Das bürgerliche Familienmodell hat jedoch in den letzten Jahrzehnten seinen Geltungsanspruch in vielerlei Hinsicht eingebüßt. Das gilt besonders für Geschlechterdifferenzierungen in der öffentlichen wie in der privaten Sphäre. Grundlagen der Rechtfertigung der komplementären Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern – in Gestalt von Traditionalismen, Biologismen und spezifischen Geschichtsdeutungen – wurden einer weitgehenden Kritik unterzogen. Auch konnte vor dem Hintergrund der zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen bis hin zu der weitgehenden Institutionalisierung der Norm weiblicher Erwerbstätigkeit ein Rekurs auf die faktischen Geschlechterverhältnisse nicht mehr in der Weise als Begründung fungieren. Diese Entwicklung wurde begleitet von einem Prozess der „Demokratisierung“ der Familienbeziehungen, der in einer zunehmenden Bedeutung von Ideen der Gleichheit und Verteilungsgerechtigkeit als normativen Bezugspunkten des Handelns zum Ausdruck kam. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Paarbeziehungen, sondern auch das Verhältnis von Eltern und Kindern. Der Interaktionsstil wird nicht nur zunehmend egalitärer im Sinne eines Abbaus der innerfamilialen Hierarchie, die Eltern orientieren sich auch mehr an einer Gleichbehandlung von Jungen und Mädchen sowie an der Berücksichtigung und Förderung der je besonderen Persönlichkeit des Kindes.
Trotz dieser Entwicklungen kann man davon ausgehen, dass weiterhin – zumindest innerhalb bestimmter Bereiche der allgemeinen und wissenschaftlichen Öffentlichkeit – ein Differenzdiskurs von Bedeutung ist, in dem eine Ungleichheit der Geschlechter betont und als naturgegeben verstanden wird. Vor allem aber lässt sich, wie auch bei der ehelichen Arbeitsteilung, eine Diskrepanz zwischen den normativen Vorgaben und der faktischen Praxis feststellen. So weisen auch Kinder von explizit egalitär orientierten Eltern häufig Persönlichkeitseigenschaften auf, die den alten Geschlechterstereotypen entsprechen.
Vor diesem Hintergrund vermuten wir, dass gegenwärtig mindestens drei heterogene normative Bezugspunkte in den Familienbeziehungen eine Rolle spielen: die Idee der Gleichheit, die Verschiedenheit der Geschlechter und die Individualität des Kindes. Das Projekt untersucht exemplarisch anhand von Interviews mit Eltern und Videoaufzeichnungen von Eltern-Kind-Interaktionen, ob diese drei normativen Orientierungen tatsächlich in den Alltagsdeutungen und Rechtfertigungen des elterlichen Handelns präsent sind, welche Spannungen sich dabei ergeben können und wie sich die Orientierungen im faktischen sozialisatorischen Geschehen niederschlagen.












