Forschung aktuell

Das Postdoc-Programm des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“: Nachwuchsförderung zwischen 2017 und 2020

Von Juana de O. Lorena

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist seit je her ein integraler Bestandteil des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Das 2017 neu strukturierte, verbundseigene Postdoc-Programm bietet die besten Bedingungen zu forschen und hochqualifizierte junge Wissenschaftler*innen zu fördern. Die Erfolge sprechen für sich.
Dank der hohen internationalen Sichtbarkeit des Verbundes wurden zwischen 2017 und 2020 aus den unterschiedlichsten Disziplinen herausragende Forscher*innen angezogen. So konnte das Recruiting international, interdisziplinär und mit einem besonderen Augenmerk auf die Erhöhung des Anteils von Wissenschaftlerinnen erfolgen.
Die explizit interdisziplinäre und internationale Ausrichtung des Programms hat im Verlauf der drei Jahre eine Vernetzung der Early Career Researchers über die Disziplin- und Verbundgrenzen hinaus vorangetrieben. Insbesondere der wissenschaftliche Austausch mit den Principal Investigators des Verbunds, aber auch gemeinsam organisierte Veranstaltungsreihen, Publikationsprojekte, Workshops und Klausurtagungen boten den Teilnehmer*innen des Programms einzigartige Möglichkeiten zur Zusammenarbeit untereinander und mit der internationalen Wissenschaftscommunity.

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Wer übernimmt die Verantwortung? – Christiane Wendehorst zur Frage der Haftung von Künstlicher Intelligenz

„Haftung für Künstliche Intelligenz – droht ein Verantwortungsvakuum?“ – Vortrag von Prof. Dr. Christiane Wendehorst innerhalb der Ringvorlesung im Wintersemester 2020/2021 „Machtverschiebung durch Algorithmen und KI“

Von Kristina Balaneskovic

Künstliche Intelligenz kommt in den verschiedensten Sphären und Disziplinen zum Ein-satz. Mit der stetigen Weiterentwicklung von KI rückt diese immer weiter in den gesellschaftlichen Vordergrund. Doch die Diskussionen um die Funktion, Wirkung und Fehl-barkeit von Künstlicher Intelligenz werden nicht nur von Fragen technischer Art beglei-tet. Nicht zuletzt stellt sich die Frage, wer eigentlich haftet, wenn Künstliche Intelligenz Fehler macht? Dieser geht Prof. Dr. Christiane Wendehorst in ihrem Vortrag: „Haftung für Künstliche Intelligenz – droht ein Verantwortungsvakuum?“, welchen sie am 25. Januar 2021 online innerhalb der Ringvorlesung im Wintersemester 2020/2021 „Machtverschiebung durch Algorithmen und KI“, gehalten hat, nach.
Christiane Wendehorst ist Professorin für Zivilrecht an der Universität Wien und u.a. Präsidentin des European Law Institute. Veranstalter der Ringvorlesung ist das Forschungsnetzwerk „Die normative Ordnung Künstlicher Intelligenz | NO:KI“ am Forschungsverbund „Normative Ordnungen“ gemeinsam mit den Frankfurter Gesprächen zum Informationsrecht des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, Umweltrecht, Informati-onsrecht und Verwaltungswissenschaften und dem Fachbereich Rechtswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Wer haftet nun, wenn Künstliche Intelligenz versagt? Wie sind Entwicklungen auf EU-Ebene zu bewerten? Haftung für KI oder lieber Kontrolle von KI? Christiane Wendehorst hält fest: Damit diese Frage adressiert werden kann, bedürfe es zunächst der Frage, was wir unter der Überschrift ‚Haftung‘ diskutieren. Zunächst müsse nach der Referentin zwischen zwei Dimensionen unterschieden werden, nämlich der ‚physischen‘ und der ‚sozialen‘ Dimension von KI. Die ‚physische‘ Dimension sieht vor, Vorteile durch Produkte und Dienstleistungen mit KI, z.B. innerhalb einer besseren Gesundheitsversorgung, weniger Verkehrsunfällen oder weniger Emissionen, zu erlangen. Dahingegen steht die ‚soziale‘ Dimension, die durch Auslagerungen von Entscheidungen und Aktivitäten an KI z.B. von besseren Entscheidungen durch mehr Fairness oder auch mehr freien Ressourcen für menschliche Interaktionen profitieren kann. Mit der ‚physischen‘ und der ‚sozialen‘ Dimension sind allerdings auch entsprechende Risiken verbunden. Beispielsweise könnten unter der Beteiligung von KI, Menschen oder Objekte aufgrund von unsicheren Produkten zu Schaden kommen. Weiterhin können z.B. Diskriminierung, Manipulation, Ausbeutung oder auch Kontrollverluste durch unangemessene Entscheidungen und Machtausübung basierend auf Künstlicher Intelligenz nicht ausgeschlossen werden. Aus diesem Grund müsse, so Wendehorst, ein Haftungssystem versuchen, beide Dimensionen angemessen zu adressieren. Probleme sieht die Referentin darin, dass sich ein Großteil der Diskussion zur ‚Haftung von KI‘ auf die ‚physische‘ Dimension konzentriere und die ‚soziale‘ Dimension außer Acht lasse. Herausforderungen bestehen für das Haftungsrecht also darin, beide Dimensionen in den Mittelpunkt einer funktionierenden Systematik zu stellen.

