Welchen Sinn es hat, moderne Politik als „Biopolitik“ zu fassen und zu beschreiben, soll im ersten Arbeitsfeld des Projekts vom ersten Element des Begriffs, vom bíos her untersucht werden. Hier liegen einige der grundlegenden Probleme. Denn so vertraut der Begriff der Biopolitik heute in verschiedenen Disziplinen ist, so vielgestaltig ist dabei auch das Verständnis seines Gegenstandes: des Lebens (Lemke 2007c). In der gegenwärtigen biopolitischen Debatte lässt sich nicht ohne weiteres ein einheitlicher Begriff des Lebens ausfindig machen. So soll in der Entwicklung eines spezifisch modernen Lebensbegriffs die primäre Aufgabe dieses Arbeitsfelds liegen. Im Anschluss an neuere Diskussionen (v.a. Muhle/Voss 2017) sind dazu vor allem zwei Kontexte von Bedeutung:
    (a) Zum einen soll die spezifische Neuartigkeit des Lebensbegriffs, der in der französischen Debatte seit Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wird, rekonstruiert werden. Darin wird das Leben, in Übereinstimmung mit der modernen Biologie (Muhle 2013: 249), so verstanden, dass es in der dynamischen Wechselwirkung mit seinem Umfeld (oder Milieu) seine materiellen Bedingungen selbst allererst ausbildet (Bezogen auf die politische Form bedeutet dies, dass die Politik ihren eigenen Gegenstand zuallererst konstituiert, indem sie diesen Lebensbegriff auf die von ihr zu regierende Bevölkerung überträgt (Esposito 2004: 157)).  Diese Dynamik des Lebens ist weiterhin durch eine wesentlich normative Logik bestimmt, die sich durch eine innere Dynamik der Abweichung und Selbstüberschreitung auszeichnet. Die spezifische Modernität dieses Lebensbegriffs liegt demnach darin, wie seine intrinsische Normativität verstanden wird: Das Leben ist normativ, weil sich in ihm die beiden Dimensionen der Selbsterhaltung und der Selbstüberschreitung verbinden (Canguilhelm 2009). Das Verharren im Gleichgewicht (homoiostásis) wird hier nicht mehr (wie in der Tradition) als Ideal, sondern als pathologischer Zustand verstanden (Canguilhelm 2009: 281-308). Dieses Verständnis des Lebendigen steht seit einigen Jahren im Zentrum weitreichender Arbeiten von Frédéric Worms. Besonders seine Studie Über Leben (2013) ist ein zentraler Bezugspunkt für eine Biopolitik der Differenz.
    (b) Zum anderen wird in diesem Arbeitsfeld an Ergebnisse angeknüpft, die im Rahmen des Forschungsprojektes: "Normativität und Subjektivität: 1. Natur – 2. Natur – Geist" am Frankfurter Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" zum Begriff des Lebens im Verhältnis von Natur und Normativität erarbeitet wurden (u.a. Khurana 2013, 2015 und 2017; Menke 2012, und 2014). Dabei steht die Idee einer immanenten Dialektik von Form und Kraft im Zentrum, die den modernen Begriff des Lebens definiert (Khurana 2011; Menke 2008). Dabei ist das Ziel, die Signatur eines spezifisch modernen Begriffs des Lebens zu rekonstruieren. Für diesen Begriff ist es grundlegend, das Leben als einen Prozess zu verstehen, der Ordnungsbildung und Ordnungsauflösung bzw. -überschreitung in ihrer Spannung zu integrieren vermag.

Literatur:
Canguilhelm, Georges 2009: Die Erkenntnis des Lebens. Berlin.
Khurana, Thomas 2011: "Force and Form. An Essay on the Dialectics of the Living", in: Constellations 18. 1, 21-34.
Khurana, Thomas 2013: The Freedom of Life: Hegelian Perspectives. Berlin.
Khurana, Thomas 2015: "Die Gewohnheit des Rechten: Zur Wirklichkeit der Freiheit in Gestalt der zweiten Natur", in: Jens Kertscher/Jan Müller (Hrsg.): Lebensform und Praxisform. Münster, 299-318.
Khurana, Thomas 2017: "Bewusstsein des Lebens und lebendiges Selbstbewusstsein. Anmerkungen zu einem Übergang in Hegels Phänomenologie des Geistes", in: Andrea Kern/Christian Kietzmann (Hrsg.): Selbstbewusstes Leben. Texte zu einer transformativen Theorie der menschlichen Subjektivität. Berlin, 353-388.
Lemke, Thomas 2007c: Biopolitik zur Einführung. Hamburg.
Menke, Christoph 2008: Kraft. Ein Grundbegriff ästhetischer Anthropologie. Frankfurt am Main.
Menke, Christoph 2012: "Aesthetic Nature. Against Biology", in: The Yearbook of Comparative Literature 58: Protocols for a New Nature, 193-195.
Menke, Christoph 2014: "Die Lücke in der Natur: Die Lehre der Anthropologie", in: Merkur 68, Dezember, 1091-1095.
Muhle, Maria/Voss, Christiane (Hrsg.) 2017: Black Box Leben. Berlin.
Muhle, Maria 2013: Eine Genealogie der Biopolitik. Zum Begriff des Lebens bei Foucault und Canguilhelm. München.
Worms, Frédéric 2013: Über Leben. Berlin.


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