Normativität der Kritik – Kritik der Normativität

Normen entwickeln sich unter historischen Bedingungen und operationalisieren sich in bestimmten sozialen und politischen Kontexten auf unterschiedliche Weise. Dementsprechend können sie nicht in jedem historischen Kontext, mit denselben Strategien, umgesetzt oder angefochten werden. In Anbetracht der Tatsache, dass es keine sichere Vorgehensweise gibt „Normativer Gewalt“ zu begegnen, wird Subversion zu einem unberechenbaren Effekt. Das macht die Praxis der Kritik besonders herausfordernd.

Wenn es die primäre Funktion der Kritik ist, Autonomie zu ermöglichen (im Sinne des Kant‘schen Diktums vom „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“), so stellen postkolonial-queer-feministische TheoretikerInnen, die zwanghaften, wie auch die progressiven Aspekte kritischer Forschung in Frage. Wenn, wie in westlich-philosophischen Traditionen vertreten, Aufklärung und Kritik zusammengehören, wie ist dann das Verhältnis der Postkolonie zu dem Erbe europäischer Aufklärung?

Das Ziel des Forschungsprojekts war es, eine alternative postkolonial-queer-feministische Genealogie der „Politiken“ von Kritik zu entwickeln, um das Verhältnis zwischen Macht, Handlungsfähigkeit und Widerstand kritisch zu untersuchen. Der Fokus des Projekts lag auf der Untersuchung, welche Formen der Subjektivierung und Emanzipation mit dem Modus des Infragestellens einhergehen und wie diese Praxen im Spannungsverhältnis zwischen Moderne und Postkolonialität zu denken sind.

Im Rahmen des Gesamtprojekts des Clusters wurden in diesem Projekt insbesondere die Ambivalenzen der Normativität von Kritik als Form der Machtausübung selbst untersucht und dadurch die Normativität der Kritik mit der Kritik der Normativität konfrontiert. Es wurde untersucht, wie normative Ordnungen beständig denaturalisiert, aber auch reproduziert werden und wie in diesen Prozessen handlungsmächtige Subjekte konstituiert werden. Die Möglichkeiten, anders zu denken und zu handeln, die Grenzen des „Politischen“ in Frage zu stellen und Kritik zu üben, wurden einer kritischen Betrachtung unterzogen.

Das Forschungsprojekt unterteilte sich in vier Teilprojekte. Im PI-Projekt wurde insbesondere der Zusammenhang von „Normativität, Kritik und Aufklärung“ (Nikita Dhawan) untersucht. Dabei stand das ambivalente und paradoxale Verhältnis von Vernunft und Herrschaft im Fokus, bei dem das Freiheitsversprechen der Vernunft selbst in eine neue Form der Herrschaft umzuschlagen droht. Im zweiten Teilprojekt ging es um die Frage, wie politische Subjektivität im Raum zwischen Passivität und Widerstand entsteht (Aylin Zafer). Das dritte Teilprojekt untersuchte, wie in den Begegnungen zwischen heterogenen sozialen Bewegungen Differenz verhandelt und Solidarität geschaffen wird (Johanna Leinius). Im vierten Teilprojekt (Elisabeth Fink) wurde am Beispiel der Bekleidungsindustrie in Bangladesch das Verhältnis von lokalem und transnationalem Arbeitsrechtsaktivismus untersucht.

Das Forschungsprojekt stellt den dynamischen und relationalen Aspekt der Kritik an jeglicher Art von Machtverhältnissen in den Vordergrund: Um Kritik zu üben und Räume für Transformation zu schaffen, muss sich das widerständige Subjekt zu herrschenden normativen Ordnungen verhalten. Ob Ablehnung oder Aneignung, eine Bezugnahme findet notwendigerweise statt. Diese Prozesse wurden sowohl  empirisch als auch theoretisch ergründet, um die Potentiale für dekolonisierende Allianzen zu identifizieren und die Ambivalenzen emanzipatorischen Begehrens und Handelns herauszustellen.


Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Workshop: FRCPS Chandra Talpade Mohanty Reading Group, in Vorbereitung der Gastprofessur für Internationale Gender und Diversity Studies von Chandra Talpade Mohanty am „Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse“ (CGC), Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 12. Dezember 2015.

Internationale Konferenz: Decolonizing Epistemologies, Methodologies and Ethics: Postcolonial-Feminist Interventions, „Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies“, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 2. Juli 2015.

Internationaler Workshop: Difference that makes no Difference: The Non-Performativity of Intersectionality and Diversity, „Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies“ in Kooperation mit dem Frauennetzwerk des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 5. Februar 2015.

Vortrag: Prof. Ratna Kapur, Precarious Desires, Postcolonial Justice and Human Rights, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 27. Mai 2014.

Internationale Vorlesungssreihe: How Does Change Happen?, Cornelia Goethe Colloquium in Kooperation mit dem „Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies“, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität Frankfurt am Main, WS 2013/2014.

Workshop: Angela Davis Reading Group, in Vorbereitung der Gastprofessur für Internationale Gender und Diversity Studies von Angela Davis am „Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse“ (CGC), Exzellenzcluster „Die Herausbildung Normativer Ordnungen“, Goethe-Universität Frankfurt am Main, 14. –15. November 2013


Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Dhawan, Nikita/Elisabeth Fink/Johanna Leinius/Rirhandu Mageza-Barthel: Negotiating Normativity. Postcolonial Appropriations, Contestations and Transformations, New York: Springer, 2016.

Dhawan, Nikita (Hg.): „Difference that makes no Difference. The Non-Performativity of Intersectionality and Diversity”, Wagadu. A Journal of Transnational Women's and Gender Studies, special Issue, 2016.

Nikita Dhawan: Decolonizing Enlightenment: Transnational Justice, Human Rights and Democracy in a Postcolonial World, Politik und Geschlecht, vol. 24, Opladen und Farmington Hills: Barbara Budrich Verlag, 2014.

Nikita Dhawan und Maria Castro Varela do Mar: Postkoloniale Theorie: Eine kritische Einführung, 2. Aufl., Bielefeld: Transcript, 2014.

Elisabeth Fink und Johanna Leinius: „Postkolonial-feministische Theorie“, in: Y. Franke/K. Mozygemba/K. Pöge/B. Ritter/D. Venohr (Hg.): Feminismen heute. Positionen in Theorie und Praxis, Bielefeld: Transcript, 2014, S. 115–128.


Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner
Dhawan, Nikita, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter
Zafer, Aylin

 


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Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist seit je her ein integraler Bestandteil des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“. Das 2017 neu strukturierte, verbundseigene Postdoc-Programm bietet die besten Bedingungen zu forschen und hochqualifizierte junge Wissenschaftler*innen zu fördern. Zum Erfahrungsbericht: Hier...

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