Wissenschaft mit Pepp – Greta Wagner über Pillen und Pulver an der Universität

Von Jerzy Sobotta

Eine neue Spitzenzeit im Sprinten, ein neuer Weltrekord im Brustschwimmen? Wenn es um Höchstleistung geht, greifen Sportler hin und wieder mal in die medizinische Trickkiste. Dass nicht nur Athleten dopen, sondern auch Akademiker ihre Aufmerksamkeit auf chemischem Wege erhöhen, ist weniger bekannt. Greta Wagner, Postdoktorandin am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, hat die Praxis der Selbstoptimierung durch leistungssteigernde Psychopharmaka erforscht. In der Goethe Lecture Offenbach am 12. Dezember 2017 zeigt die Soziologin, wie Pillen und Pulver an Hochschulen und in der Kreativwirtschaft zum Einsatz kommen. Ohne in moralische Eindeutigkeit zu verfallen, stellt Wagner die Ambivalenzen ihrer Studienteilnehmer dar. „Im Versuch sich ständig besser zu machen und so den wachsenden Leistungsansprüchen der Gesellschaft zu entsprechen, scheitern viele Konsumenten an ihrem eigenen Selbstbild“, erklärt Wagner.

Unter Akademikern sind Medikamente besonders beliebt, die für die Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizitstörungen zum Einsatz kommen. Darunter fallen insbesondere Ritalin, Adderall und Provigil. ADHS-Patienten werden durch die Einnahme dieser Mittel sichtbar kontrollierter und lassen sich weniger ablenken. Diese Wirkung macht sie auch für das „Neuroenhancement“ so beliebt. So heißt die Einnahme von Psychopharmaka zur Verbesserung der Aufmerksamkeit und Konzentration, ohne dass eine medizinische Diagnose vorliegt. Als die Medien Anfang des Jahrzehnts verstärkt darüber berichteten, verbreitete sich der Name Hirndoping. „Statt das Phänomen einzudämmen, hat der Alarmismus der Medien zu seiner Verbreiterung beigetragen“, resümiert Greta Wagner die damalige Debatte. Sie selbst wählte das Thema als ihr Promotionsprojekt, da es in Deutschland nur wenig fundierte wissenschaftliche Forschung dazu gegeben habe.

In den USA wird mehr konsumiert als in Deutschland

Nach wie vor ist umstritten, wie verbreitet das Neuroenhancement hierzulande ist. Quantitative Studien an der Uni Mainz kamen 2012 und 2013 zu völlig verschiedenen Ergebnissen. Im Auftrag des Gesundheitsministeriums errechneten die Wissenschaftler zunächst, dass nur etwa fünf Prozent der Studenten pharmakologisches Hirndoping betreiben. Ein Jahr später korrigierten deren Kollegen von der gleichen Uni die Zahl deutlich nach oben. So nehme jeder fünfte Student in Deutschland leistungssteigernde Substanzen – worunter aber auch freiverkäufliche Mittel wie Koffeintabletten gezählt wurden.
Allerdings sei der Konsum in den USA immer noch deutlich verbreiteter als in Deutschland. Das hat Greta Wagner selbst bemerkt, als sie in beiden Ländern qualitative Gruppeninterviews unter Studierenden durchführte. Darin fragte sie die Probanden, wieso sie die Stoffe einnehmen, wie die Wirkung deren Lernverhalten beeinflusst und wie sie die Selbstwahrnehmung verändern. Studierende und Freischaffende in kreativen, kunst- und geisteswissenschaftlichen Fächern, die hauptsächlich zu Wagners Probanden gehörten, berichten von der motivierenden Wirkung der Substanzen und einer deutlich erhöhten Konzentration. Die 23-jährige Tabitha etwa beschreibt sie wie folgt: „Ich bin voll drin in der Materie. Plötzlich kann ich ein großes Interesse für jedes x-beliebige Thema aufbringen.“ Die freie Autorin Anne, 36, findet ein prägnantes Bild für ihren Konsum: „Es ist wie bei Pippi Langstrumpf. Sie wächst ohne Eltern auf und muss sich selbst erziehen.“ Anne erzieht sich selbst, indem sie eine halbe Tablette Adderall nach dem Frühstück und eine halbe nach dem Mittagessen zu sich nimmt. Das lässt sie fokussiert und ohne Ablenkungen jeweils 3 Stunden durcharbeiten.

Eine Folge veränderter Arbeitswelt

Am Beispiel von Anna erklärt Greta Wagner ihre soziologische Theorie des Neuroenhancements. Der Wandel der Arbeitswelt, der in den 80er Jahren einsetzt, mache eine besondere Form der Selbstregulierung erforderlich. Zur Zeit der fordistischen Fließbandproduktion wurde die Arbeiterschaft mittels äußerer Maßregelungen diszipliniert und in den Rhythmus der Maschine eingespannt. Die heutige postfordistische Arbeitsweise hingegen ist flexibler, vermeintlich freier. Um in ihr zu bestehen, werden Mechanismen der Disziplin von Außen in das Innenleben des Arbeiters verlegt. Anne wird von niemandem gezwungen, ihre Bücher zu schreiben. Um erfolgreiche Schriftstellerin zu sein, muss sie sich selbst motivieren und sich in einem hohen Maß mit ihrer Arbeit identifizieren. „Anne versucht, eine fordistische Disziplin in ihrem postfordistischen Alltag aufzubauen“, erklärt die Soziologin.
Dies geht nicht selten mit einem Gefühl der Selbstentfremdung einher, berichtet Wagner. Der Zustand körperlicher und geistiger Ausgelaugtheit, die nach dem Abklingen der Wirkung auftritt, ist nicht die einzige Verstimmung. In den Berichten vieler Probanden sei ein Muster zu erkennen: das Gefühl einem selbstgesetzten Standard nicht zu entsprechen. Wagner erklärt: „Der Konsum ist ein Versuch, eine innere Spannung auszuhandeln. Sie wollen diejenigen werden, die sie eigentlich zu sein glauben.“ Die Selbstoptimierung sei der Versuch, dem eigenen Selbstbild näher zu kommen. „Doch es kommt nie der Zeitpunkt, an dem sie zufrieden mit sich selber sind.“ Denn nur dort, so Wagner, wo Solidargemeinschaften entstehen, könne man mit sich selbst erst wirklich zufrieden sein.
So ist das Doping in der Wissenschaft ein fernes Echo, in dem das Rattern des Fließbandes inmitten aller freien Zeiteinteilung und vermeintlich selbstbestimmten Arbeitsrhythmen leise nachklingt. Irgendwo zwischen der institutionell verordneten Erhöhung des Lesetempos und der Angst, intellektuell zu versagen, locken die verheißungsvollen Stoffe. Ganz werden sie wohl nie den Graben schließen, der zwischen verordneter Bestzeit und dem Wunsch nach bedeutungsvoller Tätigkeit klafft. Den kleinen Anschub auf der Zielgerade aber, den gibt es nicht nur bei Olympia.

 

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