Sehnsucht nach Weisheit: (k)ein Fall für die akademische Philosophie?

Von Juana de O. Lorena

Anlässlich der Eröffnung des Rahmenprogramms der Biennale des bewegten Bildes (B3) begrüßte Bernd Frye, Pressereferent des Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“, das Publikum und stellte seinen Gesprächspartner vor. Marcus Willaschek hat die Professur für Philosophie der Neuzeit an der Goethe-Universität Frankfurt inne und ist Principal Investigator des geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungsverbundes „Normative Ordnungen“ an derselben Universität. Seine Expertise liegt vor allem in der Erforschung der  Philosophie Immanuel Kants, zu dessen Werk Willaschek 2015 das Kant-Lexikon mitherausgegeben hat.
Zur Einführung erläuterte Frye den Kontext der Veranstaltung: Das Leitthema der Biennale 2017 lautete „On Desire“ (aus dem Englischen „Über das Begehren“). Das Begehren, begleitet wie andere Gefühle unseren Alltag – einschließlich durch seinen Konflikt mit unserer Vernunft. In diesem Kontext erklärte Frye die Etymologie des Worts „Philosophie“, das Gegenstand des folgenden Gesprächs war. Philosophie wörtlich übersetzt heiße „Liebe zur Weisheit“; oder wenn man den niederländischen Begriff „Wijsbegeerte“ ins Auge fasse, die Bedeutungen „Begehren (nach)“ und „Wissen“ erhalte. Vor diesem Hintergrund präsentierte der Moderator nun den Titel der Veranstaltung, der als Leitfaden zum Gespräch diente: „Sehnsucht nach Weisheit: (k)ein Fall für die akademische Philosophie?“. Im Dialog mit Professor Marcus Willaschek wurde darunter vor allem über die Rolle der akademischen Philosophie bei der Lösung praktischer Alltagsfragen gesprochen.

Als Einstieg in die Thematik berichtete Frye über ein postgraduales Weiterbildungsprogramm an der Universität Wien, das sich „Philosophische Praxis“ nennt. Darin würde, so das Ziel des Programms, die Verbindung zwischen dem akademischen, theoretischen Charakter der Philosophie und einer „Philosophischen Beratung“ hergestellt. Interessant an dieser Stelle war Fryes Feststellung, dass auch große Philosophen mit der Frage des Verhältnisses zwischen Theorie und Praxis konfrontiert wurden. Als Beispiel dafür diente der Briefwechsel zwischen Immanuel Kant und Maria von Herbert im Jahr 1791.

