Religiöse Überzeugungen in normativen Ordnungen

Moderne Prinzipien der Normativität fordern das Selbstverständnis religiöser Gemeinschaften heraus. Es sind nicht nur liberale und demokratische Prinzipien der Rechtstaatlichkeit, sondern auch die rationalen Standards und fallibilistischen Kriterien der empirischen Wissenschaften, welche die herkömmlichen Selbstdeutungen der Religionen genauso stark tangieren, wie die Erfahrung einer intensivierten Begegnung unterschiedlicher religiöser Traditionen unter den Bedingungen gleichberechtigter Koexistenz in einer pluralistischen Gesellschaft. Im Rahmen der grundbegrifflichen Untersuchungen des ersten Forschungsfeldes soll daher gezeigt werden, unter welchen Bedingungen religiöse Auffassungen und Stellungnahmen eine vernünftige Rolle in den normativen Debatten pluralistischer Gesellschaften spielen können, ohne die Stabilität und Legitimität der demokratischen Ordnung zu untergraben.

Inhaltlich betrachtet bewegen sich Religionen im Spannungsfeld zwischen Ritualen und einer spezifischen Reflexivität, die in Form von doktrinalen Lehrgehalten und ihrer dogmatischen Kodifizierung und institutionalisierten Weitergabe besteht. Religiöse Überzeugungen besitzen eine narrative Basis, affektiven und volitionalen Charakter, erheben aber zugleich kognitive Geltungsansprüche. Daher ist die Spannung zwischen lebensweltlich situierter Partikularität und geltungstheoretischer Universalität in die Struktur religiöser Überzeugungen eingebaut. Diese spezifische normative Verbindlichkeit religiöser Überzeugungen gilt nicht nur in epistemologischer Hinsicht, sondern gerade im Blick auf die Grundbegriffe politischer und rechtlicher Normativität. Die Janusgestalt religiöser Überzeugungen wird methodisch reflektiert durch die unterschiedlichen Wissenschaften von der Religion. Während die Religionswissenschaften dabei häufig aus einer vergleichend empirisch-kulturwissenschaftlichen Perspektive operieren, reflektiert die universitäre Theologie jenes Spannungsverhältnis von Partikularität und Universalität, von Narrativität und Rechtfertigung mit Mitteln wissenschaftlicher Argumentation, aber aus der Binnenperspektive einer bestimmten religiösen Tradition. Eine besondere Aufgabe kommt in diesem Verbund der Religionsphilosophie zu, welche als Epistemologie religiöser Überzeugungen die Geltungsdimension, das Verhältnis von Rechtfertigung und Narrativität, ausdrücklich thematisiert.

Projektleitung: Prof. Dr. Thomas M. Schmidt
Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Karsten Schmidt (Teilprojekt: Normative Dimensionen interreligiöser Begegnung)

 

Personen in diesem Projekt:

  • Projektleitung / Ansprechpartner
    • Schmidt, Thomas, Prof. Dr. | Profil
  • Projektmitarbeiter
    • Schmidt, Karsten, Dr. (ehem. Mitglied) | Profil

Publikationen in diesem Projekt:

