"Jede Gesellschaft konditioniert die Gefühle ihrer Bürger" - über den Wandel von Gefühlsregimen im Kapitalismus

Von Claudia Czingon

„Der Gefühlshaushalt des Kapitalismus – Geldgier als Strukturprinzip?“ lautete der Titel des 16. Frankfurter Stadtgesprächs, das am 25. September 2014 im Historischen Museum Frankfurt geführt wurde. Prof. Ute Frevert, Direktorin am Max-Planck Institut für Bildungsforschung in Berlin, wo sie den Forschungsbereich „Geschichte der Gefühle“ leitet, und Prof. Sighard Neckel, Professor für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt, Principal Investigator des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ sowie Mitglied des Instituts für Sozialforschung diskutierten über die Frage, auf welche Weise der Kapitalismus den Gefühlshaushalt des modernen Menschen verändert. Veranstalter waren der Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main. Die Moderation übernahm Rebecca Schmidt, Geschäftsführerin des Exzellenzclusters.



Prof. Frevert betonte zunächst den historischen Wandel von Gefühlsregimen im Kapitalismus. Unterschiedliche kapitalistische Wirtschaftsformen, so ihre These, gehen mit unterschiedlichen Emotionskonzeptionen einher, das heißt die Vorstellungen davon, was Emotionen für das Wirtschaftsleben bedeuten und wie am besten mit ihnen umzugehen sei, befinden sich in einem steten Wandel.

Dem zustimmend unterschied Prof. Neckel zwischen dem „Zeitalter der Zweckrationalität“ im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts und dem postindustriellen „Zeitalter der Nachhaltigkeit“. Während Ersterem von Autoren wie Weber und Marx vorwiegend Sachlichkeit und Gefühlskälte zugeschrieben würden, sei für die heutige Gesellschaft ein Gefühlsregime charakteristisch, das sich durch die Betonung von Empathie und Achtsamkeit hervorheben würde. Es beruhe auf der Einsicht der Ressourcenknappheit und lege einen sorgsamen Umgang auch mit menschlichen Ressourcen nahe. Unter dem Schleier des Mitgefühls würden sich allerdings auch neue Härten verbergen. Zwischen der alten Forderung des Arbeitgebers, „sich zusammenzureißen“ und der neuen Forderung, „aus sich herauszugehen“, bestehe letztlich kein Unterschied. Auch bei Letzterer handele es sich um einen Imperativ, der das vermeintliche Freiheits- und Selbstverwirklichungsversprechen des gegenwärtigen Gefühlsregimes in neue Formen subjektiven Zwangs übersetze.

In der jüngeren Geschichte differenzierte Frevert zwischen zwei konträren Gefühlsbildern. Während im Zuge der Therapeutisierungswelle der 1970er Jahre ein „Kult um die Authentizität“ und Privatheit von Gefühlen entstanden sei, der das widerständige Potential von Emotionen betone, habe mit Golemans Konzept der „Emotional Intelligence“ ein breiter öffentlicher Diskurs über Emotionen und ihre ökonomische Inwertsetzung eingesetzt. Zugleich wies Frevert darauf hin, dass der ökonomische Wert von Emotionen bereits lange vor der Dienstleistungs-Ökonomie erkannt worden war. Unter dem Motto „Arbeitsfreude“ wurden Industriearbeiter schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts darauf konditioniert, sich für ihre Arbeit zu begeistern, in der Erwartung, dass ihre gesteigerte Motivation sich positiv auf Produktivität und Geschäftsertrag auswirken würde.

Der Unterschied zu früheren Stadien der ökonomischen Inwertsetzung von Emotionen, so Neckel, bestehe darin, dass sich heute, gestützt durch die Erkenntnisse der neuronalen Hirnforschung, ein regelrechter Kult um die Steuerbarkeit von Gefühlen herausgebildet habe. Der Glaube an die Kontrollierbarkeit von Emotionen führe dazu, dass Gefühle zur individuellen Aufgabe und Verantwortung würden, an der man auch scheitern könne, was paradoxerweise das Entstehen jener negativen Emotionen begünstige, die man eigentlich unter Kontrolle bringen wolle. Zudem würde die systematische Gefühlskontrolle eine zunehmende  Verunsicherung hinsichtlich des subjektiven Gefühlshaushalts verursachen, was den Glauben an die Gefühlsauthentizität und somit auch die soziale Orientierungsfunktion von Gefühlen unterwandere.

Der zweite Teil des Abend beschäftigte sich mit der Frage nach der Bedeutung von Emotionen auf den Finanzmärkten. Auf die Frage, welche Rolle die Gier bei der Entstehung der Finanzkrise gespielt habe, antwortete Neckel, dass es sich bei der Gier nicht etwa um einen schlechten Charakterzug des einzelnen Bankers handle, sondern um ein strukturelles Problem, das bereits in den Geschäftsmodellen der Banken angelegt sei. Die Finanzmärkte hätten ihren Objektbezug (zur Realwirtschaft) weitgehend verloren, stattdessen seien sie auf den Handel mit Erwartungen spezialisiert. Die „Erwartungslust“ wiederum, die eine permanente Steigerung, ein kontinuierliches „Mehr“ impliziere, sei das zentrale Funktionsprinzip der Gier. Im Unterschied zur Begierde, die auf ein Objekt gerichtet sei und Befriedigung erfahren könne, sei es bei der Gier nicht die Aussicht auf Befriedigung, sondern die Erwartung selbst, die Lust bereite.

Zum Schluss widmete sich Frevert der Frage nach der Bedeutung des Vertrauens auf den Finanzmärkten. Ihrer Ansicht nach handelt es sich dabei um eine „Mogelpackung“, die vor allem seit der Finanzkrise durch die PR-Abteilungen der Banken verbreitet wird. Mit ihren zahlreichen Werbeaktionen setzten sie darauf, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. Damit würden sie eine Personalisierung vortäuschen, mit der sie Anonymität, Intransparenz und Risiko des Finanzsystems verschleierten. Frevert plädierte dafür, vom Begriff des Vertrauens (trust) abzurücken und stattdessen von Verlässlichkeit (confidence) zu sprechen, die sich in erster Linie auf die Einhaltung von Regeln bezieht.

Weitere Informationen zum 16. Frankfurter Stadtgespräch: Hier...


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