Édition critique française de "Mein Kampf" - Die französische kritische Ausgabe von "Mein Kampf"

Von Johanna Schafgans

Dass am 13. Juni 2018 im IG-Farbenhaus der Goethe-Universität, also der ehemaligen Firmenzentrale der IG-Farben, über die französische kritische Ausgabe von „Mein Kampf" diskutiert wurde, führt uns zunächst zu jenem Datum, das diese Veranstaltung erst ermöglichte. Am 31. Dezember 2015, also siebzig Jahre nach dem Tod Adolf Hitlers, erloschen die Urheberrechte an diesem Buch. Schon im Vorfeld dieses Auslauftermins hatte das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) eine kritische Edition in Angriff genommen, die im Januar 2016 erschien. Auch in Frankreich hatte bereits 2011 die Édition Fayard ein kritisches Editionsprojekt von „Mein Kampf“ gestartet, an dem seit 2015 ein Team von ausgewiesenen französischen und deutschen SpezialistInnen unter der Leitung von Florent Brayard arbeitet. Der Text wird für diese Ausgabe neu übersetzt und für das französische Publikum kommentiert. Was diese Ausgabe charakterisiert und welche Diskussionen damit verbunden sind, war Thema der Kooperationsveranstaltung zwischen dem Fritz Bauer Institut zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, dem Institut Franco-allemand de Sciences Historiques et Sociales und dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ am 13. Juni 2018. Dabei diskutierten Dr. Stefan Martens, Stellvertretender Direktor am Deutschen Historischen Institut in Paris und Co-Herausgeber sowie Dr. Florent Brayard, Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique in Paris und Leiter des Editionsprojekts.
Dr. Stefan Martens startete mit einem Vortrag zur Geschichte von „Mein Kampf“ und seiner Rezeption in Deutschland und Frankreich. Das Buch hat zwischen dem ersten Erscheinen 1924 und dem Kriegsende 1945 über 1000 Auflagen mit 12 Millionen Exemplaren und in diversen Auflagen auch manche Umgestaltungen erfahren.

