Das Völkerrecht und seine Wissenschaft, 1789-1914

Das Projekt untersucht paradigmatische Veränderungen rechtlicher Strukturen in den internationalen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert. Von Interesse sind sowohl Völkerrechtspraxis als auch Völkerrechtswissenschaft. Ziel ist, in einem interdisziplinären Forschungszusammenhang das Völkerrecht als einen eigenen Typus normativer Ordnung zu begreifen und seine historischen Strukturmerkmale zu analysieren: Welche Ziele und Werte konstituiert das Völkerrecht des 19. Jahrhunderts? Wer waren die Akteure und welcher juristischen Instrumente bedienten sie sich? In welcher Form universalisierten sich globale Normen und Ordnungen?

Die internationalen Strukturen weisen im Forschungszeitraum eine bemerkenswerte Entwicklung auf: Zwischen dem Ende des Ancien Régime und bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs entwickelt sich das Völkerrecht von einem Koexistenz- zu einem Kooperationsrecht. Neue internationale Regimes zur Regulierung von mannigfaltigen politischen, sozialen und ökonomischen Interessen werden gegründet. Die Staatenbeziehungen werden in zunehmendem Maße verrechtlicht. Prinzipien wie die Grundrechte der Staaten oder die internationale Gemeinschaft treten hervor. Ideen, wie die der Menschenrechte und des internationalen Friedens, werden weiterentwickelt und konkretisiert. Zwischenstaatliche Organisationen beginnen, die internationalen Beziehungen zu gestalten. Dabei ist ein Prozess der Universalisierung des Völkerrechts zu beobachten.

Dieser Wandel in der Völkerrechtspraxis wird publizistisch begleitet, forciert und reflektiert durch zahlreiche Völkerrechtswissenschaftler. Neben einzelnen Autoren, von denen nur beispielhaft Georg Friedrich von Martens, Theodor Schmalz, Julius Schmelzing, Friedrich Saalfeld, Carl Baron Kaltenborn von Stachau, Robert von Mohl, Henry Wheaton, August Wilhelm Heffter, August von Bulmerincq, Carl Bergbohm, Johann Caspar Bluntschli, Leopold Neumann, James Lorimer, William Edward Hall, Fedor Fedorowitsch von Martens, Carlos Calvo, Henry Bonfils, Franz von Liszt, John Westlake, Frantz Despagnet und Lassa Oppenheim genannt werden sollen, zeugt insbesondere die Gründung des Institut de Droit International von Bedeutung und Einfluss der Wissenschaft auf das sich neu erfindende völkerrechtliche Normensystem.

Die wissenschaftliche Begleitung des Verrechtlichungsprozesses durch die Autoren ist hierbei ein besonderes Anliegen unserer Forschungen: Wie kommentierten sie die im Verlauf des 19. Jahrhunderts erfolgten Institutionalisierungen, wie begleiteten sie die Prozesse der Aushandlung einer internationalen normativen Ordnung in ihren zeitgenössischen Interpretationen und historischen Narrationen? Welche alternativen Ordnungsvorstellungen entwarfen sie? Die Frage nach universalistischen Gerechtigkeitsansprüchen einer Weltordnung, sei es ausgehend von der Völkermoral (Kristina Lovric) oder der Forderung nach gleichen Verträgen (Stefan Kroll) bis hin zu utopischen Gemeinschaftsentwürfen (Felix Benz), die sich in und durch Völkerrecht postulierten, ist hierbei ein Aspekt, genauso wie die Entstehung und Etablierung allgemeiner Rechtsprinzipien des Völkerrechts  unter Berücksichtigung des zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskurses (Miloš Vec).

Die Forschergruppe besteht derzeit aus dem Projektleiter sowie drei Doktoranden und ist auf fünf Jahre geplant. Vorträge und gedruckte Publikationen geben Auskunft über die bisher erzielten Forschungsergebnisse. Am Ende des Projekts sollen mehrere Monographien vorgelegt werden.

Weitere Informationen unter: www.mpier.de/exc1

 

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Personen in diesem Projekt:

  • Projektleitung / Ansprechpartner
    • Stolleis, Michael, Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. | Profil
  • Projektmitarbeiter

Publikationen in diesem Projekt:

  • Vec, Milos (2009): Höflichkeit als Selbstgesetzgebung. Beobachtung zu einer spezifischen Normativität in Natur-, Staats- und Völkerrecht der Aufklärung, in: Gisela Engel, Brita Rang, Susanne Scholz, Johannes Süßmann (Hg.), Konjunkturen der Höflichkeit in der Frühen Neuzeit (=Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit, Band 13, Heft 3/4), Frankfurt/M- 2009, S.510-530.
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  • Vec, Milos (2008): Das Prinzip der Verkehrsfreiheit im Völkerrecht. Die Rheinschiffahrt zwischen dem Frieden von Lunéville (1801) und der Mannheimer Akte (1868), in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 30 (2008), S. 221-241.
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  • Vec, Milos (2008): Erscheinungsformen und Funktionen von Rechtsprinzipien in der Völkerrechtswissenschaft des 19. Jahrhunderts, in: Rolf Liebrwirth, Heiner Lück (Hg.), Akten des 36. Deutschen Rechtshistorikertages. Halle an der Saale, 10.-14. September 2006, Baden-Baden 2008, S. 445-463.
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  • Vec, Milos (2008): Weltverträge für Weltliteratur. Das Geistige Eigentum im System der rechtsetzenden Verträge des 19. Jahrhunderts, in: Louis Pahlow; Jens Eisfeld (Hg.), Grundlagen und Grundfragen des Geistigen Eigentums (=Geistiges Eigentum und Wettbewerbsrecht 13), Tübingen, S. 107-130.
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