Brasilien gegen Brasilien: Sozialproteste am Zuckerhut - öffentliche Podiumsdiskussion und Filmvorführung

Von Lukas Ondreka

Eine Preiserhöhung von wenigen Cents im öffentlichen Nahverkehr führte vergangenes Jahr zu einer massiven Protestwelle in Brasilien. Der Film „Vinegar Syndrome“ dokumentiert die Proteste 2013. Auf Einladung des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ diskutierten am 3. Juli 2014 die Regisseure, Cesar Oiticica Filho und Tamur Aimara, und ein hochkarätiges Podium unter anderem über soziale Missstände in Brasilien und die Forderung nach politischer Mitsprache einer jungen Generation. Wenige Cents mehr für ein Busticket brachten ein Jahr vor der Fußball-WM 2014 das Fass zum Überlaufen. Trotz Fußball-Euphorie während des Confederation-Cups, dem offiziellen WM-Vorbereitungsturnier, gingen Millionen von Menschen in ganz Brasilien auf die Straße. Aus der Wut über die Fahrpreiserhöhung im öffentlichen Nahverkehr wurde schnell ein größerer Protest, der mangelnde staatliche Investitionen in den Bereichen Gesundheit und Bildung sowie gleichzeitige Milliardenausgaben für die Weltmeisterschaft anprangerte. In den Protesten unmittelbar zur Eröffnung der WM zeigte sich noch einmal die politische Sprengkraft einer jungen Generation, deren Angehörige eben auch aus dem Mittelstand hervorgegangen sind, die Mitsprache einfordert und dabei nicht auf die klassischen Kanäle politischer sowie medialer Repräsentation zurückgreift.

Hochkarätiges Podium mit Dokumentarfilmern aus Brasilien

Diese Widersprüche aufgreifend, organisierte der Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 unter dem Titel „Brasil vs. Brasil“ eine mit hochkarätigen Experten besetze Podiumsdiskussion mit anschließender Filmvorführung und Publikumsdiskussion. Gezeigt wurde im Park des Frankfurter Museums Angewandte Kunst der Dokumentarfilm „Vinegar Syndrome“, der die Proteste des vergangenen Jahres abbildet und wie diese Polizei und Medien bekämpft wurden. Die Regisseure Cesar Oiticica Filho und Tamur Aimara waren anwesend und beantworteten dem Publikum Fragen zur Situation in Brasilien und ihrem künstlerischen Schaffen.

Die Podiumsdiskussion im Vorfeld der Filmvorführung erörterte die gesellschaftspolitische Situation in Brasilien und griff dabei thematische Schwerpunkte des Dokumentarfilms auf. Es diskutierten neben den Regisseuren Dr. Antonio Martins (Strafrechtler an der Goethe-Universität Frankfurt am Main), Dr. Priska Daphi (Mitglied der Forschungsgruppe Herrschaft und Widerstand des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“), Verena Lueken (Filmkritikerin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) und Dr. Joachim Bernauer (Abteilungsleiter Film, Rundfunk und Fernsehen am Goethe-Institut). Moderiert wurde die Diskussion von der Geschäftsführerin des Exzellenzclusters Rebecca Caroline Schmidt und Dr. Paula Macedo Weiß vom Ko-Veranstalter Artichoke Kulturproduktion.

Gesellschaftliche Widersprüche in Brasilien

Joachim Bernauer, der für das Goethe-Institut von 2002 bis 2008 in Brasilien arbeitete, beschrieb die Proteste von 2013 als längst überfällig. „Im Grunde ist das eine Situation in Brasilien gewesen, dass man permanent dachte, warum gibt es keine solche Proteste. Die gesellschaftlichen Widersprüche in dem Land sind enorm“, sagte Bernauer. Seit Lula, der zwischen 2003 und 2011 Präsident des Landes war, habe es Verbesserungen für die unteren sozialen Schichten gegeben, aber an der Korruption und nicht zuletzt der Gewalt im Land hätte sich nichts geändert. Die politische Apathie, ergänzte der Strafrechtler und gebürtige Brasilianer Antonio Martins, sei auch ein Erbe aus der Zeit der Militärdiktatur. Die sozialen Proteste hätten nun aber gezeigt, dass eine junge Generation politische Mitsprache einfordere und demokratische Rechte einfordere.

