Macht, Herrschaft und Gewalt in Ordnungen der Rechtfertigung

Wie uns viele Diskussionen während der ersten Förderphase innerhalb und außerhalb unseres Forschungsclusters zeigten, sieht sich ein Verständnis „normativer Ordnung“, das diese als eine Ordnung von „Rechtfertigungen“ versteht, dem Vorwurf des Idealismus ausgesetzt: Haben in solch einer Vorstellung von Ordnung Begriffe wie Macht, Herrschaft, Beherrschung und Gewalt überhaupt einen Platz, oder werden sie nur als Störungen wahrgenommen? In diesem Verbundprojekt soll gezeigt werden, dass dem nicht so ist, sondern der Begriff der Rechtfertigungsordnung geeignet ist, die genannten Begriffe der Macht, der Herrschaft und der Beherrschung neu und auf produktive Weise zu verstehen. Daraus könnten sich auch Konsequenzen für ein Verständnis des Rechts ergeben. Dies sei hier kurz dargestellt.

(1) Noumenale Macht (Forst)
In diesen Forschungen wird versucht, den Begriff der Macht sozusagen „auf den Kopf zu stellen“, indem die Macht als - paradox gesprochen - intelligibles bzw. noumenales Phänomen begriffen wird. Nennen wir Macht das Vermögen von Handelnden, andere dazu zu motivieren, etwas zu denken bzw. zu tun, das sie sonst nicht gedacht oder getan hätten, dann müssen wir, um die Wirkweise der Macht im Unterschied zu rein physischer Wirkung, Kraft oder Gewalt zu verstehen, diese im „Raum der Rechtfertigungen“ verorten. Denn das Ausüben von Macht heißt, dass A B Gründe „gibt“, und das bedeutet, dass der wirkliche Machtvorgang sich auf der Ebene der Gründe abspielt. Dabei ist nicht bestimmt, wie dies geschieht - ob durch Überzeugung, Verführung oder eine Drohung bspw. -, und auch nicht, ob dies jeweils gute oder schlechte Gründe sind, die dort wirken; gesagt ist nur, dass Macht haben heißt, den Raum der Rechtfertigungen, der für andere bestimmend ist, (in aufsteigender Linie) nutzen, beeinflussen, zu besetzen oder sogar abschließen zu können - etwa durch dominante oder hegemoniale Rechtfertigungsnarrative. Herrschaft (um eine Taxonomie von Machtformen anzudeuten) heißt somit, dass sich eine bestimmte Ordnung der Rechtfertigung eingestellt hat, die soziale und politische Verhältnisse der Ein- und Unterordnung stabilisiert und auf Akzeptanz beruht; Beherrschung liegt dort vor, wo solche Verhältnisse in ihren Asymmetrien nicht rechtfertigbar sind und durch eine Vereinseitigung des Raums der Gründe legitimiert werden. Unterdrückung, (illegitimer) Zwang und Gewalt liegen dort vor, wo die Unterworfenen immer weniger als Subjekte der Rechtfertigung gelten und agieren können, bis hin zur Ersetzung des Rechtfertigungsraums durch bloße physische Faktizität. Macht bildet und erhält sich somit nur im Raum der Rechtfertigungen, und Kämpfe um Macht finden dort statt. Eine Herrschaftsordnung, deren Rechtfertigungen in Frage gestellt werden, kann sich evtl. noch durch Lügen, Drohungen oder durch Mittel der Gewalt erhalten, aber ihre Macht schwindet in dem Maße, in dem sie verstärkt auf diese Mittel ohne begleitendes Narrativ angewiesen ist.

(2) Rechtfertigung als Recht-Fertigung (Günther)

In modernen Rechtssystemen wird oft vom (positiven) Recht als „geronnener Politik“ gesprochen. Möglicherweise muss man bei der Analyse und Beschreibung dieses Phänomens schon früher ansetzen: Recht entsteht aus „geronnenen Gründen.“  Was sich im Raum der Gründe durchgesetzt hat, wir mit Hilfe des Rechts stabilisiert und durch zusätzliche Rechtfertigungen mit der Befugnis zur Ausübung von Gewalt verbunden. Recht ist aber auch ein Mittel, um jemanden zu autorisieren, seine Gründe gegen mögliche Gegen-Gründe durchzusetzen. Auf diese Weise wird Macht zur legalen Herrschaft. Sie kann aber auch herausgefordert werden, wenn die geronnenen Gründe, die eine Macht legitimieren, im Raum der Gründe zerfallen und wenn niemand mehr auf sie hört.