In Frankreich stellte man sich die Frage, ob und wozu man eine französische Übersetzung von „Mein Kampf“ bräuchte. Seit 1933 gab es eine englische Version, die vom Verlag der NSDAP besorgt worden  war, und in Frankreich wurde seit 1934 eine Übersetzung ausgeliefert, die auch heute noch zu erwerben ist. Herausgeber und Verleger dieser französischen Übersetzung war Fernand Sorlot, ein rechtsnationaler Politiker, der die französische Öffentlichkeit auf die steigenden Kriegsgefahren für Frankreich nach der Machtergreifung Hitlers hinweisen wollte. Dennoch gab es in dieser Edition keine kritische Auseinandersetzung mit dem Buch – lediglich im Vorwort den Hinweis eines früheren französischen Kolonialbeamten, dass jeder Franzose dieses Buch lesen müsse. Sorlots Verlag wurde daraufhin vor dem tribunal de commerce (Handelsgericht) verklagt und dazu verurteilt, den Druck zurückzuziehen. Somit durfte das Buch weder nachgedruckt noch verkauft werden. Doch der Verlag hielt sich nicht an dieses Urteil, sondern verkaufte, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, das Buch weiter. 1978 wurde der Verlag nach einer Werbeaktion für den Kauf von „Mein Kampf“ in einem Supermarkt erneut verklagt. Das Ergebnis dieses Prozesses war letztendlich nur, dass der Verlag verpflichtet wurde, ein Vorwort zu veröffentlichen, in dem auf den politischen Hintergrund des Buches hingewiesen wurde. Man wollte damit, so Dr. Stefan Martens, auf den in dieser Zeit wieder aufkommenden Antisemitismus und Rassismus reagieren.  Effektiv verboten war „Mein Kampf“ also in Frankreich nie.
In Deutschland dagegen hatte 1946 Bayern die Urheberrechte für „Mein Kampf“ erworben und seither keinen Nachdruck des Buches gestattet. Man konnte es aber straflos antiquarisch erwerben, denn von den 12 Millionen Exemplaren waren noch viele in Umlauf. Mit der Verbreitung des Internets ist es zudem immer schwieriger geworden, die Verbreitung des Textes unter Kontrolle zu halten: Es entstanden illegale Übersetzungen in andere Sprachen und eine Vielzahl an unautorisierten Versionen kursierten im Netz.
Ab 2010 und in verstärkter Weise 2015/2016 entfaltete sich in Frankreich eine Debatte um die Frage, was nach dem Verfall der Urheberrechte für „Mein Kampf“ geschehen solle. Der damalige Programmchef des Verlags Fayard und der britische, schon lange in Frankreich lebende Historiker Anthony Rowley entschieden, eine neue kommentierte Übersetzung von „Mein Kampf“ auf den Weg zu bringen, denn die alte Übersetzung sei fehlerhaft und ohne kritischen Kommentar. Nach mehreren Anläufen konnte man Olivier Mannoni als Übersetzer zu gewinnen. Als Anthony Rowley überraschend starb, übernahm Fabrice d’Almeida dieses Projekt. Zwischen 2013 und 2015 wechselte erneut die Führung von Fayard. Sophie de Closets wurde Verlagschefin und Sophie Hogg-Grandjean  Programmchefin. Nachdem Olivier Mannoni 2015 die Roh-Übersetzung fertig gestellt hatte, entschieden sich die Verlagschefinnen, das Projekt einer kritischen Edition von „Mein Kampf“ ernsthaft voranzutreiben. Der Verlag  betraute Dr. Florent Brayard  vom renommierten CNRS mit der Projektleitung.     
Dr. Stefan Martens fuhr fort, dass sich nach der Publikation der deutschen Edition am 1. Januar 2016 in Frankreich erneut eine Diskussion darum entfaltete, ob eine Übersetzung von „Mein Kampf“ überhaupt politisch notwendig sei. Jean-Luc Mélenchon, Gründer und Vorsitzender der Parti de Gauche, schrieb damals einen offenen Brief an den Verlag, in dem er sich sehr kritisch gegen das Editionsprojekt stellte, weil es sich um ein kriminelles Buch handle, das über 60 Millionen Tote mitverursacht habe. Auch betonte er in diesem offenen Brief, dass Frankreich zur Abschreckung gegen Rechtsextremismus „Mein Kampf“ politisch nicht bräuchte, solange es Marie Le Pen gäbe. Ein Mitarbeiter einer  Arbeitsgruppe der kritischen Edition habe daraufhin mit einem öffentlichen Brief auf Mélenchon reagiert und darin versucht, klar zu machen, weshalb eine öffentlich-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Buch dennoch notwendig sei.     
Die Debatte um die Publikation des Buches entfaltete sich weiter mit einer Sondernummer der Zeitung Libération, in der sich Historiker, Politiker, Journalisten usw. in die Diskussion einschalteten und Kritik gegenüber dem Vorhaben und verschiedene Gegenvorschläge äußerten. Zum einen wurde der Vorschlag unterbreitet, anstelle einer Buchpublikation den Text mit entsprechender historisch-kritischer Bearbeitung ins Internet zu stellen, um somit den „Medieneffekt“ zu vermeiden. Zum anderen wurde von Vertretern der Fondation pour la mémoire de la Shoah zu bedenken gegeben, dass Fayard ein Privatunternehmen sei und keine wissenschaftliche Einrichtung wie das IfZ in Deutschland. Da die entsprechende wissenschaftliche Einrichtung in Frankreich, das IHTP (Institut d'histoire du temps présent) viel weniger Mitarbeiter und finanzielle Mittel zur Verfügung habe, wäre es für dieses Institut unmöglich gewesen, solch eine Aufgabe zu bewältigen. Aus diesem Grund bot Fayard an, die Gewinne aus der Publikation von „Mein Kampf“ an entsprechende Einrichtungen weiterzugeben, wie z.B. an die Fondation pour la mémoire de la Shoah oder Yad Vashem. Die Fondation pour la mémoire de la Shoah akzeptierte diesen Vorschlag aber nicht, da sie kein Interesse daran habe, „die Gewinne von Hitler zu erhalten“.    