Der Kant-Experte Willaschek erläuterte hier zunächst den Hintergrund dieses Briefwechsels: Es handelte sich um eine Dame, die Kant anschrieb, um nach einem Ratschlag zu bitten. Maria von Herbert, so Willaschek, hatte sich mit dem Werk von Kant auseinandergesetzt und sich wörtlich an dessen Kategorischen Imperativ – nach welchem man nicht lügen darf – orientiert. Die Folge ihrer Handlung nach der kantischen Moralphilosophie führte jedoch zu einer Trennung von ihrem Verlobten.
Willaschek erzählte weiter: Kant hätte ein halbes Jahr gebraucht, um auf den Brief von Maria  von Herbert zu reagieren. Die Antwort des Philosophen habe dann auf einer rein philosophischen Anweisung basiert, denn Kant, der sein Leben lang Junggeselle war, hatte keine praktische Erfahrung mit Liebesbeziehungen sammeln können. Dennoch stand Kants Antwort, so berichtete Willaschek, in Einklang mit seiner Theorie: Sie fokussierte auf das moralische Handeln und nicht auf das Resultat dieses Handelns. Als Folge dieser kleinen Anregung blieb der Gedanke, die akademische Philosophie kann nicht immer eine konkrete Antwort auf praktische Fragen anbieten. Diese Zweiteilung der Philosophie – die schon älter als Kant sei – würde in diesem Sinne einfach ihre beiden Facetten aufzeigen. Einerseits spricht man von einer abstrakten, wissenschaftlichen Philosophie; andererseits von einer eher anwendbaren, auf Lebensfragen orientierten Form von Philosophie.
Daran anschließend fragte Frye, ob diese Selbstständigkeit der akademischen Philosophie im Verhältnis zu den lebenspraktischen Angelegenheiten nicht ihr „Schicksal“ sei. Ausgangspunkt für diese Überlegung war ein Zitat des Philosophen Thomas Metzinger, der formulierte: „Wenn Philosophie die Liebe zur Weisheit ist, kann man heute sehr häufig sogar sagen, dass die akademische Philosophie unphilosophisch geworden ist.“ Diese Position Metzingers wendete Frye auf einen Interessenwechsel vieler Studierender während des Philosophiestudiums an. Frye postulierte, dass viele Studierende am Anfang des Studiums neugierig auf allgemeine philosophische Fragen wie „was ist ein gutes Leben“ oder ähnliche seien, aber dass sich dieses Interesse im Laufe des Studiums stark verändern würde.
Professor Willaschek kommentierte diese Aussage und stimmte Frye zu. Der Philosoph erklärte, dass dieser Wandel natürlich sei: Für ihn kommt diese Spezialisierung – und damit die Distanz zwischen akademischer Philosophie und Weisheit als eine Form von Lösung von praktischen Problemen – aus dem Bedürfnis auf Grundfragen zu antworten. Willaschek betonte, dass um eine befriedigende Antwort auf die ursprüngliche Frage „was ein gutes Leben ist“ zu liefern, sich Studierende mit theoretischen Details auseinandersetzen müssen. Zusammengefasst sei die Beantwortung allgemeinerer Fragen nur durch die Untersuchung von Grundideen und Einzelheiten möglich. In dieser Weise müsste man sich beispielsweise zunächst mit Definitionen des Worts „Gut“ beschäftigen, um einen weiteren Schritt machen zu können. Zusammenfassend folgerte Marcus Willaschek, Thomas Metzingers Diagnose sei „richtig und bedauerlich“ zugleich.
Als nächstes wurde über die philosophische Beratung als Lebensberatung gesprochen. An dieser Stelle ging es insbesondere um die philosophische Praxis und um die Kompetenz, die Philosoph_innen hätten, Ratschläge zu erteilen. Auf die Frage nach der Ausgestaltung der philosophischen Praxis antwortete Willaschek, dass Menschen, die in diesem Bereich ausgebildet sind, über Sachverständigkeit verfügen, die anderen nützlich sein könnte. Der Kant-Experte erläuterte, es würde sich um die Fähigkeit handeln, über komplexe Probleme nachzudenken und dadurch zu klaren Ergebnisse zu kommen. In diesem Sinne könnte jemand, der oder die ein Philosophiestudium absolviert hat, deutlich Probleme diagnostizieren und dazu über die möglichen Optionen zu deren Lösung reflektieren. Dennoch stellte Willaschek fest, dass diese Fähigkeit keine Ausschließlichkeit von Philosoph_innen sei. Darüber hinaus sei diese keine hinreichende Bedingung, jemanden gut beraten zu können. Man bräuchte für die Lösung existenzieller Probleme zusätzlich Kompetenzen, die man an einer Universität durch die akademische Ausbildung nicht lernen könnte – wie Einfühlungsvermögen und Empathie.
An dieser Stelle hakte Frye ein und bezog sich erneut auf das Weiterbildungsprogramm „Philosophische Praxis“ der Universität Wien. Er zitierte aus der Beschreibung des Programms. Dies würde antworten „auf das stetig wachsende Interesse der Öffentlichkeit nach philosophisch fundierter Reflexion menschlichen Lebens und Handelns“. Vor diesem Hintergrund stellte Frye die Frage, ob Professor Willaschek sich vorstellen könne, in diesem Studiengang ein Seminar zu seinem Forschungsbereich anzubieten – und wie es aufgebaut werden sollte, im Gegensatz zu einem seiner Seminare an der Goethe-Universität.
Grundsätzlich könne er es sich vorstellen, trotz seiner Skepsis gegenüber dem Studiengang, antwortete er. Skeptisch sei er, weil es bestimmte Kompetenzen gäbe, die man nicht lernen könne. Die, die aber erwerbbar seien, wie Reflexions- und Analysekompetenzen, würde er in seinem Seminar begünstigen. Dafür würde er zum Beispiel Diskussionen über Ethik bei Kant fördern, um dadurch reflektieren zu können, was ein guter Rat sei.

