Kants Rassismus. Ein Kind seiner Zeit

Kant war ein Rassist. Aber was folgt aus dem Befund, dass der Kritiker der Vorurteile seinen Universalismus nicht zu Ende dachte - und was nicht? Ein Gastbeitrag.

Von Marcus Willaschek

In einer Zeit, in der Denkmäler von Rassisten und Sklavenhändlern gestürzt werden, wird nun auch diskutiert, ob der Philosoph Immanuel Kant (1724 bis 1804) vom Sockel gestoßen werden müsse, denn er sei, so der Bonner Historiker Michael Zeuske, durch seine Theorie der Menschenrassen ein Vorreiter des Rassismus und Kolonialismus in Deutschland gewesen. Patrick Bahners hat in diesem Feuilleton am 19. Juni zu Recht darauf hingewiesen, dass dieser Vorwurf insofern unbegründet ist, als Kant seine Theorie der Menschenrassen als einen Beitrag zu einer laufenden wissenschaftlichen Diskussion verstanden hat.
Tatsächlich habe Kant seine Position mehrfach revidiert und den Begriff der Menschenrasse schließlich aufgegeben. Volker Gerhardt hat in der "Welt" betont, dass Kant sich äußerte, bevor der Rassismus des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts und insbesondere die Rassenideologie der Nationalsozialisten die ganze politische und moralische Problematik des Rassenbegriffs offenkundig gemacht haben. Zudem sei Kant in seinen späten Werken gerade kein Vorreiter, sondern ein vehementer Kritiker des Kolonialismus gewesen.
Traurig und beschämend
Diese berechtigten Hinweise ändern jedoch nichts an der traurigen Tatsache, dass Kant zweifellos ein Rassist war, wenn man darunter jemanden versteht, der Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und ähnlicher Merkmale pauschal herabsetzt. So heißt es in der "Physischen Geographie" von 1801: "Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften." Auch wenn es sich bei "Physischen Geographie" nicht um ein eigenhändiges Werk Kants handelt, sind die aus heutiger Sicht schockierenden rassistischen Äußerungen doch mit Kants Billigung unter seinem Namen erschienen und beruhen auf Kants eigenen Vorlesungsnotizen, die Friedrich Theodor Rink drei Jahre vor Kants Tod ediert hat. Dass Kant Menschen weißer Hautfarbe ganz unabhängig von seiner Rassentheorie für überlegen hielt, ist ebenso belegt wie seine herabsetzende Haltung gegenüber "Negern", "Zigeunern", Juden und Frauen. All das ist seit langem bekannt.
Natürlich ist Kant hier Kind seiner Zeit, und seine Äußerungen gehen wohl nicht über das damals unter weißen männlichen Christen übliche Maß an Rassismus, Antijudaismus und Frauenfeindlichkeit hinaus. Aber das ist keine Entschuldigung, erst recht nicht im Falle Kants, der für sich beanspruchte, Vorurteile kritisch zu prüfen, und der seiner Zeit in so vielem voraus war. Dass Kant im Widerspruch zu seinem eigenen moralphilosophischen Universalismus, der allen Menschen einen absoluten Wert zuerkannte, Schwarze, Frauen und andere Gruppen pauschal herabsetzt, ist traurig und beschämend.
Kein moralisches oder philosophisches Orakel
Doch was folgt daraus - und was folgt daraus nicht? Erstens folgt daraus, dass der bilderstürmerische Gestus derjenigen, die Kant nun vom Podest stoßen wollen, nur die beeindrucken kann, die ihn zuvor auf ein solches gestellt haben. Auch in Philosophie und Wissenschaft gibt es Autoritäten, und Kant gehört zweifellos dazu, aber ihre Geltung beruht letztlich auf den Argumenten, Gründen und Beweisen, die sie für ihre Theorien anführen können. Darauf hat Patrick Bahners zu Recht hingewiesen. Wissenschaftliche Autorität bedeutet eben nicht Unfehlbarkeit. (Das übersehen gegenwärtig manche Kritiker populärer Virologen.) Da die Zeiten uneingeschränkter Heldenverehrung unserer Geistesgrößen lange vorbei sind, sollte es eigentlich nicht überraschen, dass auch Kant in wichtigen Fragen irrte.
