Kantorowicz-Lecture „Staatsbürgersentimentalismus, Amercian Style“: Heike Paul zur Präsenz des Sentimentalen in der amerikanischen Gesellschaft

Von Leonie Wilke

Zu Ehren des Historikers Ernst Kantorowicz beschäftigen sich einmal im Jahr WissenschaftlerInnen im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kantorowicz Lecture in Political Language“ mit dem Themenfeld der politischen Sprache. So auch die diesjährige Leibniz-Preisträgerin Heike Paul, die am 31. Oktober 2018 an der Goethe-Universität einen Vortrag mit dem Titel „Staatsbürgersentimentalismus, American Style“ hielt, welcher vom Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften und dem Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“ ausgerichtet wurde. Heike Paul ist Professorin für Amerikanistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und zudem Direktorin der Bayerischen Amerika-Akademie. Einen ihrer Forschungsschwerpunkte bilden seit jeher die kulturellen Spezifika Amerikas, denen sie sich aus literaturwissenschaftlicher sowie kulturhermeneutischer Perspekti-ve widmet. Zu diesem Thema veröffentlichte sie 2014 ihr Buch „The Myths that made Ameri-ca“, in dem sie sich mit zentralen Mythen zur Gründungsgeschichte und Gesellschaftsbildung Amerikas auseinandersetzt.
Von eben solchen kulturspezifischen Merkmalen Amerikas handelte auch Heike Pauls Vortrag, in dem sie sich mit dem besonderen Stellenwert des Sentimentalen in der amerikanischen (Sprach-)Kultur auseinandersetzte. Als Ausgangspunkt stützte sie sich dabei auf die These, dass der amerikanischen politischen Kultur ein Staatsbürgersentimentalismus inhärent sei, welcher als kulturspezifische Ressource diene. Dieser Staatsbürgersentimentalismus sei in der Lage, ästhetische Form, kulturelle Praxis und politischen Diskurs zu vereinen sowie herkömmliche Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre zu verwischen.
Das Sentimentale erfülle zudem einige weitere Funktionen für Bürger und Staat: Einerseits könne das Sentimentale von Bürgern als Identifikationsmedium, als Ansatzpunkt für die politische Willensbildung und Mobilisierung oder als gesellschaftlicher Bewältigungsmechanismus in Krisenzeiten genutzt werden. Andererseits versetze es den Staat und dessen Repräsentanten in die Lage, durch gezielte Aktivierung sentimentaler Bilder und Diskurse, strategische politische Interessen durchsetzen zu können. Der Staatsbürgersentimentalismus knüpfe dabei nicht nur an individuelle und kollektive Gefühle seiner Adressaten an, sondern entfalte seine affektive Wirkung auch durch Rückgriffe auf kulturelle Bilder und Geschichten. Im öffentlichen Raum werde die Existenz des Sentimentalen außerdem in nationalen Ritualen beobachtbar; so zum Beispiel im gemeinsamen Singen der Nationalhymne oder der Teilnahme an Nationalfeiertagszeremonien, welche laut Heike Paul zivilreligiösen Wert besitzen. Hiermit verweist Paul auf den Begriff der Zivilreligion, welcher von Robert Bellah geprägt wurde und sich auf die Verschränkung von politisch-gesellschaftlicher und religiöser Sphäre bezieht. Identitätsstiftendende Elemente werden dabei dem Religiösen entlehnt und tragen als eine Art politisch institutionalisierte, kulturell geteilte Religiosität zum Selbstbild der Nation bei.
Es sei allerdings zu berücksichtigen, dass der Staatsbürgersentimentalismus durchaus auch ambivalente, oft konservative Tendenzen beinhalte. Er werde nicht selten als normativer Ordnungsmechanismus verwendet, um tradierte Idealvorstellungen wie die der heteronormativen Kleinfamilie zu bestärken und deviante Entwicklungen zu delegitimieren. Des Weiteren könne kritisiert werden, dass sich ein sentimentalisierter politischer Diskurs rationalen Argumenten und Diskussionen entziehe und damit eine produktive Auseinandersetzung erschwert werde.
Anschließend verdeutlichte Heike Paul in ihrem Vortrag die Funktionsweise des Staatsbürgersentimentalismus anhand dreier Strukturkategorien: Frauen, Familie und Männer. Als Kasuistik für den Staatsbürgerinnensentimentalismus führte sie dabei die First Lady Melania Trump an. Melania sei seit der Inauguration ihres Mannes insbesondere von feministischen Gruppen als „Gefangene im goldenen Käfig“ angeeignet worden, um durch politische Proteste und Widerstandsbewegungen auf Themen wie Sexismus oder sexuelle Belästigung aufmerksam zu machen. Unter dem Hashtag #freemelania bekundeten sodann zahlreiche Bürgerinnen Solidarität und Mitgefühl für eine Frau, deren Lage laut Heike Paul an das literarische damsel in distress-Szenario erinnere, in der die schöne Frau den Bedrohungen des männlichen Bösewichts ausgesetzt sei. Diese Melodramatik, mit der die Lage der Melania Trump verhandelt werde, erinnere allerdings nicht nur an Romane des 19. Jahrhunderts wie etwa von Lydia Maria Child oder Charlotte Perkins. Sie sei ebenso in Filmen oder der amerikanischen Serie Dallas wiederzufinden, deren Charaktere und Themen sich auf Donald Trumps Regierungsstil und das Verhältnis zu seiner Ehefrau übertragen ließen.