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Kann man Computern Moral lehren? Computerwissenschaftliche Perspektiven von Prof. Dr. Kristian Kersting

Von Marian Nestroy

In der Ringvorlesung „Machtverschiebung durch Algorithmen und KI“ stellte Kristian Kersting, Professor für künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen an der TU Darmstadt, aktuelle Forschungsergebnisse vor und ging der Frage nach, ob es möglich ist, Systemen künstlicher Intelligenz Moral beizubringen.

Gerade die gegenwärtige Pandemie zeigt uns die Unerlässlichkeit des digitalen Austausches. Homeoffice wäre nicht möglich und das Videotelefonat mit Freunden und Verwandten auch nicht. Ein Trend zeichnet sich beim erreichten Stand der Technik aber schon ab. Es ist derselbe wie in den letzten Jahrzehnten: Je größer die technischen Möglichkeiten zur Datenverarbeitung sind, desto größer und tiefergehender sind ihre Einsatzfelder und damit die Notwendigkeit digitaler Systeme. Selbstfahrende Automobile werden von den Konzernen längst als gangbarer Weg der Zukunft von Mobilität gehandelt und autonome Systeme finden nicht nur in den Fabrikhallen unserer Gegenwart ihren Platz, sondern über das smarte Telefon auch im eigenen Wohnzimmer.

Was dem Einen Freude über Erleichterung im Alltag ist, mag dem Anderen als ein Übergriff der Roboter im Privaten erscheinen. Auch wenn die pessimistische Haltung gegenüber der künstlichen Intelligenz in vielen Fällen übertrieben scheint, so stellt sie doch implizit auch immer die Frage nach den Einflüssen dieser Technik auf reale Machtverhältnisse. Pessimismus darf daher insofern als gerechtfertigt gelten, als er kritische Impulse hervorbringt und das Themenfeld der Ringvorlesung mitbestimmt. Doch auch Kristian Kersting weiß um die Vorurteile gegenüber der KI – sowohl um die negativen, als auch um die positiven. Zudem weiß er auch wie er darauf zu reagieren hat: mit grundlegenden Informationen darüber, was unter KI und maschinellem Lernen eigentlich zu verstehen ist.

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Die Gegenwart der Religion und die Zukunft der Philosophie. Eine Tagung über und mit Jürgen Habermas

Von Michael Roseneck und Dennis Stammer

Auch das akademische Leben, sei es nun in Forschung oder Lehre, ist in erheblichem Maße durch die Corona-Pandemie eingeschränkt. So mussten zahlreiche geplante Foren des Austauschs über das 2019 erschienene, zweibändige Werk von Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie, abgesagt oder verschoben werden. Schon vor der Veröffentlichung war es allerdings anlässlich seines 90. Geburtstags im Juni 2019, zu dem J. Habermas einen denkwürdigen öffentlichen Vortrag hielt, der Gegenstand einer großen zweitägigen internationalen Tagung unter dem Dach der Normativen Ordnungen gewesen (Medienecho zum Vortrag "Noch einmal: Moralität und Sittlichkeit" von Jürgen Habermas (Auswahl)).
Um die Diskussion über dieses bedeutende Buch fortsetzen zu können, fand am 20. und 21. November 2020 ein vom Institut für Religionsphilosophische Forschung sowie dem Forschungsverbund Normative Ordnungen veranstalteter und in Kooperation mit dem Forschungskolleg Humanwissenschaften Bad Homburg durchgeführter Workshop statt, der in den virtuellen Raum verlegt worden war. Anspruch des von Thomas M. Schmidt und Matthias Lutz-Bachmann konzipierten Formats war es, renommierte Wissenschaftler*innen aus der Philosophie und Theologie Stellung zu Habermas‘ Abhandlung beziehen zu lassen sowie dem Autor die Möglichkeit zur Replik zu geben. Der Einladung in den digitalen Raum einer globalen Konferenz (die Zeitzonen von Mexiko über Pennsylvania bis nach Deutschland überspannend) folgten acht Vortragende und eine Reihe weiterer Teilnehmer*innen, und nicht zuletzt Jürgen Habermas selbst diskutierte von seinem Wohnort Starnberg aus mit.