Insgesamt sei es also, so Dr. Stefan Martens, eine sehr aufgeladene Debatte gewesen, in der es nicht nur um „Mein Kampf“ ging, sondern vor allem allgemein um die Frage, wie man in Frankreich mit Themen wie Antisemitismus und Rechtsextremismus öffentlich umgehen solle. In dieser kritischen Situation sei allen Beteiligten der Buchedition klar geworden, dass schnell gehandelt werden müsse. Man verhandelte mit dem IfZ darüber, wie die französische Ausgabe  aussehen sollte. Das Ergebnis dieser Verhandlungen war die Einsicht, dass eine 1:1-Übersetzung der deutschen Ausgabe ins Französische nicht sinnvoll sei, denn die Anmerkungen der deutschen Ausgabe seien viel zu umfangreich für ein französisches Publikum, auch brauche der französische Leser andere Erläuterungen als ein deutsches Publikum. Um dies zu gewährleisten, habe man sich dann ein Konzept überlegt, um einerseits die französische Roh-Übersetzung zu prüfen und andererseits den deutschen Anmerkungsapparat zu überarbeiten. Zuletzt betonte Dr. Stefan Martens, dass es vonseiten des Verlags Fayard völlige Freiheit gegeben habe. Man habe einen wissenschaftlichen Beirat mit deutschen und französischen Spezialisten geschaffen, um die Arbeit zu begleiten. Finanziell wurde das Projekt von drei Institutionen unterstützt: dem Centre de Recherche Historique, dem LabEx TEPSIS (Transformation de l’Etat, Politisation des societés, Institution du Social) und dem Deutschen Historischen Institut, das auch die Arbeitsplätze bereitstellte.     
Nachdem Dr. Stefan Martens den Kontext und Entstehungsprozess des Projekts erläutert hatte, fokussierte Dr. Florent Brayard in seinem Vortrag konkreter darauf, wie genau die Übersetzung und Adaptation der Edition des IfZ ins Französische erfolgte.     
Er erklärte zunächst, dass für ihn folgende Dinge von Anfang an klar gewesen seien: Zum einen sollte der umfängliche Anmerkungsapparat nur in adaptierter Form übernommen werden und zum anderen sollte die lange, für französische Leser zu komplizierte Einleitung der deutschen Ausgabe ersetzt werden durch eine verständlichere Gesamteinleitung und kürzere Einleitungen vor jedem Kapitel mit orientierenden Inhaltsübersichten.
Es gab es aber auch Dinge, die für ihn so nicht vorhersehbar waren: Erstens die Notwendigkeit, bei einem so sensiblen historischen Thema die Übersetzung mit profunder germanistischer Expertise zu verbinden; und zweitens der hohe Aufwand, im kritischen Apparat die deutschen Anmerkungen und Literaturhinweise für französische Leser zugänglich und verständlich zu machen. Man habe dazu die Entscheidung getroffen, die komplette Bibliographie umzuarbeiten und mit Hinweisen auf französische und englische Fassungen der angeführten deutschen Literatur anzureichern.
Dr. Florent Brayard fuhr fort, indem er die verschiedene Etappen bei der Erstellung des Buches erläuterte: Erstens die Erstellung der endgültigen Übersetzung: Dafür hätten sie in verschiedenen Übersetzergruppen kapitelweise gearbeitet, seien jeweils zunächst von der deutschen Fassung ausgegangen und hätten dann anhand eines kritischen Vergleichs der französischen und der englischen Übersetzung Änderungen an der französischen Version von Olivier Mannoni  vorgenommen. Dabei sollte beachtet werden, dass die Übersetzung sehr nah am Originaltext blieb: Es gehe nicht darum, den Stil zu verbessern, vielmehr solle die Übersetzung ins Französische genauso schwierig und unangenehm für den Leser sein wie das deutsche Original. Nachdem diese Auseinandersetzungen über die unterschiedlichen Textversionen in den Gruppen stattgefunden hatten, wurde ein Beratungsgespräch geführt, in dem entschieden wurde, welche Korrekturen an der französischen Version notwendig seien. Der nächste Schritt sei dann gewesen, Mannoni die korrigierte Übersetzung zu geben, damit er selber noch einmal feststellen konnte, ob er damit einverstanden sei. Am Ende dieses Aushandlungsprozesses stand die endgültige Übersetzung. Dr. Brayard betonte, dass es ein langer Prozess gewesen sei und ein sehr hoher Aufwand, den sie ohne ihren deutschen Kollegen nicht hätten bewerkstelligen können.  
Zweitens die Adaptation des kritischen Anmerkungsapparats: Der Vorteil bei der Adaptation sei gewesen, dass die ganze Arbeit nicht von vorne gemacht werden musste. Der Anmerkungsapparat in der deutschen Fassung sei aber sehr lang gewesen – er beinhaltete eine Vielzahl an Zitaten, Literaturhinweisen usw., die zwar wissenschaftlich wichtig seien, den Lesefluss aber störten. Somit wurde in der französischen Ausgabe der kritische Apparat gekürzt, aber auch durch speziell für französische Leser hilfreiche Anmerkungen ergänzt (so z. B. die Erklärung, was eine deutsche Realschule sei, oder auch Hinweise zur spezifisch französischen Situation). Ein weiteres Problem der deutschen Edition war die vertrackte Struktur der Fußnoten und Anmerkungen, die die Lektüre für den Leser sehr beschwerlich mache. Um dies abzumildern, hätten sie für die französische Version versucht, alle Informationen zu relevanten Thematiken in einer Fußnote zu konzentrieren. So wie bei der Übersetzung hätten sie bei den Anmerkungen sukzessiv gearbeitet: Zunächst in kleineren Gruppen von Doktoranden, dann wurde deren Version von erfahrenen Kollegen überarbeitet und am Ende habe der Projektleiter die Schlussredaktion übernommen. Letztendlich wurde durch diese Abänderungen die Gesamtzahl der Seiten (im Vergleich zu der deutschen IfZ-Ausgabe) deutlich reduziert. Dr. Florent Brayard beendete seinen Vortrag mit der Feststellung, dass die Erstellung der französischen kritischen Ausgabe von „Mein Kampf“ ein langer Prozess gewesen sei, der immer noch weiter gehe. Die Erstellung der französischen Ausgabe könne man fast mehr als eine literarische denn eine wissenschaftliche Übersetzung charakterisieren.
Diese spannende Diskussion zwischen Dr. Stefan Martens und Dr. Florent Brayard lieferte eine umfassende Bilanz der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der deutschen und französischen Version eines historisch so relevanten und kontroversen Buches wie „Mein Kampf“ und einen direkten Einblick in die Fertigung einer wissenschaftlichen Edition.

 

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