Neue Formen und Symbole des Protests

Dass demokratische Teilhabe und soziale Rechte nicht erst mit den Protesten im vergangenen Jahr in den Fokus der brasilianischen Öffentlichkeit gerückt seien, betonte dagegen Protestforscherin Priska Daphi. Den Massenaufmärschen während des Confed-Cups seien bereits einige Politisierungen vorausgegangen. „Im Rahmen des globalisierungskritischen Weltsozialforums 2005 in Porto Alegre hat sich eine Bewegung gegründet, die sich gegen hohe Preise im öffentlichen Nahverkehr gerichtet hat“, verdeutlichte Daphi. Diese Vorerfahrung habe für die Proteste von 2013, die sich ja an einer Preiserhöhung von wenigen Cent im Nahverkehr entzündet hätten, wichtige Impulse geliefert. Auch in Form und Symbolik erinnerte die Bewegung in Brasilien an die globalisierungskritische Bewegung, so Daphi. Geeint seien sie in der Konstatierung einer allgemeinen Krise der politischen Legitimation und dem damit verbundenen Misstrauen gegenüber etablierten Strukturen, wie Parteien und Gewerkschaften. Darüber hinaus nutzten sie intensiv neue Medien wie soziale Netzwerke, um sich spontan zu organisieren.

Die Macht der alten Medien und die Macht der Media Ninjas

In seinen bisweilen chaotischen Bildern reflektiert auch der Film „Vinegar Syndrome“, der im Anschluss an die Podiumsdiskussion gezeigt wurde, die netzwerkartigen, nicht-hierarchischen Strukturen der landesweiten Protestbewegung im Sommer 2013. Die Demonstrationen richteten sich vor allem gegen mangelnde Infrastruktur und unzureichende staatliche Fürsorge in den Bereichen Gesundheit und Bildung. Der Film dokumentiert dabei auch die gewaltsamen Reaktionen der Polizei. Mehr als zehn Menschen wurden während der Proteste durch die Polizei getötet, Hunderte verletzt.

Ein weiterer Schwerpunkt liege, so die Regisseure, auf der Art und Weise der Berichterstattung etablierter brasilianischer Medien. „Wir haben uns mit der Rolle der klassischen Medien kritisch auseinandergesetzt“, sagt Cesar Oiticica Filho, Neffe des berühmten brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica. Diese ergriffen in den Augen ihrer Kritiker einseitig gegen die Protestbewegung Partei. „Vandalismus“ und „Plünderungen“ – diese Begriffe fallen in einigen Nachrichtensendungen, die der Film in Auszügen dokumentiert, immer wieder. Den Demonstrierenden wird von Mainstream-Medien das Recht abgesprochen, eine soziale Bewegung zu sein.

Der Film sei dabei alles andere als ein klassischer distanzierter Dokumentarfilm, wie Verena Lueken, Filmkritikerin der F.A.Z. zuvor auf dem Podium betonte. Die Regisseure machten keinen Hehl aus ihrer Involvierheit und dem Standpunkt des Films.  „Wir sind Regisseure des Films, verstehen uns aber als Teil der alternativen Medien“, sagte Tamur Aimara, dessen Vater einst vor der brasilianischen Militärdiktatur nach London fliehen musste. Media Ninjas nennt man in Brasilien solche Online-Journalisten, eine kollektive Bewegung von Filmemachern, deren Erscheinen sich auch in anderen Teilen der Welt beobachten lässt.

Organisiert wurde die Veranstaltung vom Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Kooperationspartner waren das Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main, das Museum Angewandte Kunst und die Artichoke Kulturproduktion.

Weitere Informationen zu "Brasil vs. Brasil": Hier...

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