  • Koob, Fedja (2010): Rezension zu RELIGION IM DIALOG. Interdisziplinäre Perspektiven – Probleme – Lösungsansätze. Herausgegeben von Tobias Müller, Karsten Schmidt und Sebastian Schüler. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2009. Erschienen in: Theologie und Philosophie Heft 1 2010.
    Details
  • Schmidt, Thomas; Lechtenböhmer, Silke (2009): „Gott als Produkt der Hirnaktivität. Ist die Neurotheologie nur modischer Schnickschnack“, in: Peter Kemper, Alf Mentzer, Ulrich Sonnenschein (Hrsg.), Wozu Gott? Religion zwischen Fundamentalismus und Fortschritt, Frankfurt am Main: Verlag der Weltreligionen 2009, 175-185.
    Details
  • Schmidt, Karsten (2010): "Buddhismus als Religion und Philosophie. Probleme und Perspektiven interkulturellen Verstehens", Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2010): Macht Liebe sehend? Göttingen: Wallstein 2010.
    Details
  • Schmidt, Thomas; Wiedenhofer, Siegfried (2010): Religiöse Erfahrung. Richard Schaefflers Beitrag zu Religionsphilosophie und Theologie, Freiburg/München: Karl Alber 2010.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2010): “Zur Rationalität religiöser Überzeugungen in pluralistischen Gesellschaften”, in: Gian Enrico Rusconi (Hg.), Der säkularisierte Staat im postsäkularen Zeitalter, Berlin: Duncker & Humblot.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2009): Discorso Religioso e Religione Discorsiva nella Societá Postsecolare (trad. e cura di Leonardo Ceppa), Torino: Trauben 2009.
    Details
  • Schmidt, Thomas; Wenzel, Knut (Hrsg.) (2009): Moderne Religion? Theologische und religionsphilosophische Reaktionen auf Jürgen Habermas, Freiburg-Basel-Wien: Herder 2009.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2009): „Gibt es eine moderne Religion? Jürgen Habermas und die Idee der “postsäkularen“ Gesellschaft“, Forschung Frankfurt 2/2009, 64-67.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2009): „La coscienza religiosa ed il concetti filosofico di Dio“, in: Ermengildo Bidese, Alexander Fidora, Paul Renner (Hg.), Il Dio della Ragione e le Ragioni di Dio, Mailand: Albo Versorio 2009, 81-106.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2009): „Menschliche Natur und genetische Manipulation – Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?“, in: Hauke Brunkhorst/Regina Kreide/Cristina Lafont (Hrsg.), Habermas-Handbuch, Stuttgart: Metzler 2009, 282-290.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2009): „Nachmetaphysische Religionsphilosophie. Religion und Philosophie unter den Bedingungen diskursiver Vernunft“, in: Wenzel/Schmidt (Hg), Moderne Religion? Theologische und religionsphilosophische Reaktionen auf Jürgen Habermas, Herder 2009, 10-32.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2008): Der Begriff der Postsäkularität”, in: Jahrbuch Politische Theologie, Bd 5 (2008), 244-254.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2008): Objektivität und Gewissheit. Vernunftmodelle und Rationalitätstypen in der Religionsphilosophie der Gegenwart”, in: Franz-Josef Bormann/Bernd Irlenborn (Hg.), Religiöse Überzeugungen und öffentliche Vernunft. Zur Rolle des Christentums in der pluarlistischen Gesellschaft, Freiburg: Herder 2008, 199-217.
    Details
  • Schmidt, Thomas (Hrsg.) (2008): Religion in der pluralistischen Öffentlichkeit, Würzburg: Echter 2008.
    Details
  • Schmidt, Thomas (Hrsg.) (2008): Religion, Theologie und Naturwissenschaft / Religion, Theology, and Natural Science (RThN), Band 13: Philip Clayton, In Quest of Freedom. The Emergence of Spirit in the Natural World. Frankfurt Templeton Lectures 2006, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2008): “Religiöse Sprache und philosophisches Denken”, in: Gertrude Deninger-Polzer, Christian Winter, Silvia Dabo Cruz (Hrsg.), Das Denken und seine Folgen. Wege des Denkens aus der Sicht unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen, Idstein: Schulz-Kirchner 2008, 57-70.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2008): „Diskursive Verpflichtungen und ethisch-religiöse Überzeugungen. Zur moralischen und politischen Geltung der Menschenrechte“, in: Günter Nooke, Georg Lohmann, Gerhard Wahlers (Hrsg.), Gelten Menschenrechte universal? Begründungen und Infragestellungen. Herausgegeben im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., Freiburg: Herder 2008, 142-165.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2008): „Empirischer Naturalismus, demokratisches Experiment und die Erfahrung des Religiösen. John Deweys Philosophie der Religion“, Jahrbuch für Religionsphilosophie, Band 7 (2008), 37-59.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2008): „Öffentliche Vernunft - vernünftige Öffentlichkeit? Zum Verhältnis von Rationalität und Normativität in Rawls’ politischem Liberalismus, in: Schmidt/Parker (Hg.), Religion in der pluralistischen Öffentlichkeit, Würzburg: Echter 2008, 87-104.
    Details
  • Schmidt, Thomas (2008): „Religiöses Bewusstsein und philosophischer Gottesbegriff“, in: Ermengildo Bidese, Alexander Fidora, Paul Renner (Hg.), Philosophische Gotteslehre heute. Der Dialog der Religionen, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2008, 9-26.
    Details


Aktuelles

Rainer Forst Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften












Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hat Prof. Dr. Rainer Forst am 27. Juni 2014 als Mitglied hinzugewählt. Zum Mitglied kann berufen werden, wer sich durch herausragende wissenschaftliche Leistungen ausgezeichnet hat. Mehr...

Horizonte der Islamischen Theologie

Internationaler Kongress des Zentrums für Islamische Studien der Goethe-Universität Frankfurt am Main und des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen" unter Beteiligung von Prof. Dr. Susanne Schröter (Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen". Mehr...

 

Nächste Termine

1.-5. September 2014

Internationaler Kongress: Horizonte der islamischen Theologie. Mit Beteiligung von: Panel 3: Frauenrechtsbewegungen zwischen Islam und Säkularismus unter Leitung von: Prof. Dr. Susanne Schröter (Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen"). Mehr...

25. September 2014, 19 Uhr

Frankfurter Stadtgespräch XVI: Prof. Ute Frevert (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) im Gespräch mit Prof. Sighard Neckel (Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen") Der Gefühlshaushalt des Kapitalismus. Geldgier als Strukturprinzip? Mehr...

Neueste Medien

Brasil vs. Brasil

Podiumsdiskussion und Film "Vinegar Syndrome" (Regisseure: Cesar Oiticica Filho und Tamur Aimara) im Park

Ethik jenseits von Religion? Die Herausforderung christlicher und buddhistischer Werte durch eine säkulare Gesellschaft

S. H. der Dalai Lama im Gespräch mit Prof. Dr. Rainer Forst und Bischof Dr. Stephan Ackermann in der Paulskirche in Frankfurt am Main
 

Neueste Volltexte

Günther, Klaus (2014):

Normativer Rechtspluralismus - Eine Kritik, Normative Orders Working Paper 03/2014. Mehr...

Günther, Klaus (2014):

Criminal law, Crime and Punishment as Communication, Normative Orders Working Paper 02/2014. Mehr