Partikulare Umsetzung normativer Wirtschaftsordnungen im 19. Jahrhundert

Mit der Freihandelsordnung etablierte sich im langen 19. Jahrhundert ein globales Wirtschafts- und Handelssystem mit hohem normativem Anspruch, das durch Technologien des Regierens auf eine umfassende Lebenssteuerung hinwirkte. Freihandel als Ordnungsbehauptung rang alsbald um Legitimation und Rechtfertigung seiner Regelungsansprüche: Widerstände und Paradoxa normativer Geltungsgründe wurden auf globaler wie lokaler Ebene zur Regel. Zugleich verschoben sich die Grenzen zwischen Lokalem, Nationalem und Globalem, Zentrum und Peripherie.

Angesichts der Vielzahl der Erfahrungen individueller Akteure mit Freihandelsordnungen und ihren Repräsentationen kann daher nur ein multidimensionaler Zugang dieser Interaktion zwischen politischer Organisation, Ideen und wirtschaftlichen Aktivitäten, ihrer gleichzeitigen Ausdifferenzierung und Verflechtung gerecht werden. Das Projekt zielt auf eine Beziehungsgeschichte zwischen globalen und lokalen Räumen guter Gründe und interessiert sich insbesondere für Rechtfertigungsnarrative und ihre wechselseitigen Einflüsse, Kommunikations- und Austauschbeziehungen. Die Forschungsinitiativen, die unter dem Dach dieses Projektes versammelt sind, gehen diesen Wirkungszusammenhängen aus makro- und mikrohistorischer Perspektive nach:

Die Ambivalenzen vermeintlich ‚guten Regierens’ und Paradoxa der Freihandelsordnung traten im Fall des britischen Empire deutlich hervor. Als Teil der britischen globalen Zivilisierungsmission und Säulen der kolonialen Herrschaftsarchitektur traten Free Trade und Rule of Law in der multi-ethnischen und multi-religiösen Musterkolonie Indien in ein Spannungsverhältnis zueinander. Dieses steht im Mittelpunkt des ersten Projektes. Geltungsgründe konfligierten, und zwar sowohl in spezifischen Arenen des Rechts wie z.B. vor Gericht als auch in der britischen Öffentlichkeit selbst.

Nicht selten rivalisierten so ‚ökonomische’ und ‚moralische’ Argumente miteinander, wie bei der Abschaffung des Sklavenhandels. Die Freihandelsordnungen beruhten auch auf der Privatisierung von Besitzrechten und der Regelung von Arbeitsverhältnissen, die sich auf Vertragsfreiheit und die Vorstellung von Marktbeziehungen zwischen freien und gleichen Individuen gegründet verstanden. Dies jedoch schloss nicht aus, dass sich neue Formen der nun als ‚frei’ deklarierten Zwangsarbeit entwickelten: Inwieweit resultierten demnach Erfolg oder Scheitern der Freihandelsordnung(en) aus Problemen der normativen Ordnung selbst oder aus einer nach ihren eigenen Normen ungerechten oder ineffektiven Umsetzung? Diese Frage wird Gegenstand einer zweitätigen Konferenz sein.

Zeitgenössische Politiker, Verwaltungsexperten, private und staatliche (Handels)Gesellschaften, Kaufleute, Intellektuelle und die öffentliche Meinung beschäftigten sich intensiv mit Gewinnen und Verlusten der Freihandelsordnungen und ihrer Herrschaftstechniken, mit Wettbewerb auf internationalen Märkten, Industrialisierung und sozialem Fortschritt. Diese Diskussionen waren zugleich dicht verwoben mit Debatten über die Nation und deren Neubewertung: Die Nation blieb zum einen stetiger Referenzpunkt im Kontext globaler Dynamiken, veränderte sich zum anderen zugleich in eben jenen Modernisierungsprozessen. Für das britische wie auch das französische Kolonialreich des 19. Jahrhunderts galt, dass die koloniale Expansion Einfluss auf die Produktion von historischem Wissen über die Nation nahm und auf das Empire-building und den Prozess der Globalisierung zurückwirkte. Europa lässt sich also nicht aus sich selbst heraus verstehen.