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„Teilhabe oder Rückschritt?“ – Die Position der Frau in Zeiten von Corona

Bericht zum Vortrag von Prof. Jutta Allmendinger in der Reihe „DenkArt“ – Der normalisierte Ausnahmezustand

Von Kristina Balaneskovic

Im für den Herbst 2020 vorgesehenen Thema „Der normalisierte Ausnahmezustand“ hielt Prof. Jutta Allmendinger am 17. November 2020 digital zugeschaltet im Haus am Dom den Vortrag zu: „Teilhabe oder Rückschritt? – Die Position der Frau in Zeiten von Corona“.
Jutta Allmendinger ist Soziologin, Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarkt-forschung an der Humboldt-Universität zu Berlin und seit 2007 Präsidentin des Wis-senschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Aspekte von Arbeitsmarkt, Sozialpolitik und Sozialer Ungleichheit. In ihrem Fokus stehen dabei auch Fragen der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, sowohl im beruflichen als auch im familiären Rahmen.
Hauptaugenmerk der Veranstaltung „DenkArt“ ist es, einen partizipativen und öffentlichen Diskursraum zu aktuellen gesellschaftlichen Themen bieten zu können, auch in Pandemiezeiten. Veranstaltet wird die Redenreihe von Prof. Marion Tiedtke, Professorin für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main und Dramaturgin, dem Forschungsverbund „Normative Ordnungen“ in Kooperation mit der Katholischen Akademie Rabanus Maurus, Haus am Dom und der Heinrich-Böll-Stiftung. Gefördert wird die partizipative Vortragsreihe zudem von der Sebastian-Cobler-Stiftung für Bürgerrechte. Moderiert wurde der Abend von Mechthild Jansen von der Heinrich-Böll-Stiftung Hessen.

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Welchen Beitrag leistet Legal Analytics für das Recht?

Mireille Hildebrandt spricht über die epistemologischen Grundlagen von algorithmenbasierten Auswertungen im Rechtssystem

Von Tanja Strukelj

Künstliche Intelligenz, Algorithmen und Big Data verändern die Arbeit und das gesellschaftliche Zusammenleben. Welche Auswirkungen diese Technologien im Rechtssystem entfalten und welche Machtverschiebungen sie bedingen, ist das Thema der Ringvorlesung im Wintersemester 2020/21, die von Prof. Roland Broemel, Prof. Christoph Burchard und Prof. Indira Spiecker organisiert und vom Forschungsverbund „Normative Ordnungen“ gemeinsam mit den Frankfurter Gesprächen zum Informationsrecht und dem Fachbereich Rechtswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main veranstaltet wird. Den Auftakt zu dieser Veranstaltungsreihe machte Prof. Mireille Hildebrandt am 11. November 2020 mit ihrem Vortrag „Legal effect in computational ‘law’“, in welchem sie sich mit den erkenntnistheoretischen Grundlagen von Legal Analytics beschäftigte. Grußworte zur Eröffnung der Ringvorlesung hielten Prof. Birgitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität, Prof. Christoph Burchard, Professor für Straf- und Strafprozessrecht, Prof. Klaus Günther, Dekan des Fachbereichs Rechtswissenschaft und Professor für Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozessrecht, sowie Prof. Rainer Forst, Sprecher des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“ und Professor für Politische Theorie und Philosophie.

