Dr. Matthias Kettemann: Das bewegte Bild – bewegt es Menschen? Engagiertes Imaginieren und Visualisierungen des Ringens um die Menschenrechte

Von Matthias Kettemann

Haben soziale Medien den Menschenrechtsdiskurs fundamental verändert? Machen Mobiltelefone Menschenrechtsverletzungen dokumentierbar und verrringern dadurch ihre Wahrscheinlichkeit? Oder ist die Entscheidung zu filmen statt zu helfen ethisch unvertretbar? Dieser im Rahmen der Biennale 3 Autumn School angebotene Workshop, geleitet von Dr. Matthias Kettemann, LL.M. (Harvard) und Postdoc des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen", widmete sich der Rolle von You-Tube-Videos und Menschenrechtsfilmportalen wie WITNESS im Kampf für die Menschenrechte. Die Teilnehmer betrachteten zentrale Videos mit Menschenrechtsbezug wie die Misshandlung von Rodney King. Damals war „zufällig“ ein Bürger mit Kamera vor Ort. Heute sind Kameras überall. Die Teilnehmer verglichen das King-Video mit den Ereignissen in Ferguson.

Dies warf zwei Fragen auf: Können Videos wirklich nachhaltigen sozialen Wandel bewirken oder führen sie nur zu kurzfristigen Empörungswellen? Sollen alle Polizisten mit Kameras ausgestattet werden, um Menschenrechtsverletzungen zu verhindern? Oder würde das gerade zu Menschenrechtsverletzungen (etwa Eingriffen in die Privatsphäre) führen? Ähnlich die Frage: Sollen Dashcams zur Verhinderung von Verkehrsvergehen eingesetzt werden? In Russland sind diese üblich. In Deutschland hat kürzlich ein Verwaltungsgericht datenschutzrechtliche und grundrechtliche Bedenken angemeldet.  Filmen ist janusköpfig: Wer weiß, dass er gefilmt wird, handelt anders. Das kann sich positiv auf den Schutz der Menschenrechte auswirken, aber eben auch eine Verletzung der Rechte darstellen.

Intensiv analysierten die Teilnehmer auch das KONY 2012-Video und die einhergehende Kampagne. Das handwerklich gut gemachte Video, das zu den erfolgreichsten Menschenrechtsvideo im Netz zählt, wurde auf die narrativen Strategien durchleuchtet, wie Simplifzierung und Reiz-Reaktions-Schemata. Das Video bringt es auf immerhin 100 Millionen Hits. Um das in Perspektive zu bringen:  Ylvis‘ Erfolgslied What does the Fox say kommt auf 450 Millionen Hits; und PSY’s Gangnam Style auf  2,1 Milliarden. Schließlich untersuchte der Workshop auch die Wirkung von Humor und Parodie in Videos mit Menschenrechtsbezug auf Beispiel von Ylvis‘ Song Jan Egeland über den gleichnamigen norwegischen Diplomaten. Dieses Lied kommt auf 10 Millionen Hits. Zum Vergleich: Ein Ansprache von UN-Menschenrechtshochkommissarin Navi Pillay zum Menschenrechtstag 2013 kommt auf 163 Aufrufe und der YouTube-Kanals des UN-Menschenrechtshochkommisariates (OHCHR) hat knapp 7500 Abonennten.

Menschenrechtsvideos kommt eine große Bedeutung in Meinungsaggregations- und –artikulationsprozessen zu. Wir müssen uns am stets fragen, wer sie wann unter welchen Umständen und zu welchem Zweck gemacht hat. Videos können manipulieren; sie können aber auch sozialen Wandel bewirken. Sie damit wichtige Artefakte in jenem Prozess sozialen Wandels, der von Informations- und Kommunikationstechnologien vorangetrieben wird. Und dieser wird am Exzellenzcluster „Die Herausbildung Normative Ordnungen“ nicht zuletzt von Dr. Kettemann im Rahmen seiner Arbeiten zur normativen Ordnung des Internets kritisch begleitet.

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