Die geordnete Unordnung der Dinge. Zum Eröffnungspodium des 11. Lichter Filmfests

Von Steffen Andrae

„Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen“, schrieb Theodor W. Adorno in seinen 'Minima Moralia'. Generationen radikaler Künstlerinnen und Künstler folgten einer solchen Auffassung von Kunst als gesellschaftlichem Störenfried. Aber ließe sich dieses Diktum auch auf das Feld der Politik münzen? Oder besteht deren Aufgabe nicht umgekehrt darin, Ordnung in das Chaos zu bringen? Im politischen Kontext scheint das Chaos jedenfalls stärker umstritten zu sein als im künstlerischen: den einen ist es Bedrohung und Ärgernis, den anderen produktive und schöpferische Agenda im Gestaltungsprozess öffentlicher Belange. Über „Chaos als politisches Konzept“ diskutierten beim Eröffnungspodium des 11. Lichter Filmfests Ralf Fücks vom Zentrum Liberale Moderne und ehemaliges Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung, Prof. Marion Tiedtke, Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin des Schauspiel Frankfurt, sowie Prof. Dr. Martin Saar, Professor für Sozialphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt und Principal Investigator des Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Die FAZ-Redakteurin Corinna Budras moderierte das Gespräch, das am 4. April 2018 in der Naxoshalle stattfand.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand zunächst die Annäherung an den Begriff des Chaos und dessen Ambiguität. Chaos kann laut Fücks sowohl als produktive wie auch als destruktive Kraft aufgefasst werden: als Übergangsform, in der sich alte Strukturen auflösen und aus dem Zustand unregulierter Veränderungen neue Ordnungen entstehen, oder aber als drohende, mit Unsicherheit und Risiken verbundene Unordnung. Da sich ein Gutteil der Gesellschaft durch die Gleichzeitigkeit und Dynamik von Umbrüchen bedroht fühle, warf Fücks die Frage auf, wie Individuen und Gesellschaften dazu befähigt werden können, produktiv mit solchen Veränderungen umzugehen. Für Tiedtke ist Chaos ein wichtiger Bestandteil kreativer Prozesse. Kurzzeitige, unregulierte Zustände der Überforderung oder Prokrastination ermöglichten oft einen neuen Blick auf die Dinge. Chaos also als schöpferisches Mittel künstlerischer Vorgänge. Im Gegensatz zu diesen „kleinen Unordnungen“ erinnerte Saar an die etymologische Herkunft des Begriffs. Als Chaos wurde ehemals der ursprüngliche Zustand vor jeder Ordnung bezeichnet, also das Ungeregelte schlechthin. Der griechische Dichter Hesiod beschrieb es ca. 700 v. Chr. in seiner ‚Theogonie‘ als unförmigen und verworrenen Urzustand, aus dem dann die Götter und die Erde hervorgingen. Diese antike Erzählung legt eine frühe Verknüpfung zwischen Vorstellungen des Chaos und der Ordnung nahe. In ihr drückt sich bereits aus, was Fücks als Substrat der gesamten Zivilisationsge­schichte deutete: der Versuch, Chaos durch bestimmte Ordnungselemente zu bändigen. Die Aufgabe Stabilität, Berechenbarkeit und Planbarkeit zu gewährleisten, kommt heute freilich weniger den Göttern als den gesellschaftlichen Institutionen zu. Ob das Chaos in Form ökonomischer, ökologischer und politischer Krisen diesen Einrichtungen möglicherweise gar nicht äußerlich ist, sondern durch bestimmte institutionelle Eigenlogiken selbst turnusmäßig erzeugt wird, ist eine offene Frage.

 

Mit Blick auf die gegenwärtige politische Landschaft lässt sich zweifelsohne von einer verworrenen Lage sprechen. Das derzeitige Chaos, erklärte Saar, sei aber kein totales, sondern bestehe aus vielen kleinen, sich verkettenden Veränderungen, beispielsweise in Nordkorea, China und den USA. Das globale System werde an tausenden von Herden volatil und verletzlich, vor allem zu Lasten der auf multilateralen Abstimmungen fußenden Weltordnung. Hingegen seien die nationalen Institutionen vielleicht stärker denn je. Doch wie steht ein solcher Befund zum weitverbreiteten Grundgefühl der Verunsicherung? Dieses kann durchaus als Ursache für die Wahl von Parteien und Politikern gelten, die mit „starker Hand“ gegen die chaotischen Zustände vorzugehen versprechen. Fücks nannte drei gesellschaftliche Ereignisse, die die gegenwärtigen anti-liberalen Tendenzen gestärkt hätten: die Anschläge von 9/11, die Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 und die Flüchtlingsbewegung 2015. Der Eindruck von Kontrollverlust führe bei immer mehr Menschen zur Befürwortung politischer Sicherheitsversprechen und Maßnahmen mit autoritären Zügen. Die Folge sei der quasi-völkische Rückzug in eine oftmals ethnisch überhöhte Homogenität und nationale Kleinstaaterei. Auch für Tiedtke besitzt die politische Agenda, die chaotischen Dinge in Recht und Ordnung zu bringen, eine enorme Bedeutung für potentielle gesellschaftliche Regressionsbewegungen. Sinnvolle Antworten auf Ängste und Unsicherheiten bestehen für sie hingegen in Erfahrungen der gemeinschaftlichen Zugehörigkeit, die der Tendenz zu Vereinzelung und Isolierung entgegenwirken. Diese Gruppenbindung will Tiedtke allerdings nicht im Sinne eines ethnischen, sondern eines „solidarischen Wir“ verstanden wissen. Fücks warnte vor allzu viel Gemeinschaftsaffinität. Sie sei politisch kontaminiert. Bedürfnisse nach Zugehörigkeit müssten, anstatt in exklusiven Gemeinschaften, innerhalb eines offenen „republikanischen Wir“ aufgehoben werden. In Anbetracht des politischen Chaos bedarf es heute – so die einhellige Meinung der Diskutierenden – eines verstärkten bürgerschaftlichen Engagements im Dienste der zunehmend gefährdeten liberalen Demokratie. Eine Programmatik im Sinne Karl Poppers: Die offene Gesellschaft muss gegen ihre Feinde verteidigt werden.

