„The End is Not the End. Post-apocalyptic Imaginaries in Contemporary Movies“ - Vortrag und Gespräch während des Lichter Filmfest Frankfurt International

Von Catia Faranda

Unter dem Leitthema „Chaos“ des Lichter Filmfest Frankfurt International sprachen am 6. April 2018 der Kurator und Kulturwissenschaftler Jacob Lillemose, PhD und Dr. Peer Illner, Postdoktorand des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, unter dem Titel „The End is Not the End. Post-apocalyptic Imaginaries in Contemporary Movies“ über filmische Entwürfe postapokalyptischer Szenarien im Deutschen Filmmuseum.
Jacob Lillemose ist als Kurator im Filmhouse Kopenhagen tätig und untersucht dort die Darstellung von Katastrophen in den visuellen Medien. Daran anknüpfend warf er in seinem Eröffnungsvortrag einen Blick auf Filmbespiele, in denen chaotische und desaströse Zustände abgebildet werden. Diese unterzog er tieferen Untersuchungen und hinterfragte die Darstellung des Chaos als Konzept aus ästhetischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive.
Desaster-Filme erstrecken sich über die gesamte Zeitspanne der Filmgeschichte, sind jedoch besonders in Zeiten der Veränderung und Unsicherheit zahlreich erschienen. So wurde u.a. in den 1970er Jahren eine größere Anzahl von  Desaster-Filmen produziert, die eine ebenfalls hohe Zahl an Kinobesuchern verbuchen konnten. Lillemose führte dieses wachsende Interesse in seinem Vortrag einerseits auf das Post-Vietnam-Trauma und die zunehmend bewusst werdende Umweltverschmutzung und Klimaveränderung zurück, wie sie  beispielsweise in dem Film The Squirm (Jeff Lieberman, USA 1976) aufgearbeitet werden. Andererseits begründete er die Verbreitung der Filme durch das gleichzeitige Entstehen einer beschleunigten, neuen Konsumkultur in dieser Zeit, die sich stark auf die Gesellschaft und deren Rezeptionsverhalten auswirkte.

