Nationale Bildgedächtnisse Europas

Ausgangspunkt für das 2009 initiierte Forschungsprojekt ist die über die letzten zwei Jahrzehnte andauernde „Konjunktur des Gedächtnisses“ (Pierre Nora). Die historischen Wissenschaften haben sich intensiv damit befasst, wie die Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts mit symbolischen Ordnungen ihre jeweilige Gegenwart konzipiert haben, wie individuelles und kollektives Selbstbewusstsein und Fremdwahrnehmung insbesondere über Vergangenheitsentwürfe und einen entsprechenden kulturellen Kanon konstituiert wurden. Die Bebilderung historischer Ereignisse hat dabei selbstredend einen maßgeblichen Anteil an der Vorstellung und Wahrnehmung von Geschichte und Gedächtnis, ist aber in der bisherigen Diskussion eher intuitiv behandelt worden. Zu fragen ist, wie sich eine Geschichte kollektiven Bildwissens – also die bildliche Seite dessen, was wir Erinnerungskultur nennen – in der Moderne erforschen lässt. Untersuchungen aus der Völkerkunde und der europäischen Ethnologie haben bereits zeigen können, dass für die Bestimmung von Bildkanones, Bildkonjunkturen und Bildtraditionen die Erforschung breitenwirksam produzierter und distribuierter Bilder der Alltagskultur eine wesentliche Vorraussetzung ist.

Mit dem Ziel, Umrisse für die Bildgedächtnisse europäischer Nationen in vergleichender Perspektive zu ziehen, fragt das Projekt nach den Formierungen und Transformationen von Erinnerungskulturen in verschiedenen Medien. Das Auftauchen und Absinken von Bildmustern und Motiven, eingebunden in Apparate- und Interessenslogiken, ist dabei ein wesentliches Szenario für das Verstehen von Bildkanones und ihren Konjunkturen. Neben dem Vergleich unterschiedlich nationalgeprägter Bilderinnerungen in Nationalgeschichten und Schulbücher tritt der Vergleich mit den Bildangeboten in populären Medien.

Entwickelt wird ein onlinebasierter Atlas, der die national- und zeitspezifischen Bildkorpora historischer Imagination aufbereitet. Nach Medien (Nationalgeschichten, Schulbücher, Illustrierten, Sammelalben, Zeitschriften) sortiert ist erfasst, welche massenhaft verbreiteten Illustrationen in welchem Land zu welcher Zeit die historische Imagination gesteuert haben. Anhand des Corpus wird zu beobachten sein, ob überhaupt, wie und in welcher Geschwindigkeit neue Verhältnisse in den massenhaft wirksamen Bebilderungen übersetzt wurden und woher die Bildideen stammten, die zwischen der Mitte des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts zirkulierten.

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Personen in diesem Projekt:

  • Projektleitung / Ansprechpartner
    • Jussen, Bernhard, Prof. Dr. | Profil
  • Projektmitarbeiter

Publikationen in diesem Projekt:

  • Jussen, Bernhard (2009): Liebig's Sammelbilder. Weltwissen und Geschichtsvorstellung im Reklamesammelbild, in: Bilderatlas des 20. Jahrunderts, hg. von Gerhard Paul, Göttingen 2009, S. 132-139.
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  • Jussen, Bernhard (Hrsg.) (2008): Antisemitische Postkarten aus der Sammlung Wolfgang Haney, hg. von Juliane Peters (Atlas des Historischen Bildwissens 3, hg. von Bernhard Jussen) Berlin
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  • Jussen, Bernhard (Hrsg.) (2008): Atlas des Historischen Bildwissens 1: Liebig’s Sammelbilder. Vollständige Edition aller 1138 Serien, hg. und eingeleitet von Bernhard Jussen, 3. Auflage Berlin
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  • Jussen, Bernhard (Hrsg.) (2008): Atlas des Historischen Bildwissens 2: Reklamesammelbilder. Bilder der Jahre 1870 bis 1970 mit historischen Themen, hg. und eingeleitet von Bernhard Jussen, Berlin
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  • Jussen, Bernhard (2008): Bild und Text, Kunst und Geschichte (mit Barbara Potthast ), in: zeitenblicke 7,2
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