Dies zeige, dass die „Unterdrückung“ Melania Trumps nicht als Einzelfall zu verstehen sei, sondern eine Reihe kollektiver Schicksale innerhalb einer patriarchalen Gesellschaft und auf einer höheren Ebene auch die Lage der von Trump „unterdrückten“ amerikanischen Nation abbilde. Aus dieser Symbolwirkung und der sentimentalen Aneignung von Melania Trump seien zahlreiche Bewegungen zum Zwecke weiblicher Solidarisierung und politischen Protests entstanden, welche an individuelle und kollektive Gefühlslagen und Affekte anknüpften.
Heike Paul erläuterte daraufhin die Rolle von Familienbildern und -diskursen im amerikanischen Staatsbürgersentimentalismus, indem sie auf historisch bedeutsame Momente der amerikanischen Geschichte verwies. Diesbezüglich sei zum einen an die Declaration of Independence gedacht, welche nicht nur ein objektives Zeugnis der politischen Unabhängigkeit Amerikas darstelle, sondern zugleich von sentimentalen Strukturen durchzogen sei. Das sprachliche Bild der founding fathers könne hierfür als exemplarisch betrachtet werden, indem es durch die Konstruktion der Vaterfigur ein familiäres Verhältnis zwischen Bürgern und Staat etabliert. Auch heute noch entfalte die Declaration of Independence durch die Art und Weise ihrer Inszenierung im Nationalarchiv der USA eine affektive Wirkung, die häufig emotionale Reaktionen seitens der Besucher auslöse. Von zentraler Relevanz sei zudem der 1852 veröffentlichte Roman „Uncle Toms cabin“ von Harriet Beecher Stowe, den Heike Paul als Re-präsentanten des slave narrative-Genre sieht. In diesem Roman werden die Protagonisten in ihrer Rolle als Familienvater oder -mutter dabei begleitet, wie sie Opfer von Familienzersplitterungen und dramatischen Schicksalen werden. Kraft dieser sentimentalen Aufladung habe der Roman den Leser mit dessen ProtagonistInnen mitfühlen lassen und aufgrund dieser Empathie kritische Diskussionen um die Sklaverei in Amerika anregen können. Eine vergleichbare Dramatik sei seit Donald Trumps Einwanderungspolitik an der amerikanisch-mexikanischen Grenze auch in der heutigen Zeit beobachtbar, da Trump Eltern und Kinder, die illegal die Grenze zu überqueren versuchten, nicht nur systematisch festnehmen, sondern auch getrennt voneinander unterbringen ließ. Diese Vorgehensweise aktivierte kollektive Gefühlslagen innerhalb der Bevölkerung, die sich von Empathie bis zu Empörung erstreckten und unter den Schlagworten families belong together und where are the children öffentlich ver-handelt und kritisiert wurden und schließlich sogar ein Ende der Familientrennung bewirken konnte.
Im Rahmen der männlichen Fallbeispiele sprach Heike Paul über die Trauerfeier des verstorbenen Senator John McCain sowie über die politische Sprache Donald Trumps. Die Trauerfeier von und für John McCain, die er zu Lebzeiten eigens plante, sei ein Musterbeispiel für das integrative Potential des Staatsbürgersentimentalismus. Als zivilreligiöses Ereignis inszeniert, einte die Zeremonie die amerikanischen Bürger in ihrer Trauer und rückte John McCains Liebe zu seiner Familie und „seiner“ Nation in den Vordergrund. Der amtierende Präsident Donald Trump verzichte dagegen fast vollständig auf einen Staatsbürgersentimentalismus und bediene sich stattdessen eines „populistischen Volkskör-persentimentalismus“. Dieser werde in seiner charakteristischen Rhetorik deutlich, welche, von nativistischen und eugenischen Formeln durchzogen, durch gezielte sprachliche Ausgrenzungsmechanismen die Integrität eines imaginierten amerikanischen „Volkskörpers“ verfolge. Somit sei der Staatsbürgersentimentalismus in der Regierungsperiode Donald Trumps weniger ein Kommunikationsmittel des Präsidenten selbst, sondern viel mehr eine bürgerliche Ressource zur Solidarisierung und der Formierung von Protestbewegungen.


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