Das Desaster könne dabei, in den damaligen wie in heutigen Filmen, von historischer, wie in Titanic (James Cameron, USA 1997) oder spekulativer Natur, wie in Sharknado (Anthony C. Ferrante, USA 2013) sein, plausibel oder unrealistisch, kurz bevorstehend oder aber auch in ferner Zukunft angesiedelt werden. Ein wiederkehrendes Thema sei dabei die „Zivilisation auf Abwegen“, wie Lillemose erläutert. Hierbei bezieht er sich auf eine Zerstörung der bisherigen Ordnung, die die Handlung der Filme präge und die dazu führe, dass Individuen ihren Halt innerhalb der Gesellschaft verlieren. Typisch seien zudem Szenarien invasorischer Übernahmen durch Aliens oder künstliche Intelligenzen, oder durch Untote wie in Night of the Living Dead (George A. Romero, USA 1968) bzw. durch Roboter wie in der Fernsehserie Westworld (Lisa Joy/Jonathan Nolan, USA 2016) oder immer wieder auch ökologische Katastrophen wie kürzlich in Geostorm (Dean Devlin, USA 2017) und Metal Tornado (Gordon Yang, USA 2011).
Wie in den 1970er Jahren so würden Desaster Filme auch heute auf verschiedenen Ebenen funktionieren. Sie dienen als Folien zur Darstellung politischer und kultureller Diskurse und reflektierten dabei Mythologien, Ordnungen, Absichten und Philosophien. Die übergeordneten Fragen, die sich Lillemose dabei in seinen Untersuchungen stellt, sind, wie sieht das von Menschen imaginierte Ende der Welt aus? Welche Vorstellungen der ultimativen Apokalypse gibt es?
Im Copenhagen Center for Disaster Research versuchte er diese in einem angegliederten Forschungsprojekt namens Changing Disasters zu beantworten und kuratierte auch die Ausstellung X And Beyond im Kontext dieser Fragestellungen, wie er berichtete. Die Ausstellung und das interdisziplinäre Forschungsprojekt, das Juristen, Ökonomen, Anthropologen, Literaturwissenschaftler und Epidemiologen vereinte, befasste sich insbesondere mit der Komplexität der Katastrophendarstellung in Kunst und Populärkultur. Vor allem aus wissenschaftlicher Perspektive böten die vielfachen zeitgenössischen und historischen Darstellungen von Desaster-Ereignissen, wie Tsunamis, Fukushima, Börsencrashs und Vogelgrippen, besondere Rückschlüsse auf die Kunst- und Popkultur. Neben dem sensationalistischen Umgang der Massenmedien mit Desastern befasste sich X And Beyond daher auch mit den komplexen Effekten, die Katastrophen und insbesondere deren Abbildung in Medien unterschiedlichster Art auf die Gesellschaft ausüben. Ziel sei dabei gewesen, aus der Fiktion Wissen für die Realität zu schöpfen. Die Fiktion stelle, so Lillemose, die Weiche und ermögliche uns den Zugang zum Desaster, denn die imaginierte Zombie-Apokalypse verrate auch immer etwas über die Gesellschaft, in der sie entstanden sei, weil sie zeigt, wie deren Reaktion im Ausnahmezustand aussehen könnte. Was also kann aus dem fiktionalen Chaoszustand für die Wirklichkeit abgeleitet werden?
Zombie-Filme würden hier eine Fülle an Ideen entwickeln. Dabei springen einige zurück in die Zeit des Mittelalters, andere hingegen zeigen dystopische Visionen eines fortgeschrittenen Kapitalismus. Durch die Erfahrung eines Desasters auf fiktiver Ebene, würden wir Leitmotive generieren, doch vergessen, so Lillemose, dabei über das Desaster an sich zu reflektieren. Interessant dabei sei, dass die Zombie-Apokalypse nie wirklich das Ende präsentiere, sondern eher einen endlosen Zustand, der genau jenen Zeitpunkt ins Auge fasst, wie die Welt dem Ende zugeht.
Lillemose zieht zwei Filmbeispiele heran, um an ihnen zu zeigen, wie zwei signifikant unterschiedliche Endzeitdarstellungen aussehen können, The Road (John Hillcoat, USA 2009) und Take Shelter (Jeff Nichols, USA 2011). Zuerst präsentiert er das sogenannte „reaktionäre Ende“, das er in dem Film The Road erkennt. Dort bedarf ein Problem einer spezifischen Lösung, bzw. sind die Menschen dort aus eigener Kraft befähigt, den vorherigen Ordnungszustand wieder herzustellen. Ein klassisches Beispiel für diese Plotform sei auch Armageddon (Michael Bay, USA 1998). In beiden Filmen werde das Desaster als Möglichkeit angesehen, Ordnungen und deren Stellenwert in politischen, sozialen und kulturellen Strukturen zu legitimieren. Die Zivilisation mache ihren Wert geltend durch die Krise, die es zu überkommen gilt. Gleichzeitig wecke der Umgang mit dem Chaos Kreativität und Ideen.
Die zweite Kategorie bezeichnet er als das „kritische Ende“, das ein Ende als Anfang von etwas neuem präsentiert. Es konzentriere sich auf das Aufkommen von neuen Möglichkeiten und Ideen in postapokalyptischen Szenarien. Hier gebe es keine Rückkehr zum Urzustand vor der Katastrophe, sondern sie führe zu völlig neuen Ordnungen, sei es politisch oder kulturell. Diese Form kann als Kritik zur aktuell bestehenden Ordnung angesehen werden und zeige, dass die vorherrschende Ordnung nicht gegeben und nicht unverwundbar sei, ebenso wenig wie die Zivilisation selbst. Hier sei der Grundgedanke, das Ende als eine Form des Neubeginns zu betrachten und beinhalte häufig die Idee, Außenseiter zu bemächtigen, die Gesellschaft entweder politisch oder philosophisch zu reformieren.
