Achtundsechzig im Kontext. Der Historiker Ulrich Herbert und der Soziologe Armin Nassehi sprechen bei den Römerberggesprächen über Verflechtungen und Verirrungen der studentischen Protestbewegung

Von Steffen Andrae

In einem Jubiläumsjahr besteht immer auch Anlass zur Retrospektion. Doch im Vergleich zur festlichen Rückschau bei Geburtstagen verhält es sich mit der Vergegenwärtigung gesellschaftsgeschichtlicher Großereignisse schwierig. Die Erinnerung an kollektive Episoden scheint eine Auseinandersetzung zu erfordern, die weniger behaglich und antiquarisch, sondern kritisch und reflexiv sein soll. Dies gilt zumindest dann, wenn das, was erinnert werden soll, in keinem eindeutigen Bezug zur Gegenwart steht. Achtundsechzig ist so ein Fall. Grund genug also danach zu fragen, was wir mit dieser zur Chiffre geronnenen Jahreszahl eigentlich verbinden.
Unter dem Titel „1968-2018. What is left?“ fand eine Intervention der Römerberggespräche am 28. April 2018 im Chagallsaal des Schauspiel Frankfurt statt. Das historische Jubiläum wurde dabei auch zum Anlass genommen für eine aktuelle und persönliche Selbstvergewisserung, die danach fragt, welche Veränderungen wir heute brauchen, und inwieweit die Erfahrungen der globalen Protestbewegung von 1968 uns dabei helfen oder blockieren. Zwei Vorträge gingen am Vormittag den Verflechtungen und Verirrungen der studentischen Protestbewegung nach: Unter dem Titel „Reform und Revolte – 1968 in diachroner und transnationaler Perspektive“ untersuchte der Freiburger Historiker Prof. Dr. Ulrich Herbert den geschichtlichen und geografischen Ereigniskontext von Achtundsechzig, der Soziologe Prof. Dr. Armin Nassehi von der Universität München hingegen spürte in seinem Vortrag „Reflexion und Moralisierung als Pose – was von 1968 geblieben ist“ den Erbschaften jener Zeit nach.