Zweitens stellen Kants rassistische, antisemitische und frauenfeindliche Äußerungen seine philosophischen Leistungen und die Bedeutung seines Werkes nicht pauschal in Frage. Natürlich muss man sehr genau prüfen, ob Kants Fehlurteile sich auf seine Ethik, Rechtsphilosophie, politische Theorie und andere Teile seines Werkes ausgewirkt haben. Nach allem, was wir wissen, ist das zumindest für die grundlegenden Ideen und Thesen seiner praktischen Philosophie - den kategorischen Imperativ, das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit, die Idee einer Weltfriedensordnung - nicht der Fall. Mit Blick auf andere Thesen - Kants Beschränkung des aktiven Wahlrechts auf männliche Besitzbürger, der rechtlich untergeordnete Status von Frauen, die Reduzierung der Natur auf ein bloßes Mittel menschlicher Selbstverwirklichung - fällt die Prüfung weniger positiv aus. Doch auch das zeigt nur, was ohnehin klar ist: Kant war kein moralisches oder philosophisches Orakel; die Lektüre seiner Schriften ersetzt nicht eigenes Denken und Urteilen. Kant selbst wäre der Letzte gewesen, der das bestritten hätte: sapere aude - wage, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen - ist bekanntlich laut Kant der Wahlspruch der Aufklärung.
Historische Bedingungen
Drittens folgt daraus auch nicht, dass man die Werke Kants aufgrund der rassistischen Einstellungen ihres Autors nicht mehr lesen und diskutieren sollte. Es gibt sicherlich moralische und politische Verfehlungen, die so schwerwiegend sind, dass sie einen dunklen Schatten auf ein philosophisches, literarisches oder wissenschaftliches Werk werfen und eine positive Bezugnahme nur bei gleichzeitiger Distanzierung erlauben. (Martin Heidegger ist dafür ein Beispiel.) Das scheint mir bei Kant aber nicht der Fall zu sein. Ganz im Gegenteil vermittelt Kants Werk - trotz seiner rassistischen und anderen Fehlurteile - das Bild eines Autors, der sich ernsthaft und aufrichtig bemühte, mit seinem Werk einen Beitrag zum "Fortschreiten des menschlichen Geschlechts zum Besseren" zu leisten.
Natürlich macht das seine rassistischen und anderen moralischen und politischen Fehlurteile nur umso erklärungsbedürftiger. Doch eine solche Erklärung, wenn sie denn überhaupt möglich ist, wird auf die historischen, sozialen und psychologischen Bedingungen des Kantischen Denkens abheben; sie liegt daher auf einer ganz anderen Ebene als die kritische Diskussion seiner philosophischen Theorien und Argumente. Deren Überzeugungskraft und Berechtigung sind immer wieder aufs Neue zu prüfen, werden aber dadurch, dass Kant seinen eigenen Universalismus nicht zu Ende dachte, nicht prinzipiell in Frage gestellt.
Und viertens kann uns das Beispiel Kants ein wenig Bescheidenheit lehren, was unsere eigenen moralischen Urteile angeht. Wenn es selbst Kant nicht gelang, seine moralischen und politischen Grundüberzeugungen konsequent zu durchdenken und gravierende Fehlurteile zu vermeiden, wie wollen wir ausschließen, dass auch einige unserer Urteile und Praktiken sich im Nachhinein als moralisch unhaltbar erweisen?
Der Autor ist Professor für Philosophie der Neuzeit an der Goethe-Universität Frankfurt und Vorsitzender der Kant-Kommission der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Feuilleton) vom 22. Juni 2020. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv".


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