Die vortragende Mireille Hildebrandt ist Professorin für „Interfacing Law and Technology“ an der Vrijen Universiteit Brüssel und Co-Direktorin der dort ansässigen Forschungsgruppe „Law, Science, Technology and Society“. Daneben hat sie eine Teilzeit-Professur für „Smart Environments, Data Protection and Rule of Law“ an der Radboud University Nijmegen inne und ist seit 2019 Principal Investigator des von ihr eingeworbenen EU Research Grant „Counting as a Human Being in the Era of Computational Law“. In ihrer Forschung bewegt sie sich an der Schnittstelle zwischen Rechtswissenschaft und Informatik und beschäftigt sich insbesondere mit den epistemologischen Grundlagen von Künstlicher Intelligenz und deren Auswirkungen auf die Rechtspraxis.

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Mehr als nur ‚die Anderen‘.

Veranstaltungsbericht zu Albrecht Koschorkes Vortrag ‚Der Zorn der Moralisten und die Theorie des Ressentiments. Gegenwartsdiagnose mit/gegen Nietzsche‘

von Marian Nestroy

Ein orange anmutendes Gesicht, gelbliche Haare, blauer Anzug, rote etwas zu lang gebundene Krawatte und ein zur Exponierung neigender Sprachstil. Wer ist mit dieser Kurzbeschreibung gemeint? Es dürfte klar sein, dass es nicht Robert Habeck und auch nicht Emmanuel Macron ist. Es ist auch nicht Joe Biden oder Barack Obama, sondern natürlich Donald Trump, der von seinen Anhängern nur „The Donald“ genannt wird. Dieses Bild von ‚Donald‘, dem selbstbewusst auftretenden Macher, der das Land managt und bekommt, was er will, pflegte Trump nicht erst seit seinem ersten politischen Auftritt. Bereits im Reality TV prägte er intensiv sein Image als Boss, der immer bereit ist in etwas größeren Dimensionen zu denken als die Anderen.
Doch war es nicht nur Trump selbst, der sich der Verbreitung dieser fast schon zur Ikone gewordenen Figur verschrieb. Schließlich hatte sie enormen Wiedererkennungswert, so dass auch Printmedien, Fernsehen- und Internetformate aller Couleur sich dankbar den visuellen Stilmitteln des Unternehmers annahmen. Mit Faszination wurde auch das Handeln einer nunmehr politischen Figur beobachtet, wie man sie bis dahin noch nicht gesehen hatte. Die Aussagen von ‚The Donald‘ konnten in diese oder jene Richtung ausschlagen: häufig gegen Einwanderer, häufig gegen ‚die Elite‘ im politischen Sumpf, aber immer mit großem Wirkungsgrad, die vor allem der Tatsache entsprangen, dass er es mit Fakten nicht zu genau nahm. Die Frage danach, wer dieser Mann eigentlich ist, schien in unzähligen Zeitungsartikeln gestellt zu werden und offenbarte zugleich, dass es unter den Redaktionsmitgliedern auch keine Antwort gab.

Der Begriff des Ressentiments bei Nietzsche
Die Fixierung auf die Person Trump, ob nun visuell oder inhaltlich, führte mitunter zu einem starken Fokus auf die Psyche des US-Präsidenten. Die Frage aber, ob Donald Trump nun an Zwangsstörungen leidet oder nicht, ist aus gesellschaftswissenschaftlicher Perspektive eher von geringer Bedeutung. Darauf weist Albrecht Koschorke in seinem Vortrag am Forschungsverbund Normative Ordnungen zu Beginn hin. Vielmehr ist für ihn interessant, warum Menschen, die sich gegen die vermeintlich unmoralischen Eliten der politischen Klasse stellen, gerade in Trump eine Galionsfigur gefunden haben. Denn dieser ist bereits auf den ersten Blick ungeeignet als moralisch integer zu gelten: nicht nur, dass er ein ambivalentes Verhältnis zur Wahrheit hat, sondern auch seine Entgleisungen („grab her by the pussy“) und sein fragwürdiges Verhältnis zu seiner eigenen Klientel, müssten ihn eigentlich als Bezugspunkt einer Revolte der ‚kleinen Leute‘ disqualifizieren. Das ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil, Trump möchte auch eine zweite Amtszeit als Präsident absolvieren. Koschorkes Fragen stellen sich auch bei einer zweiten Wahlkampagne aufs Neue: Warum reagieren diejenigen, die die Elite als unmoralisch empfinden, nicht empfindlicher auf offensichtlich ebenso unmoralische Führungsfiguren ihrer Gegenbewegung?