Um zu zeigen, wie sehr die Analyseebenen des Globalen, Nationalen und Lokalen miteinander verwoben sind, bleibt also neben der Makro- gerade die Mikroperspektive unabdingbar. Diese hilft, alle intermediären Erfahrungsebenen zu erfassen, die die individuelle, alltägliche Begegnung mit dem Freihandel formten: Die Implementierung der liberalisierten Wirtschaftsordnung verdrängte auch die bis dahin auf kollektiven Besitzrechten und auf der Verbindung von ökonomischer Abhängigkeit und Herrschaft beruhenden Wirtschaftspraktiken: Wie dies Gerechtigkeitspraktiken und deren Rechtfertigungsnarrative veränderte, zeigt eine vierte Studie am Beispiel der Bauernbefreiung und Agrarreformen in Nassau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus lokal- bzw. regionalgeschichtlicher Perspektive – ein Ansatz, der wie die anderen Projekten auch auf die Rückbindung zwischen universaler Freihandelsordnung und partikularer Praxis zielt.

Das Projekt bearbeiten Prof. Dr. Andreas Fahrmeir als Leiter sowie Heidi Quoika  und Verena Steller. Es besteht außerdem eine Kooperation mit dem IGK (Dr. Marco Platania).

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Personen in diesem Projekt:

  • Projektleitung / Ansprechpartner
    • Fahrmeir, Andreas, Prof. Dr. | Profil
  • Projektmitarbeiter

Publikationen in diesem Projekt:

  • Fahrmeir, Andreas; Bosbach, Franz; Davis, John R. (Hrsg.) (2009): Industrieentwicklung: Ein deutsch-britischer Dialog / The Promotion of Industry: An Anglo-German Dialogue. (Prinz-Albert Studien, Band 27.) München, Saur 2009.
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  • Fahrmeir, Andreas (2011): Rez. von Daniel T. Rodgers, Atlantiküberquerungen. Die Politik der Sozialreform, 1870-1945, Stuttgart 2010, in: Historische Zeitschrift 292, 2011, S. 230-2.
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  • Open-Access-Logo Fahrmeir, Andreas (2011): Rez. von E. A. Wrigley, Energy and the English Industrial Revolution, Cambridge: Cambridge University Press 2010, in: sehepunkte 11, 2011, Nr. 2, www.sehepunkte.de/2011/02/18156.html.
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  • Open-Access-Logo Fahrmeir, Andreas (2011): Rez. von Jakob Zollmann: Koloniale Herrschaft und ihre Grenzen. Die Kolonialpolizei in Deutsch-Südwestafrika 1894-1915, Göttingen 2010, in: sehepunkte 11, 2011, Nr. 5, http://www.sehepunkte.de/2011/05/17709.html
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  • Fahrmeir, Andreas (2010): Revolutionen und Reformen. Europa 1789-1850 (C. H. Beck Geschichte Europas; Beck'sche Reihe 1985). München, C. H. Beck 2010.
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  • Open-Access-Logo Fahrmeir, Andreas (2010): Rez. von Christiane Eisenberg, Englands Weg in die Marktgesellschaft. Göttingen 2009, in: sehepunkte 10, 2010, Nr. 2, www.sehepunkte.de/2010/02/16324.html.
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  • Open-Access-Logo Fahrmeir, Andreas (2010): Rez. von Dorothee Gottwald. Fürstenrecht und Staatsrecht im 19. Jahrhundert: Eine wissenschaftsgeschichtliche Studie. Frankfurt am Main 2009, in: H-German, April 2010, www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=30094.
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  • Fahrmeir, Andreas (2010): Rez. von Frank Trentmann, Free Trade Nation. Commerce, Consumption, and Civil Society in Modern Britain. Oxford 2009, in: Historische Zeitschrift 291, 2010, S. 234-6.
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  • Open-Access-Logo Fahrmeir, Andreas (2010): Rez. von J. R. McNeill, Mosquito Empires. Ecology and War in the Greater Caribbean, 1620-1914, Cambridge 2010, in: sehepunkte 10, 2010, Nr. 9, www.sehepunkte.de/2010/09/18152.html.
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  • Open-Access-Logo Fahrmeir, Andreas (2010): Rez. von Nuala Zahedieh, The Capital and the Colonies. London and the Atlantic Economy, 1660-1700, Cambridge 2010, in: sehepunkte 10, 2010, Nr. 9, www.sehepunkte.de/2010/09/18158.html.
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  • Fahrmeir, Andreas (2010): Rez. von Robert C. Allen, The British Industrial Revolution in Global Perspective. Cambridge 2009, in: Das historisch-politische Buch 57, 2010, S. 639f.
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  • Fahrmeir, Andreas; Nützenadel, Alexander (2009): Einleitung, in: Jens-Ivo Engels und Alexander Nützenadel, Geld – Geschenke – Politik: Korruption im neuzeitlichen Europa. (Historische Zeitschrift, Beiheft 48.) München, Oldenbourg 2009, S. 1-15
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  • Fahrmeir, Andreas (2009): Höflichkeit und Revolution, in: Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit 13, 2009, S. 235-245
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  • Fahrmeir, Andreas (2009): Investitionen in politische Karrieren? Politische Karrieren als Investition? Tendenzen und Probleme historischer Korruptionsforschung, in: Jens-Ivo Engels/Andreas Fahrmeir/ Alexander Nützenadel (Hrsg.), Geld – Geschenke – Politik: Korruption im neuzeitlichen Europa. (Historische Zeitschrift, Beiheft 48.) München, Oldenbourg 2009, S. 67-88
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  • Open-Access-Logo Fahrmeir, Andreas (2009): Rez. von David Beck Ryden, West Indian Slavery and British Abolition, 1783-1807. Cambridge 2009, in: sehepunkte 9, 2009, Nr. 11, www.sehepunkte.de/2009/11/16548.html.
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  • Fahrmeir, Andreas (2009): Rez. von Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2009, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. 4. 2009, S. 34.
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  • Fahrmeir, Andreas (2009): Rez. von Martin Daunton, State and Market in Victorian Britain. War, Welfare and Capitalism. Woodbridge 2008, in: Historische Zeitschrift 289, 2009, S. 805f.
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  • Fahrmeir, Andreas (2009): Rez. von Martin J. Wiener, An Empire on Trial: Race, Murder and Justice under British Rule, 1870-1935. Cambridge 2009, in: Das historisch-politische Buch 57, 2009, S. 74.
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  • Open-Access-Logo Fahrmeir, Andreas (2009): Rez. von Niels P. Petersson, Anarchie und Weltrecht. Das Deutsche Reich und die Institutionen der Weltwirtschaft 1890-1930. Göttingen 2009, in: H-Soz-u-Kult, 04.12.2009, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-4-199.
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  • Fahrmeir, Andreas (2009): „Promotion of Industry“ – ein Kommentar, in: Andreas Fahrmeir/Franz Bosbach/John R. Davis (Hrsg.), Industrieentwicklung: Ein deutsch-britischer Dialog / The Promotion of Industry: An Anglo-German Dialogue. (Prinz-Albert Studien, Band 27.) München, Saur 2009, S. 141-145
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  • Fahrmeir, Andreas (2008): Rez. von Anthony Howe (Hrsg.), The Letters of Richard Cobden. Vol. 1: 1815-1847. Oxford 2007, in: Das historisch-politische Buch 56, 2008, S. 142f.
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  • Open-Access-Logo Fahrmeir, Andreas (2008): Rez. von E. P. Hennock, The Origin of the Welfare State in England and Germany, 1850-1914: Social Policies Compared. Cambridge 2007, in: H-German, www.h-net.org/reviews/showrev.cgi?path=60621211498840.
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  • Fahrmeir, Andreas (2008): Rez. von Heike Bungert/Cora Lee Kluge/Robert C. Ostergren (Hrsg.), Wisconsin German Land and Life. Madison, WI 2006, in: Historische Zeitschrift 286, 2008, S. 677-9.
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  • Open-Access-Logo Fahrmeir, Andreas (2008): Rez. von John Schulz, The Financial Crisis of Abolition. New Haven 2008, in: sehepunkte 8, 2008, Nr. 11, www.sehepunkte.de/2008/11/14283.html.
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  • Fahrmeir, Andreas (2008): Rez. von Margrit Schulte Beerbühl, Deutsche Kaufleute in London. Welthandel und Einbürgerung (1660-1818). München 2007, in: Zeitschrift für Historische Forschung 35, 2008, S. 345-7.
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  • Fahrmeir, Andreas (2008): Rez. von Sebastian Conrad/Jürgen Osterhammel (Hrsg.), Das Kaiserreich transnational: Deutschland in der Welt 1871-1914. Göttingen 2004, in: German History 26, 2008, S. 322f.
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  • Open-Access-Logo Fahrmeir, Andreas (2008): Rez. von Stefanie Harrecker, Der Landwirtschaftliche Verein in Bayern 1810-1870/71. München 2007, in: sehepunkte 8, 2008, Nr. 3, www.sehepunkte.de/2008/03/9111.html.
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  • Sperber, Jonathan (2010): Angenommene, vorgetäuschte und eigentliche Normenkonflikte bei der Waldnutzung im 19. Jahrhundert, in: Historische Zeitschrift 290, 2010, S.681-703
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