Für Herbert steht die Chiffre Achtundsechzig für Entwicklungen, die zeitgleich in nahezu allen entwickelten westlichen Industriestaaten auftraten. Trotz der auffallend heterogenen Ziele, Methoden und Trägergruppen lasse sich eine eindeutige Gemeinsamkeit der verschiedenen Bewegungen ausmachen: das generationale Aufbegehren gegen Formen des sozialen und politischen Lebens, die als veraltet, fremd oder repressiv wahrgenommen wurden. Das zentrale Motiv hierfür bestand laut Herbert in einem normativen Konflikt zwischen dem demokratischen und egalitären Selbstverständnis auf der einen und  Unterdrückung, Diskriminierung und Gewalt auf der anderen Seite.
Akribisch zeichnete der Historiker die speziellen Ausgangslagen und Ausrichtungen der verschiedenen nationalen Protestbewegungen nach. In den USA habe sich die Bürgerrechtsbewegung thematisch insbesondere auf die Diskriminierung einer ethnischen Minderheit konzentriert, wobei dieser Fokus oftmals in Opposition zu den Interessen der weißen Arbeiterschaft stand. Generell seien die Proteste in den Vereinigten Staaten stark bürgerlich und radikalliberal geprägt gewesen. Demgegenüber hätten in Frankreich weiterhin die Gewerkschaften und die kommunistische Partei unangefochten im Zentrum der politischen Bewegung gestanden, obgleich sich auch dort die Beschäftigung mit der eigenen kolonialen Vergangenheit im Zuge des Algerienkrieges verstärkt hatte. In Italien schlossen sich die Proteste von Studenten mit denjenigen von Industriearbeitern zu einem linksradikalen Bündnis gegen die kapitalistische Gesellschaft und den bürgerlichen Staat zusammen – eine Radikalität des Aufbegehrens, die in den USA so nicht gegeben war. In der Tschechoslowakei hingegen lagen ganz andere politische und soziale Problemstellungen vor: Die innerhalb der kommunistischen Partei geführten Konflikte führten zum reformkommunistischen Einsatz für einen liberalisierten und demokratisierten „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Die Proteste des Prager Frühlings fanden jedoch im August 1968 durch einmarschierende Truppen des Warschauer Paktes ein jähes Ende. Diesen verschiedenen neuen Formen des Engagements sei laut Herbert eine prinzipiell „anti-autoritäre“ Ausrichtung gemein gewesen.  
Wodurch zeichnete sich Achtundsechzig in der BRD aus? Laut Herbert liegt der Vergleich mit den USA insofern nahe, als das bereits seit Mitte der 50er Jahre von Schriftstellern und öffentlichen Intellektuellen wie Böll oder Grass gestützte Engagement tendenziell auf eine Verbesserung von Kapitalismus und Demokratie hinauslief, nicht auf deren Überwindung. Diese Liberalisierungsbewegungen betrafen nicht das System als solches, sondern richteten sich insbesondere gegen verkrustete Formen in den Sphären der Justiz, der Kultur, der Erziehung, Ehe und Moral. Insofern habe sich der Protest in Westdeutschland zunächst nicht primär gegen den Staat oder das Unternehmertum gerichtet, vielmehr bildete ein unkonturiertes „Establishment“ das Hauptangriffsziel. Das Alleinstellungsmerkmal der Bewegung in der Bundesrepublik habe jedoch im Bezug auf die NS-Vergangenheit gelegen. Den Achtundsechzigern komme laut Herbert das Verdienst zu, die Forderung nach einer Aufarbeitung der Vergangenheit radikalisiert und die in den Elternhäusern vorherrschende Atmosphäre des peinlichen Schweigens, das nur implizit Hinweise auf Verbrechen und zerrüttete Lebensläufe gab, durchbrochen zu haben. Gleichzeitig aber habe der maßlose Wille zur Kritik zu einer Banalisierung des Faschismus geführt, der mit autoritären Strukturen, restriktiven Erziehungs¬methoden und undemokratischen Verfahren prinzipiell gleichgesetzt wurde. Dass solcherlei Strukturen auch in Staaten ohne faschistische Vergangenheit existierten, wurde von den Protestierenden geflissentlich ausgeblendet.  
Den Kulminationspunkt dieser Dynamiken der bundesdeutschen Achtundsechziger-Bewegung sah Herbert in den Vorkommnissen beim Staatsbesuch des Schahs von Persien am 2. Juni 1967. Die Demonstration gegen einen vom Westen alimentierten Tyrannen der Dritten Welt traf dort auf eine von Boulevardzeitungen aufgeputschte Öffentlichkeit, gewalttätige persische Geheimdienst-mitarbeiter und Polizeieinheiten, die von einer latenten Bürgerkriegsbereitschaft getrieben waren. Dieses Ereignis, so Herbert, war Symbol und Wendepunkt der Revolte und Startschuss einer zunehmenden Radikalisierung, wobei sich im Laufe des Jahres 1969 drei verschiedene Entwicklungslinien abzeichneten: der Zulauf zu den etablierten Parteien, insbesondere der SPD, die Gründung und Organisation kommunistischer Kader, und die Orientierung an Vorbildern des US-Amerikanischen Rainbow-Movement, das auf Szene, Subkultur und Alternativmilieu setzte. Insbesondere die gegenkulturell orientierten Bewegungen hätten laut Herbert „auf nachhaltige Weise“ neue Politikfelder wie beispielsweise Ökologie und Gender erschlossen. Diese ihre Ausrichtung ließ aber auch die Perspektive einer umfassenderen gesellschaftlichen Veränderung zugunsten der reformerischen Verbesserung der bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse fallen. Ob und inwieweit dies als Grundlage dafür gelten kann, dass unser politisch-utopisches Vorstellungsvermögen heute auf einen „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ geschrumpft ist, sei dahingestellt.