Hinsichtlich der soziologischen Gegenwartsdiagnose herrschte zunächst Uneinigkeit. Während Budras und Fücks die Sorgen und Ängste breiter Bevölkerungsschichten eher als unbegründete Antizipationen in weitgehend stabilen, gar „fantastischen Zeiten der annähernden Vollbeschäftigung und des Wirtschaftswachstums“ (Budras) deuteten, verwiesen Tiedtke und Saar auf die verstärkte Prekarisierung, Chaotik und Kontingenz, die bestimmte gesellschaftliche Gruppen bedrohe. Eine Zuhörerin aus dem Publikum erkundigte sich kritisch nach der sozialen Zusammensetzung des in Frage stehenden „Wir“, dessen Position im sozio-ökonomischen und sozio-politischen Kräftefeld zwar als bekannt vorausgesetzt, tatsächlich aber kaum eindeutig bestimmt wurde. Während die einen nämlich intuitiv über die gesellschaftliche Mittelschicht sprachen, argumentierten die anderen aus Sicht der Prekarisierten, Marginalisierten und Diskriminierten. Dass sich die Podiumsgäste bald darauf verständigten, dass diejenigen gesellschaftlichen Linien und Korridore ausfindig gemacht werden müssten, entlang derer ein erhöhtes Risiko der Benachteiligung besteht, kann kaum über die unterbödigen Konfliktlinien hinwegtäuschen, die sich in den irritierenden Momenten dieses Diskussionsabschnitts ausdrückten. Allzu rasch fiel das geteilte Bekenntnis zur demokratisch-liberalen Gesellschaftsordnung, das eine grundlegendere Auseinandersetzung über die ihr zu eigene Chaotik verhinderte.

Wo können sich Menschen nun über die mehr oder weniger chaotischen gesellschaftlichen Zustände verständigen? „Im Theater“, lautete Tiedtkes Antwort. Es greife zwar nicht unmittelbar ins politische Geschehen ein, ermögliche jedoch, gesellschaftliche Standpunkte im öffentlichen Raum zu verhandeln und zu diskutieren. So würde Saar nach eigener Auskunft auch über die Universität sprechen wollen. Doch handle es sich dabei vor allem um Potentialitäten. Gerade Institutionen, die eigentlich als Versammlungs- und Transformationsorte dienen könnten, seien häufig „strukturkonservativ“ und intern fixiert. Philiströse Ordnung also anstatt avantgardistischem Schöpferchaos? Universität und Theater bedienen laut Saar jedenfalls bestimmte etablierte Interessen, Wahrnehmungs- und Erwartungsformate, die wenig Platz für Neues lassen. Zumal beide Einrichtungen immer abhängiger werden von Drittmitteleinwerbung bzw. Auslastungszahlen. Sie wie Fücks als schöpferische Freiräume zu verstehen, scheint angesichts dessen also nur gegen ihre momentanen Ökonomisierungstendenzen möglich, setzt es doch voraus, dass sie zu einem guten Teil den Gesetzen des Marktes entzogen sind.

In der Bemerkung einer Zuhörerin, wie es sich denn nun mit dem „real existierenden Chaos“ verhalte – beispielsweise mit zerbombten Städten, in denen kein Stein auf dem anderen bleibt – blitzte das unbändige, abgründige Chaos wieder auf. Konzeptuell sind Chaos und Ordnung überkreuzt angeordnet: Vorstellungen des Chaos als unmenschlicher Unordnung einerseits und als produktivem, progressivem Moment andererseits entsprechen Ideen von Ordnung als stahlhartem Gehäuse bzw. als sichernder, regulierender Struktur. Dass nun das große Chaos von Kriegen, Hunger und anderem gesellschaftlichem Leid zwar omnipräsent, aber kaum wirklich greifbar erschien, hängt wohl mit der realen Dialektik dieser Konstellation zusammen. Denn vielleicht besteht die Problematik der bestehenden Ordnung nicht zuletzt darin, dass das ihr zugehörige Chaos immer schon als Teil ihres Normalzustands erscheint. Chaos in die Ordnung zu bringen, hieße dann, an dieser gewöhnungsmäßigen Chaotik zu rütteln und die gesellschaftliche Ordnung so zu irritieren, dass sie das ihr zu eigene Chaos preisgibt.

 

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