Um eine weitere Seite des praktischen Bezugs von Philosophie einzubeziehen, fragte Frye nach der Mitwirkung von Marcus Willaschek beim Funkkolleg Philosophie von HR-Info zum Thema „Was können wir wissen, was sollen wir tun?“. Bei dieser Reihe ging es u.a. um eine Diskussion aus populärwissenschaftlicher Perspektive zu relevanten gesellschaftlichen Themen wie Toleranz, Religion, Moral und Glück. Darauf bezogen sprach Willaschek über die Verbindung zwischen akademischem Fachwissen in der Philosophie und Fragen des Alltagslebens. Er berichtete über seinen Austausch mit den Journalist_innen, die die Reihe konzipierten und über seine Aufgabe, dieses Projekt wissenschaftlich zu begleiten. Interessant seien besonders die unterschiedlichen Ansprüche gewesen, die diese zwei Gruppen – Akademiker_innen und Journalist_innen – hatten z.B. daaraf was wichtige oder spannende Punkte seien, die betrachtet werden und wie sie für das anvisierte Publikum aufgearbeitet werden sollten. Die hierbei gemachte Erfahrung mit den Meinungsverschiedenheiten sei aber durchaus lehrreich für den Universitätsprofessor gewesen.
Dies war jedoch nicht die einzige Erfahrung des Philosophieprofessors mit dem nicht-akademischen Bereich. Frye ergänzte einen Verweis auf Willascheks Mitarbeit bei der Reihe „Anstand, Fairness, Gerechtigkeit – ethische Orientierung am Finanzplatz der Zukunft“, die mit Unterstützung der Deutsche Börse AG in Frankfurt stattfand. Hier ging es um einen Dialog zwischen Philosophie und Finanzwelt. Professor Willaschek hatte die Veranstaltung konzipiert und beraten, selbst aber keinen Vortrag in diesem Rahmen gehalten. Willaschek erklärte, dass seine Rolle in dieser Reihe die eines Vermittlers war: Er würde viele Experten und Expertinnen kennen, deren Arbeitsbereich näher an der Thematik seien und erzählte dazu, dass seine Arbeit hauptsächlich darin bestanden habe, sich mit ganz spezifischen Thematiken zu beschäftigen, die nur für eine kleine Gruppe von Fachleuten zugänglich sei. Er sei jedoch daran interessiert, Philosophie mit gesellschaftlicher Diskussion zu verknüpfen. Insofern würde er gerne zu der Erweiterung von öffentlichen Diskursen beitragen, die in seinem Themenfeld liegen würden. Dazu berichtete er, sein Ziel bei der Organisation dieser Veranstaltung sei nicht gewesen, das Interesse der Repräsentanten der Deutschen Börse zu befriedigen, sondern den akademischen Diskurs über Ethik und Anstand in der Finanzwelt zugängig für eine breitere Öffentlichkeit zu machen. Als Erkenntnisinteresse erwähnte er beispielsweise die Diskussion der Frage über die Vereinbarkeit von Aufrichtigkeit und dem Anstand eines Unternehmens mit dessen (langfristigen) wirtschaftlichen Interesse. Dies sei eine typische Diskussion, die aus der Sicht kantischer Theorie in den Blick genommen werden könne, so der Philosophieprofessor. Trotz seiner Vermittlerrolle in der Vorbereitung dieser Reihe stellte Marcus Willaschek an dieser Stelle seine wissenschaftliche Position dar: er argumentierte für die staatliche Regulierung, um dieses Dilemma zwischen Privatethik (des Unternehmens) und Verpflichtungen gegenüber die Öffentlichkeit (nach moralischen Maßstäben) zu verdeutlichen.
Vor der Verabschiedung diskutierten Frye und Willaschek noch über einen letzten Punkt, nämlich über die Unterscheidung zwischen „pflichtmäßigem Handeln“ und einem „Handeln aus Pflicht“ bei Kant. Willaschek betonte diese Unterscheidung und akzentuierte die Rolle des intrinsischen Handelns dabei. Angewandt auf den Kontext der Unternehmungsethik setzte sich der Kantexperte für ein allgemeines Festhalten an moralischen Regeln ein. Ob dieses Handeln auf dem Einfluss von intrinsischen Werten basiert, sei in dem Fall der Menschen in Wirtschaftsunternehmen nebensächlich.


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