Gemeinsam ist diesen Forschungen, die diskursive und kommunikative Dimension der Macht herauszustreichen; gemeinsam ist ihnen aber auch, dabei diese Formen der Macht nicht generell positiv zu bewerten - Gründe und Rechtfertigungen, auf denen soziale und politische Verhältnisse beruhen, sind nicht immer gute Gründe und Rechtfertigungen.

 

Personen in diesem Projekt:

  • Projektleitung / Ansprechpartner
    • Forst, Rainer, Prof. Dr. | Profil
    • Günther, Klaus, Prof. Dr. | Profil
  • Projektmitarbeiter
    • Ibsen, Malte, M.Phil. in Politics: Political Theory (Oxon) | Profil
    • Szews, Johann | Profil


Publikationen in diesem Projekt:

  • Forst, Rainer (forthcoming): Toleration, in: The Cambridge Dictionary of Philosophy, 3. Aufl.
    Details
  • Forst, Rainer (2017): "Toleration and its Paradoxes: A Tribute to John Horton", in: Philosophia 2017, online first
    Details | Link zum Volltext | doi:10.1007/s11406-016-9801-0
  • Open-Access-Logo Forst, Rainer (2017): The Justification of Basic Rights: A Discourse-Theoretical Approach. Normative Orders Working Paper Series of the Cluster of Excellence ‘The Formation of Normative Orders’ 02/2017.
    Details | Link zum Volltext | urn:nbn:de:hebis:30:3-440266
  • Open-Access-Logo Szews, Johann (2017): Zahlungsmoral. Überlegungen zum Zusammenhang von Schuld und Schulden mit Nietzsche, Weber und Bourdieu, Working Paper Series of the Cluster of Excellence ‘The Formation of Normative Orders’ 01/2017.
    Details | Link zum Volltext | urn:nbn:de:hebis:30:3-428513
  • Forst, Rainer (2016): "The Point and Ground of Human Rights: A Kantian Constructivist View", in: David Held u. Pietro Maffettone (Hg.), Global Political Theory, Cambridge: Polity, S. 22-39
    Details
  • Forst, Rainer (2016): "What does it Mean to Justify Basic Rights? Reply to Düwell, Newey, Rummens and Valentini", in: Netherlands Journal of Legal Philosophy 45 (3), S. 76-90
    Details
  • Forst, Rainer (2016): "The Justification of Basic Rights: A Discourse-Theoretical Approach", in: Netherlands Journal of Legal Philosophy 45 (3), S. 7-28
    Details
  • Forst, Rainer (2016): "Eine fortschrittliche Kritik des Fortschritts? Kommentar zu Amy Allen, 'Das Ende - und der Zweck - des Fortschritts'", in: Michael Quante (Hg.), Geschichte - Gesellschaft - Geltung. XXIII: Deutscher Kongress für Philosophie, Hamburg: Meiner, S. 427 - 432
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  • Forst, Rainer (2016): "Toleranz. Die Herausforderung neuer Grenzziehungen für westliche Demokratien", in: Shalini Randeria (Hg.), Border Crossings: Grenzverschiebungen und Grenzüberschreitungen in einer globalisierten Welt, Zürich:vdf, S. 223-235
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  • Forst, Rainer (2016): Christoph Möllers: Die Möglichkeit der Normen, in: Die Zeit 3, 14.1.2016, S. 43
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  • Forst, Rainer; Buddeberg, Eva (2016): "Zur Einleitung: Pierre Bayles Theorie der Toleranz", in: Pierre Bayle, Toleranz. Ein philosophischer Kommentar, hg. v. E. Buddeberg u. R. Forst, übers. v. E. Buddeberg, Berlin: Suhrkamp, S. 11-45
    Details
  • Forst, Rainer; Buddeberg, Eva (2016): Pierre Bayle, Toleranz. Ein philosophischer Kommentar, übers. v. E. Buddeberg, Einl. v. E. Buddeberg u. R. Forst, Berlin. Suhrkamp
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  • Forst, Rainer (2015): "The Right to Justification: Moral and Political, Transcendental and Historical. Reply to Seyla Benhabib, Jeff Flynn and Matthias Fritsch", in: Political Theory 43 (6), S. 822-837
