer sich als politisches Subjekt qualifiziert. Neben der Gewalt von Normen kann ihre Macht jedoch ebenso in einem produktiven Sinne verstanden werden: Normen bringen gewisse legitime Subjekte hervor, indem sie andere delegitimieren. Die Entstehung politischer Handlungsfähigkeit wird durch Normen also zugleich ermöglicht und behindert. Obwohl Subjekte von normativen Ordnungen abhängig sind und aus ihnen hervorgehen, sind sie nicht vollständig durch sie determiniert. Hierin liegt die Möglichkeit, Widerstand gegen Normen zu entwickeln.
Da Normen keine von menschlichen Praxen losgelöste, objektive und ahistorische Gegebenheit sind, ist Normativität stets verhandelbar. Ein kritisches Verhältnis zu Normen zu entwickeln, setzt jedoch die Fähigkeit voraus, den Horizont des Gegenwärtigen zu überschreiten und die Möglichkeit anderer normativer Ordnungen zu erwägen. Insbesondere die Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, stellt den Ausgangspunkt für Kämpfe um alternative Artikulationen von Normen dar und eröffnet somit den Raum für kreative Handlungsfähigkeit.
Feministisch-postkoloniale Praxen, die häufig an den Rändern der Macht verortet sind, verfolgen die Transformation von etablierten Normen und/oder die Einführung alternativer Normen mit dem Ziel, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse von verletzlichen und marginalisierten Gruppen zu verbessern. Anstelle einer bloßen Übernahme von vermeintlich universell gültigen normativen Ordnungen erfordert dies eine Hinterfragung derselben. In Abgrenzung zu kulturrelativistischen Ansätzen verwirft eine feministisch-postkoloniale Perspektive jedoch nicht schlicht spezifische Normen und Ideen, deren Genese in einem westlichen Androzentrismus verortet wird. Vielmehr wird eine Offenlegung und (Neu-)Verhandlung ihrer grundlegenden Prämissen angestrebt, die mit der Geschichte des Kolonialismus eng verwoben sind.
Folglich schlägt das Forschungsprojekt eine zweifache Herangehensweise ein: Über die kritische Hinterfragung der Trennung von ‚lokal‘ und ‚global‘ betrachtet sie in synchroner Perspektive die historischen Bedingungen und die gegenwärtigen vergeschlechtlichten Machtverhältnissen zwischen globalem Süden und Norden als Entstehungs- und Geltungskontext von Normen. Darüber hinaus sollen im Rahmen des Projektes die Wirkungsweisen erforscht werden, über die Normen Formen von Subjektivität und Intersubjektivität regulieren. Vergeschlechtlichte koloniale und postkoloniale Ordnungen werden dabei sowohl als Machtverhältnisse, als auch als normative Ordnungen verstanden. Die dem Projekt zugrunde liegende Annahme ist, dass alternative Konzeptionen von Normativität in eben jenem Moment entstehen, in dem eurozentrische und heteronormative Ordnungen und Normen herausgefordert werden. Daher wird neben der Frage, wie Normen entstehen, überdies untersucht, wie Normen in Kämpfen um Inklusion, Gerechtigkeit und Gleichheit gedacht und angeeignet werden, um historische Gewalt zu überwinden.
Unter Berücksichtigung historisch gewachsener vergeschlechtlichter Machtverhältnisse liegt der Fokus der vier Teilprojekte darauf, die Spannungen zwischen verschiedenen Formen von Normen, aber auch die Möglichkeiten ihrer Verhandelbarkeit und ihre Legitimität zu untersuchen. Dabei liegt die Aufmerksamkeit darauf, wie verschiedene politische Akteure zum einen die ungleichen Verhältnisse zwischen dem globalem Norden und dem globalen Süden, sowie zum anderen innerhalb des Nordens und Südens unter den Bedingungen des Postkolonialismus verhandeln.
