Veranstaltungsbericht zum Crisis Talk „Was Grundlagenforschung (noch) damit zu tun hat: Transnationale Forschungsförderung zur Bewältigung gesellschaftlicher Krisen in Europa“

Von Dr. Stefan Kroll

Im 7. Crisis Talk ging es nicht nur um die Frage, welchen Beitrag die Wissenschaft zur Bewältigung gesellschaftlicher Krisen leisten kann. Gegenstand der Diskussion war darüber hinaus ein Krisenphänomen, das, wie Prof. Dr. Nicole Deitelhoff (HSFK) in ihrer Begrüßung betonte, von manchen gar nicht als Krise wahrgenommen werde. Gemeint war die Rolle der Grundlagenforschung, welche in der europäischen Forschungsförderung gegenüber der anwendungsorientierten Forschung in die Defensive gerate. So wird es zumindest von manchen Beobachtern wahrgenommen. Die Frage nach der Bedeutung der Grundlagenforschung in der europäischen Forschungsförderung ist auch deshalb von besonderer Aktualität, weil im Sommer der Kommissionsvorschlag für das 9. Forschungsrahmenprogramm (FP9) zu erwarten ist.

Der Leibniz-Forschungsverbund „Krisen einer globalisierten Welt“ nahm dies zum Anlass, um gemeinsam mit seinen Partnern – der Vertretung des Landes Hessens bei der EU, dem Europa-Büro der Leibniz-Gemeinschaft und dem Frankfurter Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ – zu einer Debatte über die transnationale Forschungsförderung einzuladen. Mit Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger Ph.D. (WZB), Dr. Wolfgang Burtscher (stellvertretender Generaldirektor der GD Forschung und Innovation EU-Kommission) und Dr. Michael Metzlaff (Vice President Corporate Innovation R&D, Bayer AG) konnten drei hochrangige Gäste aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft für diesen Crisis Talk gewonnen werden. Neben Nicole Deitelhoff begrüßten Mark Weinmeister (Hessischer Staatssekretär für Europaangelegenheiten) und Prof. Dr. Matthias Kleiner (Präsident der Leibniz Gemeinschaft) die zahlreich erschienen Gäste. Während Mark Weinmeister die Reihe der Crisis Talks als eine Tradition der Landesvertretung in Brüssel würdigte und auch die Stellung der sozialwissenschaftlichen Grundlagenforschung für die Innovationsgesellschaft hervorhob, betonte Matthias Kleiner insbesondere die Bedeutung der Leibniz-Forschungsverbünde, deren Arbeit zugleich erkenntnisinteressiert und anwendungsorientiert sei.

 

Der Impulsvortrag von Jutta Allmendinger unterstrich zunächst die Bedeutung der sozialwissenschaftlichen Grundlagenforschung für ein Verständnis gesellschaftlicher Krisen. Das Wissen über den Verlust gesellschaftlichen Zusammenhalts, und wie diesem begegnet werden könne, sei eben auch eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg technologischer Innovationen. Bei der Förderung der Grundlagenforschung sei zu berücksichtigen, dass die eigentliche Relevanz erst in einem zweiten oder auch dritten Schritt deutlich werde. Entscheidend sei daher ein höheres Maß an Offenheit und Risikobereitschaft von Seiten der Förderer, sowie Förderinstrumente, die auf die Potentiale der Forscherinnen und Forscher zugeschnitten seien und nicht zuletzt mehr Zeit gewähren würden. In der von Charlotte Geerdink (Swiss Core) moderierten Diskussion forderte Wolfgang Burtscher, dass es auch der Anspruch der Sozial- und Geisteswissenschaften sein müsse, sich aktiv in die bestehenden Förderprogramme einzuschreiben. Dies setze aber voraus, so Allmendinger in ihrer Entgegnung, dass die Sozial- und Geisteswissenschaften bereits in der Phase eingebunden seien, in der die zentralen Fragestellungen und Zielsetzungen der Förderung formuliert würden.

 

Eine zusätzliche Perspektive brachte Michael Metzlaff (Bayer) ein, der darauf verwies, dass sozialwissenschaftliche Expertise in einem Unternehmen wie Bayer immer wichtiger werde. So sei es für das Unternehmen von großer Bedeutung, die gesellschaftliche Akzeptanz ihrer Produkte, wie etwa genetisch veränderten Saatguts, vorab besser abschätzen zu können. Interessant war zudem, dass aus der Perspektive eines global operierenden Unternehmens Forschungsförderprogramme nicht nur finanzielle Anreize setzen würden, sondern insbesondere auch aus Netzwerkgesichtspunkten heraus relevant seien. Aus dem Publikum wurde schließlich die Frage gestellt, ob manche Förderprogramme schlicht zu wenig Zeit ließen, um insbesondere Disziplinen übergreifende Projekte anzustoßen. Hier sei vor allem, und dies illustrierte Allmendinger anhand der Praxis ihres Instituts, eine Kombination aus Zeit und beschränkten Mitteln notwendig, um solche anspruchsvollen Kooperationen zu initiieren.

Dem Brüsseler Publikum bot sich eine lebhafte und engagiert geführte Debatte. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf dem Panel ist es gelungen, die vielfältigen Aspekte eines kontroversen Themas auszuleuchten, ohne sich dabei zu sehr in den Details der Forschungsförderung zu verlieren. Die großen Linien der europäischen Förderpolitik wurden dabei sehr gut deutlich und es wird spannend sein, zu beobachten, wie diese im Verlauf des Jahres weitergezogen werden.

 

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