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Autoritäre Bedrohungen und gesellschaftliche Herausforderungen der Pandemie

Bericht über den Auftakt der partizipativen Vortragsreihe DenkArt „Der Ausnahmezustand als neue Normalität?“ mit Professor Wilhelm Heitmeyer am 8. September 2020

Von Rose Troll

Der Auftakt der neuen DenkArt-Reihe, gemeinsam veranstaltet von der Katholischen Akademie Rabanus Maurus, Haus am Dom, dem Forschungsverbund „Normative Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Heinrich-Böll-Stiftung Hessen e.V.. mit Unterstützung durch die Sebastian-Cobler-Stiftung für Bürgerrechte im Haus am Dom, stand nicht nur thematisch unter den Vorzeichen der Corona-Pandemie. Um Hygiene-Maßnahmen und Abstandsregeln zur Eindämmung des Virus umsetzen und dennoch einen öffentlichen Raum der Diskussion (wieder-)herstellen zu können, konnte nur eine sehr kleine Zahl an Teilnehmenden vor Ort mitmachen. Alle anderen Interessierten mussten auf eine digitale Beteiligung von zuhause ausweichen. Den gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie, von denen diese veränderten Bedingungen der demokratischen Gegenwart nur eine der Unmittelbaren ist, ist die aktuelle Reihe des partizipativen Veranstaltungsformats gewidmet. Der erste Abend am 8. September fragte nach einer Interpretation des Ausnahmezustands aus der Perspektive autoritärer Bedrohungen – moderiert wurde er von Rebecca Caroline Schmidt, Geschäftsführerin des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“ und Administrative Geschäftsführerin des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Anfang des Jahres 2020 war die autoritäre Bedrohung der offenen Gesellschaft und liberalen Demokratie durch den neuerlichen rechtsextremen, rassistischen Anschlag in Hanau und den Skandal um die Wahl des thüringischen Ministerpräsidenten zentraler Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit. Kurze Zeit später wurde diese jedoch beinahe vollständig von der Corona-Pandemie und den zu ihrer Eindämmung eingeleiteten Maßnahmen dominiert. Mit der sommerlichen Entspannung durch niedrigere Infektionszahlen und Lockerungen diversifizierte sich die Berichterstattung und spätestens mit den sogenannten Corona-Demos, in denen sich verschwörungstheoretische Ablehnung der Maßnahmen mit rechtsextremer Mobilisierung verband, wurde ihre nicht nur beispielreiche, sondern vor allem drängende Aktualität erneut überdeutlich.

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Wenn viele Verschiedene in einem Raum zusammen handeln: Demokratie, eine streitbare, unterbestimmte kollektive Lebensform

Bericht zum Denkraum: „Demokratie – Was wird aus der Krise des Politischen?“ mit Prof. Dr. Martin Saar am 11. Februar 2020

Von Andrea C. Blättler

Am 11. Februar 2020 war der Chagall-Saal des Schauspiels Frankfurt bis auf die letzten Plätze besetzt – es ging um nichts weniger als um die Zukunft der Demokratie. Einen besseren Zeitpunkt hätte es für eine solche Veranstaltung vielleicht gar nicht geben können als kurz nach den Ereignissen rund um die Landtagswahl in Thüringen und kurz bevor SARS CoV 2 zur Pandemie deklariert wurde. Denn Martin Saar, Professor für Sozialphilosophie an der Goethe-Universität und Mitglied des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“, setzte bei der Beschreibung interner und externer Herausforderungen der Demokratie an; für die internen Herausforderungen ist die Landtagswahl in Thüringen ein gutes Beispiel, für die externen die Klimaerwärmung und auch das Corona-Virus, das Saar an jenem Abend „nicht an die Wand malen“ wollte, aber als demokratietheoretisches Problem bereits im Blick hatte. Es ist in den letzten Jahren beinahe üblich geworden, angesichts solcher Herausforderungen von Demokratie weniger als Teil der Lösung denn des Problems zu sprechen. Saar stimmte nicht in solche Abgesänge ein. Denn Demokratie, so führte er aus, ist nicht nur ein Regierungsregime, sondern auch eine Form des Politischen, der es genau dort bedarf, wo viele Verschiedene zusammen agieren (müssen), weil sie einen Raum teilen. So verstanden ist Demokratie ebenso heterogen wie unterbestimmt – und das bedeutet: spannungsgeladen. Denn wer zusammen handeln soll (und wer nicht), wie dabei genau vorzugehen ist, wo der geteilte Raum anfängt und wo er endet, und ob das alles nicht je nach politischer Frage unterschiedlich sein kann, all dies ist eben in einer Demokratie nicht per se festgelegt, sondern Gegenstand kollektiver Aushandlung. Was somit oft allzu rasch als Krise der Demokratie beschrieben wird, nämlich das Umstrittensein ihres Subjekts (das Volk?), ihres Raums (der Nationalstaat?) und ihrer Verfahren (der parlamentarische Betrieb?) ist daher weniger Ausdruck dessen, dass die Demokratie an ihre Grenzen kommt. Vielmehr zeigt sich dabei gerade ihr Wesen. Denn was umstritten ist, ist nicht festgelegt und nur was nicht ganz festgelegt ist, kann zum Gegenstand kollektiver Entscheidung werden. Damit sich ein Zusammenhandeln auf Dauer stellen kann, gießt es sich in institutionelle Formen. Aber nur, wenn immer wieder kontestiert werden kann, wer eigentlich wo zum Demos gehört und wie man sich genau selbst regiert, bleiben politische Institutionen wesentlich demokratisch. Diese Spannung auszuhalten ist nicht immer angenehm, aber unumgänglicher Preis kollektiver Selbstbestimmung. Und vielleicht ist es gerade ihre Unterbestimmtheit, welche die Demokratie lebendig hält. Doch der Reihe nach.