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  • Forst, Rainer (2015): Between Social Domination and Democratic Reason: The Concept of Toleration, in: Contemporary Political Theory, Vol. 14, Nr. 2, S. 190-196.
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  • Forst, Rainer (2015): "Öffentlichkeit und Macht. Im Gedenken an Bernhard Peters", TranState Working Papers, Nr. 186, Universität Bremen
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  • Forst, Rainer (2015): A Critical Theory of Politics: Grounds, Method and Aims. Reply to Simone Chambers, Stephen White and Lea Ypi, in: Philosophy and Social Criticism 41:3, S. 225-234.
    Details
  • Forst, Rainer (2015): Human Rights, in: Darrel Moellendorf u. Heather Widdows (Hg.), The Routledge Handbook of Global Ethics, London u. New York: S. 72-81.
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  • Forst, Rainer (2015): Justice, Democracy and the Right to Justification: Reflections on Jürgen Neyer's Normative Theory of the European Union, in: Dimitry Kochenov, Gráinne de Burca, Andrew Williams (Hg.), Europe's Justice Deficit, Oxford: Hart, S. 227-234.
    Details
  • Forst, Rainer (2015): Normativität und Macht. Zur Analyse sozialer Rechtfertigungsordnungen, Berlin: Suhrkamp.
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  • Forst, Rainer (2015): Noumenal Power, in: The Journal of Political Philosophy, Vol. 23, Nr. 2, S. 111-127.
    Details | Link zum Volltext
  • Forst, Rainer (2015): Religion und Toleranz von der Aufklärung bis zum postsäkulären Zeitalter: Bayle, Kant und Habermas, in: Matthias Lutz-Bachmann (Hg.), Postsäkularismus, Frankfurt/M.: Campus, S. 97-134.
    Details
  • Forst, Rainer (2015): Transnational Justice and Non-Domination. A Discourse-Theoretical Approach, in: Barbara Bucknix, Jonathan Trejo-Mathys, Timothy Waligore (Hg.): Domination Across Borders, New York: Routledge, S. 88-100.
    Details
  • Forst, Rainer; Möllers, C.; Zürn, Michael (2015): "Brauchen wir eine Weltregierung?", in: Silke Lechner u. Ellen Ueberschär (Hg.), Damit wir klug werden. Die wichtigsten Texte des Stuttgarter Kirchentages, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, S. 32-49
    Details
  • Forst, Rainer (2014): Justice, Democracy and the Right to Justification. Rainer Forst in Dialogue, Bloomsbury Academic.
    Details
  • Forst, Rainer (2014): Die Unwahrscheinlichen, in: Kursbuch 178 (Thema "1964"), S. 142-145.
    Details
  • Forst, Rainer (2014): Justice and Democracy in Transnational Contexts: A Critical Realistic View. In: social research Vol 81 : No 3 : Fall 2014, 667-682
    Details | Link zum Volltext
  • Forst, Rainer (2014): Legitimität, Demokratie und Gerechtigkeit. Zur Reflexivität normativer Ordnungen, in: Oliver Flügel-Martinsen, Daniel Gaus, Tanja Hitzel-Cassagnes, Franziska Martinsen (Hg.): Deliberative Kritik - Kritik der Deliberation. Festschrift für Rainer Schmalz-Bruns, Wiesbaden: Springer, S.137-147.
    Details
  • Forst, Rainer (2014): Toleration and Democracy (Übers. v. C. Cronin), Journal of Social Philosophiy 45:1, S. 66-75.
    Details
  • Forst, Rainer (2014): Toleranz, in: Thomas M. Schmidt u. Annette Pitschmann (Hg.): Handbuch Religion und Säkularisierung, Stuttgart: Metzler, S. 272-277.
    Details
  • Forst, Rainer; Allen, Amy; Haugaard, Mark (2014): Power and Reason, Justice and Domination. A Conversation, Journal of Political Power 7, S. 7-33.
    Details