Teilprojekt 1: Dekolonisierung und Demokratisierung (Nikita Dhawan)
Den Ausgangspunkt von Nikita Dhawans Projekt bildete die Frage, inwiefern gegenwärtige Diskurse über Demokratie, Transnationale Gerechtigkeit und Menschenrechte durch das keineswegs leicht zu bewältigende koloniale Erbe geprägt sind. Im ersten Schritt wurde der Fokus auf die Ambivalenz von Normen gelegt, wobei insbesondere untersucht wurde, inwie-fern Normen zugleich eine befähigende und gewaltvolle Funktion ausüben. Obwohl Normen daher als Orientierung für die Transformation der sozialen Welt unentbehrlich sind, muss der „normativen Gewalt" hegemonialer Normen auch Widerstand entgegen gesetzt werden. In diesem Zusammenhang stellte sich die zentrale Frage, wie Normen in Bestrebungen um Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit eingesetzt und angeeignet werden können, um histori-sche Gewalt zu überwinden.
Teilprojekt 2: Geschlechterverhältnisse neu verhandeln - Die Geschlechternormen der Vereinten Nationen in postgenozid Ruanda (Rirhandu Mageza-Barthel)
Das Teilprojekt von Rirhandu Mageza-Barthel schließt an die Forschung prominenter feministischer Theoretikerinnen an, die liberale Annahmen über die Qualität von Demokratien und demokratischen Prozessen kritisieren, in denen Fragen der In- und Exklusion weder thematisiert noch problematisiert werden. Für den postkolonialen Staat Ruanda, der durch den Genozid eines Wiederaufbaus und einer Neuverhandlung seiner politischen und sozialen Ordnung bedurfte, gewinnt eine kritische Hinterfragung der Grundüberlegungen über politische Partizipation und Repräsentation an Bedeutung. Daher verfolgt dieses Projekt das Ziel eines weitergehenden Verständnisses über den Zusammenhang zwischen nationalen und internationalen Normen in einem postkolonialen, postgenozid Kontext und trägt so zu einer Weiterentwicklung feministischer Ansätze der Normdomestizierung bei.
Teilprojekt 3: Verantwortung für den ‚Anderen‘ in einer postkolonialen Welt. Zur Dekonstruktion und Dekolonisierung kosmopolitischer Normen (Jeanette Ehrmann)
Das Teilprojekt von Jeanette Ehrmann rekonstruiert aus ideengeschichtlicher und systematischer Perspektive Konzeptionen kosmopolitischer Normen seit Beginn des modernen Kolonialismus durch die Eroberung Amerikas. Das Projekt verfolgt die Fragestellung, wie die Beziehung zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten, allgemein zwischen Europa und seinem (konstruierten) ‚Anderen‘, in normativen Begriffen wie dem der Gerechtigkeit und Verantwortung und damit korrespondierenden Rechten und Pflichten konzipiert wurde. Die Schwerpunkte liegen dabei auf den Schriften Francisco de Vitorias und Bartholomé de las Casas‘ sowie auf den Diskursen um Gleichheit bzw. Ungleichheit in Zusammenhang mit der Haitianischen Revolution und der Abschaffung der Sklaverei. Aus der Rekonstruktion sollen kritische Einsichten für Konzeptionen transnationaler Gerechtigkeit und Verantwortung unter den Bedingungen des Postkolonialismus gewonnen werden.
Teilprojekt 4: Feministische Konzeptionen von Normativität und transnationale Literalität (Elisabeth Fink)
Das Teilprojekt von Elisabeth Fink behandelt die Bedeutung des Konzepts von ‚empowering work‘ sowie die Frage nach einer adäquaten Thematisierung der Feminisierung von Arbeit und der ‚neuen‘ internationalen Arbeitsteilung aus postkolonial-feministischer Perspektive. Im Zentrum stehen hierbei Ansätze der internationalen Regulierung von Arbeit im Rahmen von Global Governance, die am Fallbeispiel der bangladeschischen Bekleidungsindustrie auf ihre Potentiale und Grenzen hin untersucht werden.