Auch wenn Desaster-Filme das Ende präsentieren, regt Lillemose an, über das „non-ending-ending“ zu reflektieren. Er stellt fest, dass es ein generelles Problem damit gibt, das Ende oder die Endgültigkeit zu akzeptieren. Dies sei der Grund dafür, warum uns eine regelrechte Obsession begleite, sich vorzustellen, was nach dem „Ende“ passiere. Entscheidend sei immer die Frage nach dem Danach. Als „endings“, die einem realen Ende, also einem tatsächlichen Schluss, sehr nahe kommen, zieht er zwei weitere Filmbeispiele heran: The Birds (Alfred Hitchcock, USA 1963) und Kingdom Of The Spiders (John Cardos, USA 1977). Beide Filme zeigen interessanter Weise ein alternatives Ende, welches nie bei einer offiziellen Vorführung gezeigt wurde. Diese Versionen zeigen ein post-humanes Ende, also einen Zeitpunkt, zu dem die Menschheit bereits ausgelöscht ist. Die Vorherrschaft der Menschheit über die Natur, welche die Basis der Zivilisation darstelle, werde in diesem Kontext umgekehrt. Diese ‚Lesart‘ offenbare nun wiederum eine mögliche Kritik an der Moderne. Können wir auf dieser Welt leben ohne menschliche Kontrolle? Damit ließen sich die Filme auch in einen zeitgenössischen Diskurs einbetten. Eine Variante, die dem wirklichen Ende der Welt am nächsten käme, sei ein „post-earth ending“ wie in Melancholia (Lars von Trier, DK/SE/FR/DE 2011). Es zeige eine neue Art der Bewältigung durch die ultimative Zerstörung, die auf fiktionaler Ebene durchaus als „spirituelle Reflexion“ angesehen werden könne.
Peer Illner, der Lillemoses Vortag im Anschluss kommentierte, befasste sich ebenfalls mehrere Jahre mit dem Desaster aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. Illner bekräftigte zu Beginn seines Kommentars Lillemoses Thesen, weil diese verdeutlicht hätten, wie Desaster-Filme eine aktive Rolle in der Gesellschaft einnehmen würden und Handlungswege, wie Menschen mit politischen Entscheidungen und politischen Veränderungen besonders in einem von Angst geprägten Umfeld, umgehen können.
Die Erfahrung, die Illner und Lillemose bei ihrer Forschung teilten, sei häufig gewesen, dass sie zu Beginn erst einen Weg finden mussten, eine starke These  aufstellen zu können und sich im Anschluss mit den Darstellungen von fiktionalen Desastern kulturwissenschaftlich befassen zu können, was sonst nur den Politik- und Sozialwissenschaften ermöglicht werde. Aus den fiktionalen Darstellungen würden sich schließlich Rückschlüsse ergeben auf gesellschaftliche Zusammenhänge und umgekehrt, so Illner.
Diese „Rückschlüsse“ bezieht Illner anschließend auf die Gegenwart und überlegt, ob in Post-Kriegs-Desaster Filmen aus dem 20. Jahrhundert zu erkennen ist, welches die faktisch vorherrschenden Gefahren seien, die beispielsweise in den Zombie-Fiktionen imaginiert werden. Lillemose und Illner stellen fest, dass es hier keinen klaren linearen oder fortschreitenden Weg gibt und werfen anstatt dessen erneut einen resümierenden Blick auf die Desaster-Filmhistorie:
Die erste Welle der Desaster-Szenarien, die in den 1950er Jahren aufkam, thematisierte die post-nukleare Bedrohung und zeigte wie nukleare Verunreinigungen  eine verändernde Wirkung auf den Planeten haben können, wie es in Them! (Gordon Douglas, USA1954) zu sehen sei. In diesen Filmen sei der Protagonist immer der Held und die Menschheit immer noch „an der Spitze der Nahrungskette“.
Die zweite Welle der Desaster-Filme, die Lillemose während seines Vortrags bereits in den 1970ern verortet hatte, sei wesentlich interessanter in diesem Kontext, weil sie sich weitaus offener zu kritischen Auseinandersetzungen positionierte.
Ab den 1990er Jahren sei eine Rückkehr der Heldenfigur festzustellen, die sich der großen Katastrophen annimmt (zumindest wenn man sich an den typischen Hollywood-Produktionen orientiere). Lillemoose ist der Auffassung, diese zeitgenössischen Desaster-Filme dienen als Vorlage zur Identifikation vieler Zuschauer. Die Heldenfigur, die im Namen der Menschheit handelt und die Rolle eines Heilsbringers übernimmt stehe häufig im Zentrum der Handlung. In Filmserien wie Sharknado (Anthony C. Ferrante, USA 2013) werde dies zur völligen Absurdität getrieben. Dort sind es heldenhafte  Menschen, die versuchen die Welt vor nuklearen Haien zu retten.
Die Verbreitung von Desaster-Filmen sei typisch in Zeiten der Ungewissheit halten Lillemose und Illner am Ende des Gesprächs fest. Die Fragen und Ängste, die sie thematisieren, beschäftigen stets die Gesellschaft, die die Filme rezipiert und umgekehrt. Jedoch sei laut Peer Illner dabei ein Abrücken von Gut-gegen-Böse-Schemata festzustellen. Vielmehr verbildlichten die Filme ein kollektives Schuldeingeständnis und gleichzeitig die positive Einschätzung, sich aus der miserablen Lage selbst wieder befreien zu können. Lillemose hinterfragt dies zum Schluss des Gesprächs: Ist die Zivilisation und deren technische Fortschrittlichkeit dabei die Lösung, oder ist die Zivilisation als solche nicht eher die Ursache des Problems?

 


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