Die internationalen Strukturen weisen im Forschungszeitraum eine bemerkenswerte Entwicklung auf: Zwischen dem Ende des Ancien Régime und bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs entwickelt sich das Völkerrecht von einem Koexistenz- zu einem Kooperationsrecht. Neue internationale Regimes zur Regulierung von mannigfaltigen politischen, sozialen und ökonomischen Interessen werden gegründet. Die Staatenbeziehungen werden in zunehmendem Maße verrechtlicht. Prinzipien wie die Grundrechte der Staaten oder die internationale Gemeinschaft treten hervor. Ideen, wie die der Menschenrechte und des internationalen Friedens, werden weiterentwickelt und konkretisiert. Zwischenstaatliche Organisationen beginnen, die internationalen Beziehungen zu gestalten. Dabei ist ein Prozess der Universalisierung des Völkerrechts zu beobachten.
Dieser Wandel in der Völkerrechtspraxis wird publizistisch begleitet, forciert und reflektiert durch zahlreiche Völkerrechtswissenschaftler. Neben einzelnen Autoren, von denen nur beispielhaft Georg Friedrich von Martens, Theodor Schmalz, Julius Schmelzing, Friedrich Saalfeld, Carl Baron Kaltenborn von Stachau, Robert von Mohl, Henry Wheaton, August Wilhelm Heffter, August von Bulmerincq, Carl Bergbohm, Johann Caspar Bluntschli, Leopold Neumann, James Lorimer, William Edward Hall, Fedor Fedorowitsch von Martens, Carlos Calvo, Henry Bonfils, Franz von Liszt, John Westlake, Frantz Despagnet und Lassa Oppenheim genannt werden sollen, zeugt insbesondere die Gründung des Institut de Droit International von Bedeutung und Einfluss der Wissenschaft auf das sich neu erfindende völkerrechtliche Normensystem.
Die wissenschaftliche Begleitung des Verrechtlichungsprozesses durch die Autoren ist hierbei ein besonderes Anliegen unserer Forschungen: Wie kommentierten sie die im Verlauf des 19. Jahrhunderts erfolgten Institutionalisierungen, wie begleiteten sie die Prozesse der Aushandlung einer internationalen normativen Ordnung in ihren zeitgenössischen Interpretationen und historischen Narrationen? Welche alternativen Ordnungsvorstellungen entwarfen sie? Die Frage nach universalistischen Gerechtigkeitsansprüchen einer Weltordnung, sei es ausgehend von der Völkermoral (Kristina Lovric) oder der Forderung nach gleichen Verträgen (Stefan Kroll) bis hin zu utopischen Gemeinschaftsentwürfen (Felix Benz), die sich in und durch Völkerrecht postulierten, ist hierbei ein Aspekt, genauso wie die Entstehung und Etablierung allgemeiner Rechtsprinzipien des Völkerrechts unter Berücksichtigung des zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskurses (Miloš Vec).
Die Forschergruppe besteht derzeit aus dem Projektleiter sowie drei Doktoranden und ist auf fünf Jahre geplant. Vorträge und gedruckte Publikationen geben Auskunft über die bisher erzielten Forschungsergebnisse. Am Ende des Projekts sollen mehrere Monographien vorgelegt werden.
Weitere Informationen unter: www.mpier.de/exc1



Clémentine Deliss und Juliane Rebentisch diskutieren im dritten Frankfurter Stadtgespräch im Frankfurter Kunstverein über die Rolle der Kunst in Politik und Gesellschaft. 