  • Forst, Rainer; Brown, Wendy (2014): The Power of Tolerance, New York: Columbia University Press.
    Details
  • Günther, Klaus (2014): Criminal law, Crime and Punishment as Communication, Normative Orders Working Paper 02/2014.
    Details | Link zum Volltext | urn:nbn:de:hebis:30:3-346639
  • Forst, Rainer (2013): Noumenal Power, Normative Orders Working Paper 02/2013.
    Details | Link zum Volltext | urn:nbn:de:hebis:30:3-332177
  • Forst, Rainer (2013): Dos imágenes de la justicia, in: Gustavo Pereira (Hg.): Perspectivas críticas de justicia social, Porto Alegre: Evangraf, S. 29-46.
    Details
  • Forst, Rainer (2013): Two Pictures of Justice, in: Forst: Justification and Critique, S. 17-37.
    Details
  • Forst, Rainer (2013): Ein großer Liberaler. Zum Tod des amerikanischen Rechtsphilosophen Ronald Dworkin, in: Die Zeit 9, 21.02.2013, S. 58.
    Details
  • Forst, Rainer (2013): The normative order of justice and peace, in: Hellmann, Gunther (ed.): Justice and Peace. Interdisciplinary Perspectives on a Contested Relationship, Normative Orders vol. 10, Frankfurt am Main: Campus 2013, p. 69-89.
    Details
  • Forst, Rainer (2013): Gerechtigkeit ist ein ständiger Prozess (Interview mit T. Vasek u. T. Hürter), in: Hohe Luft. Philosophie-Zeitschrift 4, S.60-67.
    Details
  • Forst, Rainer (2013): A Kantian Republican Conception of Justice as Non-Domination, in: Andreas Niederberger u. Philipp Schink (Hg.): Republican Democracy, Edinburgh: Edinburgh University Press, S. 281-292.
    Details
  • Forst, Rainer (2013): Gerechtigkeit nach Marx, in: Rahel Jaeggi und Daniel Loick (Hg.): Nach Marx, Berlin: Suhrkamp, S. 101-121.
    Details
  • Forst, Rainer (2013): On the Role of the Political Theorist Regarding Global Injustice, Interview mit Katrin Flickschuh und Darrel Moellendorf durch Valentin Beck und Julian Culp, in: Global Justice. Theory, Practice, Rhetoric 6, S. 40-53.
    Details
  • Forst, Rainer (2013): Gerechtigkeit und Demokratie in transnationalen Kontexten. Eine realistische Betrachtung, in: Hubertus Buchstein (Hg.): Die Versprechen der Demokratie, Baden-Baden: Nomos, S.125-139.
    Details
  • Forst, Rainer (2013): Toleranz ist nicht beliebig, in: Die Zeit 25, Sonderheft Philosophie, S. 34f.
    Details
  • Forst, Rainer (2013): Man kann überall Frankfurter sein. Ein Gespräch über Geist und Mobilität, Interview mit Darrel Moellendorf durch Bernd Frye und Ulrike Jaspers, in: Forschung Frankfurt 2/2013, S. 57-61.
    Details
  • Forst, Rainer (2013): Zum Begriff eines Rechtfertigungsnarrativs, in: Fahrmeir, Andreas (Hg.), Rechtfertigungsnarrative. Zur Begründung normativer Ordnung durch Erzählungen, Normative Orders Bd. 7, Frankfurt am Main: Campus 2013, S. 11-28.
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Ringvorlesung des Exzellenzclusters: Strafrechtspflege zwischen Purismus und Pluralität


Die Ringvorlesung des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen" trägt im Sommersemester 2017 den Titel "Criminal Justice between Purity and Pluralism - Strafrechtspflege zwischen Purismus und Pluralität." Organisiert wird die Ringvorlesung von Prof. Dr. Christoph Burchard. Mehr...

Forschungsbau "Normative Ordnungen" auf dem Campus Westend

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26. Juni 2017, 18.15 Uhr

Vortrag: Wendy Brown (Professor of Political Science, University of California Berkeley), Festivals of Fascist Freedom. Theorizing Repressive De-Sublimation Today. Mehr...

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