Quo vadis, Utopie? Rainer Forst über das Verhältnis von Utopie und Ironie

Von Steffen Andrae

Utopisches Denken hat es nicht leicht. Sein wesentlicher Gehalt – dass es über die gegebene Wirklichkeit hinausweist und eine neue, mögliche andere antizipiert – scheint prinzipiell ambivalent. Einerseits ist utopisches Denken unabdingbar für die Problematisierung bestehender Ausbeutungs-, Unterdrückungs- und Herrschaftsverhältnisse. Ein präziser und kritischer Sinn für die Wirklichkeit des Hier und Jetzt speist sich aus einer Idee von Möglichkeit, also aus der Vorstellung, dass es auch anders sein könnte. Andererseits unterliegt utopisches Denken stets einem gewissen Verdacht. Denn Versuche, eine neue Gesellschaft und den dazugehörigen Menschen zu begründen, sind mit Risiken verbunden: sie können, indem sie das vermeintlich Richtige durchzusetzen versuchen, totalitär werden.

Über die Widersprüche und Paradoxien utopischen Denkens sprach Rainer Forst, Professor für Politische Theorie an der Goethe-Universität und Co-Sprecher des Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, am 1. Dezember 2017 im Rahmen der B3 Biennale des bewegten Bildes. In seinem Vortrag mit dem Titel „Utopie und Ironie. Eine Kritische Theorie des Nirgendwo“ untersuchte er, ob Ironie ein mögliches Korrektiv der Fallstricke utopischen Denkens darstellt. Anhaltspunkte für diese Annahme suchte Forst in einem der Klassiker neuzeitlicher Utopien: Thomas Morus' Utopia – Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia von 1516.

Ein verbreiteter Einwand gegen Sozialutopien sei, dass sie Kollektivität derart überbetonen, dass darüber die Einzelnen vernachlässigt und letztendlich dem „großen Ganzen“ untergeordnet werden. Forst veranschaulichte diese Kritik insbesondere anhand von Karl Popper und Richard Saage, die von einer „Auslöschung des Individuellen“ sprechen. Auch Denker wie Jürgen Habermas gingen davon aus, dass die politische Überzeugung, eine perfekte Gesellschaft voraussehen und einsetzen zu können, schlussendlich in Technokratie münden müsse. Eine der Paradoxien utopischer Entwürfe besteht laut Forst im Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft: Einerseits sollen Individuen in der neuen Gesellschaft vollkommen sein, andererseits soll sich ihre Vollkommenheit quasi autopoietisch aus den gesellschaftlichen Institutionen heraus entwickeln. Was in sich vollkommen ist kann aber per definitionem nicht aus anderem hervorgehen. Die Idee einer bestmöglichen Gesellschaft stehe somit stets in der Gefahr, herrschaftsförmig zu werden. Forst wandte sich gegen beide Seiten, die er gleichermaßen als einseitig erachtet: Es sei weder angemessen, die Utopie als „perfekte Gesellschaft“ ohne Brüche oder Ambivalenzen zu verstehen, die qua technischem Handeln umstandslos ein- bzw. umgesetzt werden könne, noch dürfe utopisches Denken mit dem Verweis auf seinen vermeintlich totalitären Charakter diskreditiert werden. Es gelte vielmehr, ein kritisches Denken (weiter) zu entwickeln, das zwischen der Scylla utopischer Perfektion und der Charybdis utopieloser Affirmation hindurch manövriere.

Thomas Morus' Utopia ist für Forst ein solcher exemplarischer Mittelweg. Der Roman sei ein ambivalentes Werk, das den Nicht-Ort der Utopie in den Bereich zwischen der Verkehrtheit der alten und der neuen Gesellschaft verlege. Dem entspreche die Gliederung des Buchs in zwei Teile. In der ersten Hälfte widmet sich Morus einer sozialpolitischen Kritik des Englands seiner Zeit, dessen Ungerechtigkeit und Elend er als unchristlich anprangert. Der zweite Teil besteht aus der Erzählung eines Seefahrers, der den seltsamen Namen „Hythlodeus“ trägt, der in deutscher Übersetzung soviel wie „Possenreißer“ bedeutet. Der Bericht über die egalitäre Gesellschaft Utopien fungiert als Gegenmodell, sie kontrastiert als politisches Ideal die politische Realität Englands im frühen 16. Jahrhundert. Doch auch die Insel Utopien hat, wie Forst anhand der ironischen Momente des Buchs zeigt, ihre Schattenseiten. Sie ist eine vollkommen gleichförmige Einheitsgesellschaft, in der sowohl Kleidung und Hausrat, als auch die individuellen Schlafzeiten vom Kollektiv festgelegt und kontrolliert werden. Auch in Utopien lucke die Gewalt hervor, insbesondere gegenüber Fremden und Sklaven, aber auch in Bezug auf das einzelne Individuum. Morus fasse die neue Gesellschaft insofern nicht lediglich als in sich geschlossenes, makelloses Gebilde. Auch der Kontrapunkt zum Bestehenden wird nicht mit Samthandschuhen angefasst. Damit folge sein Gebrauch von Utopie einer doppelten Abgrenzungsbewegung: Er richte sie sowohl gegen die Gesellschaft seiner Zeit als auch gegen die Gefahren einer prospektiven Welt, die nur vermeintlich perfekt ist.

Was bedeutet das für das utopische Denken? Sein Ort liegt für Forst „nirgendwo im Dazwischen“: zwischen Realität und Ideal, zwischen gegenwärtiger und zukünftiger Gesellschaft, zwischen Jetzt und Dort. Damit richte es sich einerseits gegen kritikwürdige gesellschaftliche Verhältnisse – gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Unfreiheit – andererseits stelle es jedoch auch Gegenentwürfe einer neuen Gesellschaft immer wieder in Frage. In dieser Hinsicht fungiere es als Warnung gegenüber allzu einfachen, eindeutigen und abgeschlossenen Lösungsansätzen. Utopisches Denken in diesem kritischen Sinn verrate nicht das Ideal einer besseren Gesellschaft, sondern changiere zwischen der Kritik des Bestehenden und der Kritik von Zukunftsvisionen.


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