Der Frage inwiefern unser gegenwärtiges politisches, gesellschaftliches und moralisches Bewusstsein von der Protestbewegung der Achtundsechziger geprägt wurde, ging der Vortrag des Soziologen Prof. Dr. Armin Nassehi nach. Nassehis Fokus lag hingegen weniger auf den geschichtlichen und geografischen Kontexten, sondern bestand in einer systemtheoretisch fundierten Auseinandersetzung mit den Folgen von Achtundsechzig für die Formen und Eigenheiten der gesellschaftlichen (Selbst-) Verständigung.
Als erste dreier bis heute tiefenwirksamer Tendenzen benannte Nassehi das Phänomen der Dauerreflexion. Im Zuge der Achtundsechziger-Bewegung habe sich ein gesellschaftliches Bedürfnis danach eingestellt, alles, was gilt, noch einmal befragen zu müssen. Dies gelte für Verhältnisse in der Familie und zwischen den Geschlechtern ebenso wie für Fragen der Erziehung oder der Jugendarbeit. Anhand des 1957 erschienenen Aufsatzes „Ist die Dauerreflexion institutionalisierbar?“ von Helmut Schelsky erörterte Nassehi die zunehmende Abkehr von vorgegebenen und eindeutigen Wahrheiten, die sich bereits zehn Jahre vor 1968 angekündigt habe, um sich dann weiter zu verstärken. Die Fragen danach, wer wir sind und wie wir sein können, seien nicht mehr durch sittliche Handreichungen vonseiten einer weisungsbefugten Obrigkeit beantwortbar gewesen, sondern mussten mehr und mehr innerhalb diskursiver Strukturen erörtert und geklärt werden.
In engem Zusammenhang mit dieser immensen Verstärkung der gesellschaftlichen Gesprächs- und Reflexionskultur steht für Nassehi auch das Erbe der Dauermoralisierung, an deren Anfang er den absichtsvollen Willen der Studenten zur Weltveränderung sieht. Aus systemtheoretischer Perspektive bestehen sogenannte Technologiedefizite bei allen Menschenveränderungsmedien. Mit diesem Terminus technicus ist gemeint, dass keine eindeutige Kausalität zwischen der Aktion einer Veränderung und deren tatsächlichem Ergebnis besteht. Weil nun die Absichten der Protestierenden und Zivilisationsmüden damals größer gewesen seien als die Ergebnisse ihres Bemühens, habe sich die Dauermoralisierung als eine Art der Kompensationshandlung eingebürgert. Auch heute führen Konsumethik, Sharing Economy und die regelmäßige Spende bei Hilfsorganisationen wohl kaum zu den mit ihnen verbundenen Wunscheffekten. Die ständig moralisierende Kommunikationskultur ist sozusagen das schlechte Gewissen nicht gelingender Praxis.    
Das dritte und letzte Erbe der Achtundsechziger besteht laut Nassehi in der eng mit der Popkultur verwobenen Gegebenheit der Dauerberieselung. Die Besonderheit des Pop, so der Soziologe im Anschluss an Diedrich Diederichsen, bestehe darin, dass er es einerseits ermögliche, gegenkulturell zu sein, andererseits aber, nicht darüber nachdenken zu müssen. Da Pop am Körper, der Sexualität, am Hören und Erleben ansetze, besitze er eine Entlastungsfunktion. Frage man ehemalige Achtundsechziger heute, woran sie sich aus dieser Zeit erinnerten, sei der Bezug auf das, was man gehört habe, viel wichtiger als der auf das, was man gesagt habe. Die Form der Pose – in der Darstellung oder dem Habitus – sei die entscheidende Grundeinheit des Pop, sie entlaste von dauerhafter Reflexion und brächte so das Bild und die Bürde einer dauerreflektierenden Gesellschaft aus dem Kopf heraus.
Heute – und dies sei sowohl Folge als auch das Ende von Achtundsechzig – amalgamierten sich diese drei Erbschaften zu einer Einheit: Dauerreflexion und Dauermoralisierung würden zur Pose. Auch das Popkulturelle müsse heute eine reflexive oder moralische Bedeutung haben; Marken und Herkünfte, aber auch das, was man eigentlich sei, würden moralisch aufgeladen. Das zeige sich beispielsweise anhand der Diskussion um kulturelle Aneignung – sei es anhand von „Indianerschmuck“ oder Dreadlocks –, aber auch in den verschiedenen grassierenden Identitätspolitiken. Heraus komme dabei, so Nassehi, eine implizit rechte Gemengelage, in der die für die Achtundsechziger indiskutablen Begriffe der Leitkultur, der Heimat, der Tradition oder der Identität wieder tonangebend würden. Dass Achtundsechzig wirklich vorbei ist, pointierte er mit dem anekdotischen Hinweis auf ein Plakat, das von den Studierenden seines Instituts zum Anlass einer gemeinsamen Feier aufgehängt wurde. Darauf stand: „Wir freuen uns auf einen Abend in gegenseitigem Respekt.“ Wahrlich, man wäre in den 70er Jahren für eine solch wärmliche Anrufung eines liberalen Heile-Welt-Beisammenseins vermutlich eingesperrt worden.

 


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