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Aktuelles

„Normative Ordnungen“, herausgegeben von Rainer Forst und Klaus Günther, erscheint am 17. April 2021 im Suhrkamp Verlag

Am 17. April 2021 erscheint der Sammelband „Normative Ordnungen“ im Suhrkamp Verlag. Herausgegeben von den Clustersprechern Prof. Rainer Forst und Prof. Klaus Günther, bietet das Werk einen weit gefassten interdispziplinären Überblick über die Ergebnisse eines erfolgreichen wissenschaftlichen Projekts. Mehr...

Das Postdoc-Programm des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“: Nachwuchsförderung zwischen 2017 und 2020

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist seit je her ein integraler Bestandteil des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“. Das 2017 neu strukturierte, verbundseigene Postdoc-Programm bietet die besten Bedingungen zu forschen und hochqualifizierte junge Wissenschaftler*innen zu fördern. Zum Erfahrungsbericht: Hier...

„Symposium on Jürgen Habermas’ Auch eine Geschichte der Philosophie“ herausgegeben von Rainer Forst erschienen

Als jüngste Ausgabe der Zeitschrift "Constellations: An International Journal of Critical and Democratic Theory" ist kürzlich das „Symposium on Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie“ herausgegeben von Prof. Rainer Forst erschienen. Mehr...

Nächste Termine

12. Mai 2021, 18 Uhr

Frankfurter interdisziplinäre Live-Debatte: „Zukunft der Solidarität“. Mit: Prof. Dr. Nicole Deitelhoff (HSFK und „Normative Ordnungen“), Prof. Dr. Stefanie Dimmeler (Cardio-Pulmonary Institute und Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Dr. Rainer Forst („Normative Ordnungen“), Prof. Dr. Klaus Günther („Normative Ordnungen“) und Prof. Dr. Jan Pieter Krahnen (SAFE). Moderation: Doris Renck (hr-Journalistin). Mehr...

19. Mai 2021, 12 Uhr

Frankfurter Kolloquium für Internetforschung X: Anna Sophia Tiedeke (Humboldt-Universität Berlin): Die Renaissance des Staats im Internet? Mehr...

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Neueste Medien

Solidarität_Wie lässt sich ein alter Wert neu denken?

Lukas Bärfuss (Autor und Büchnerpreisträger)
Moderation: Prof. Marion Tiedtke (Professorin für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main und Dramaturgin)
DenkArt "Solidarität_Aber wie?"


From Eugenics to Big Data: A Genealogy of Criminal Risk Assessment in American Law and Policy

Prof. Jonathan Simon (Professor of Criminal Justice Law, UC Berkeley)
Lecture Series "Algorithms - Between Trust and Control"

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Rainer Forst (2021):

Solidarity: concept, conceptions, and contexts. Normative Orders Working Paper 02/2021. Mehr...

Annette Imhausen (2021):

Sciences and normative orders: perspectives from the earliest sciences. Normative Orders Working Paper 01/2021. Mehr...