Der doppelte Boden in Hitchcocks Regie - James Conant über „Psycho“

Von Lukas Ondreka

Zum Finale der zweiten Vorlesungsreihe „Gesetz und Gewalt im Kino“ am 16. Juli 2014 sprach der US-amerikanische Philosoph James Conant über „Psycho“ (1960), den wohl bekanntesten Hitchcock-Thriller und einen der bedeutendsten Filme des amerikanischen Kinos. Unter dem Titel „Die Unsichtbarkeit einer perfekten Regie“ lieferte Conant, Professor für Philosophie an der University of Chicago und unter anderem Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Internationalen Wittgenstein Gesellschaft, dem zahlreich erschienenen Publikum eine minuziöse Vivisektion des Regiemeisterwerks „Psycho“ anhand ausgewählter Szenen.


„Psycho“ und der doppelte Boden eines Regiemeisterwerks

Hitchcocks „Psycho“, so Conant, sei ein klassisches Beispiel für ein Kunstwerk mit doppeltem Boden, wie es große Hollywood-Filme verkörperten. Beim ersten Sehen könne man glauben, dass es sich um ein einfaches Stück Unterhaltung handle. „Wenn wir jedoch denselben Film bei einem zweiten Sehen verstehen, erkennen wir, dass er unsere Bereitschaft, ihn zu unterschätzen, zu seinen eigenen Zwecken ausgenutzt hat“, erklärte Conant. Doppelte Bedeutungen in den Dialogen, fehlerhafte Sinnzuschreibungen, eigene Erwartungshaltungen an das Genre - all dies erschließe sich bei einem Hitchcock-Film erst beim zweiten oder bei mehrmaligem Sehen.
Ziel jedes ernsthaften Diskurses über „Psycho“ müsse folglich sein, zu erklären, was beim ersten Sehen unsichtbar geblieben ist. Diese auch im Vortragstitel aufgegriffene invisibility (Unsichtbarkeit) in Hitchcocks Regie exerzierte Conant daraufhin vor allem am Beispiel einer der meistzitierten Szenen der Filmgeschichte: der Dusch-Szene. Die Szene, in der die Hauptfigur Marion Crane (Janet Leigh) beim Duschen erstochen wird, sei offenkundig die wichtigste Szene des ganzen Films, so Conant. Aber vielleicht sei sie auch der Moment des Films, „bei dem wir am ehesten übersehen, wie viel wir eigentlich übersehen“.

45 Sekunden Mord und doch nichts gesehen

Die 45 Sekunden lange Sequenz, bestehend aus 78 Einstellungen, die eine ganze Woche Dreharbeiten einnahm, sei eine extrem gewalttätige Szene, ohne aber die Gewalt zu zeigen. Der Zuschauer sehe nie, wie das Messer die Haut durchdringe, so Conant. Zudem sei die Szene sexuell sehr intim. Aber man sehe nackte Haut, ohne Nacktheit - nudity - zu sehen. Die Szene sei aber nicht einfach „nur so“ gedreht worden, um den Film an den damals strengen Zensurbestimmungen vorbeizubekommen, erklärte Conant.
Vielmehr erfülle die Montage schnell aufeinanderfolgender Großaufnahmen mit Blick auf den doppelten Boden von Hitchcocks Regie vier Funktionen: Erstens, so Conant, abstrahiere die ästhetisierte Darstellung vom physischen Horror der Gewalttat, um dessen geistige und emotionale Bedeutung zu steigern. Zweitens werde dem Zuschauer ermöglicht, von der narrativen Perspektive Marions auf die des Mörders zu wechseln, wobei die Szene zunächst – und das sei ihre dritte Funktion – die Identität des Mörders verschleiere. Schlussendlich werde die Zeit dermaßen gedehnt, dass sie dem Zuschauer die Möglichkeit gebe, das Gesehene zu verarbeiten. Hitchcock schaffe es dabei, dass wir von alldem nichts bemerken, verdeutlichte Conant. „Gesteuert wird die ganze Sinngebung von Details der Darstellungsweise, die dem Zuschauer eher belanglos vorkommen dürften. […] Erst indem man sich nach dem Filmerlebnis in die Position des Regisseurs hineinversetzt, kann man erkennen, welches Maß an künstlerischem Aufwand hierzu nötig gewesen sein muss.“
In der Diskussion, die sich an die Filmvorführung anschloss, wurde abschließend auch das Thema Gewalt in Hitchcocks Filmen erörtert. Hierbei wurde unter anderem Bezug genommen auf die extrem psychologisierte Gewaltdarstellung in Hitchcocks Regiewerken. Hitchcock selbst hatte eine Vorliebe für Freud.

Rückblick auf die Kinoreihe

Veranstaltet wurde die Vorlesungsreihe vom Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an fünf Terminen im Frankfurter Museum für Moderne Kunst. Renommierte Gäste waren der Einladung des Exzellenzclusters gefolgt, um ihre Sicht auf ausgewählte Filme darzulegen. Zum Auftakt der Reihe am 25. April 2014sprach Verena Lueken über den Frauengefängnisfilm „Caged“ von John Cromwell (USA 1950). Martin Seel (9. Mai 2014) sprach über das kammerspielhafte Drama „Caché“ von Michael Haneke (F-A-D-I, 2005). Klaus Günther (23. Mai 2014) beleuchtete den rechtlichen Ausnahmezustand in dem (Anti-)Kriegsfilm „Zero Dark Thirty“ von Kathryn Bigelow (USA 2012). Angela Keppler (27. Juni 2014) warf Licht auf das Verhältnis von Gesetz und Gewalt im dem Western „Viva Maria!“ von Louis Malle (F-I 1965).
Die Vorlesungsreihe „Gesetz und Gewalt im Kino“ im Sommersemester 2014 war die Fortsetzung der Kinoreihe aus dem Wintersemester 2013/14 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Organisatoren der Reihe waren Prof. Dr. Martin Seel und Prof. Dr. Angela Keppler. Sie sind ebenfalls Leiter des gleichnamigen Forschungsprojekts am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen.

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