Die Geschichte von ‘68 gegen den Strich gelesen. Martin Jay spricht über das Verhältnis der Frankfurter Schule zur Neuen Linken

Von Steffen Andrae

Dezember 1971. Die politischen und gesellschaftlichen Nachwehen des Sechstagekriegs zwischen Israel und den arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien sind noch zu spüren, als Herbert Marcuse den vielfach ausgezeichneten israelischen General und Verteidigungsminister Mosche Dajan in Jerusalem trifft. Die beiden haben reichlich Gesprächsstoff. Sie unterhalten sich über mögliche Verhandlungen zwischen Israel und Ägypten, über die Frage der Zweistaatenlösung und über die drohende Gefahr eines neuen gewaltsamen Konflikts. Marcuse ringt Dajan das Bekenntnis ab, dass der israelische Staat auf Basis der Aneignung ursprünglich palästinensischen Lands errichtet wurde, erklärt jedoch im Gegenzug, dass die Verteidigung der Existenz Israels im Krieg von 1967 richtig und notwendig gewesen sei. „Israel did nothing wrong in defending its existence.“
Den symbolischen Gehalt dieser unüblichen Begegnung zwischen der vermutlich einflussreichsten Ikone der 68er-Bewegung und dem militärischen Helden des Sechstagekriegs, der just ein Jahr vor dem Höhepunkt der Erhebungen und Proteste der Neuen Linken stattfand, nahm der renommierte Historiker Martin Jay zum Ausgang, erneut – und anders – über das magische Jahr 1968 nachzudenken. Martin Jay ist Sidney Hellman Ehrman Professor für Geschichte an der University of California, Berkeley, und arbeitet vor allem zur intellektuellen und Geistesgeschichte. In Deutschland ist er durch seine Historiographie der Frankfurter Schule bekannt, die unter dem Titel Dialektische Phantasie 1976 veröffentlicht wurde. Die Forschungen für sein Buch führten ihn bereits 1968 nach Frankfurt, um einige Protagonisten der Kritischen Theorie wie Max Horkheimer und Leo Löwenthal zu treffen und zu befragen. Sein Vortrag „1968 in an Expanded Field. The Frankfurt School and the Uneven Course of History“ fand am 17. Januar 2019 in den Räumlichkeiten des Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität statt.

Jays Neubewertung von ‘68 nahm ihren Ausgang bei einer Kritik der konventionellen geschichtswissenschaftlichen Narrative über dessen Genese, Wesen und Effekte. Historisch bestimmt würde dieses Phänomen gemeinhin innerhalb zweier methodischer Expansionsachsen: der zeitlichen und der räumlichen. In zeitlicher Hinsicht werde ‘68 meist als Teil einer Reihe gesellschaftlicher Krisenerscheinungen seit den späten 1950ern gedeutet, die in diesem Jahr ihren Höhepunkt erreichten, bevor sie zunehmend an Schwung und Bedeutung verlieren sollten. Die offenkundige Erzählung heute laute, dass zwar die linksutopischen Maximalforderungen der Studenten nie erreicht, politische Kultur und gesellschaftliche Sitten hingegen durch die Neuen Sozialen Bewegungen wie Feminismus, Lesben- und Schwulenbewegung und Umweltbewegung liberalisiert und egalisiert worden seien. In räumlicher Hinsicht hingegen, so Jay, werde ‘68 üblicherweise als weltweites Phänomen betrachtet, das trotz seiner Transnationalität von denselben Stimuli getragen worden sei. Hier wie dort teilten junge Menschen den Konflikt mit der Elterngeneration, die Unzufriedenheit über althergebrachte Autoritäten und Hierarchien und die Reaktion auf den Vietnamkrieg ebenso wie die Protestform eines jugendlichen, farbenfrohen und utopischen Aktivismus.

Entgegen einer solchen landläufigen Auffassung, in der ‘68 in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht als ein mehr oder weniger einheitliches, kohärentes Ganzes konzipiert wird, veranschlagte Jay eine neue Lesart, die auf dem historiographischen Modell des „Kraftfelds“ oder der „Konstellation“ aufbaut. 1968, so Jays leitende These, könne am besten in Beziehung zu 1967, das heißt innerhalb einer dynamischen Anordnung verstanden werden, die weniger isolierende als opponierende Züge besitzt. Gerade um die Rolle der Frankfurter Schule nachzuvollziehen, müsse ‘68 mit einem scheinbar so bezugslosen Phänomen wie dem Sechstagekrieg gegengelesen werden. Denn auf ihn reagierten die Kritischen Theoretiker und die jungen Empörten der Neuen Linken nicht nur verschieden, sondern teilweise sogar gegensätzlich. So unterschiedlich ihre Stellung zum Konflikt im Nahen Osten war, so sehr unterschieden sich letzten Endes ihre politische Programmatik und Sensibilität.     

Die bundesdeutsche Linke war, wie Jay erläuterte, unmittelbar nach den katastrophalen Erfahrungen des Holocaust weitgehend solidarisch mit Israel, diente dieses doch als Schutzraum für verfolgte Juden. Diese Haltung änderte sich jedoch kurz vor dem Sechstagekrieg, was offensichtlich wurde als bei einem Kongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) Günter Grass‘ Antrag, dem „tödlich bedrohten Israel“ beizustehen, scheiterte. Israel wandelte sich in der Wahrnehmung der deutschen Linken vom progressiven Pionierstaat zum zweifelhaften „Brückenkopf des US-Imperialismus“, dem der Kampf der Palästinenser als symbolische Repräsentation des universellen Befreiungskampfs der „Verdammten dieser Erde“ entgegengestellt wurde. Die Verbindung aus antiimperialistischen, antikapitalistischen und antiamerikanischen Motiven mit antisemitischen Stereotypen und Vorurteilen äußerte sich nicht zuletzt in einem Anschlagsversuch der linksradikalen Gruppe Tupamaros West-Berlin auf ein jüdisches Gemeindehaus am 9. November 1969, dem bewusst gewählten Jahrestag der Novemberpogrome 1938. Noch Mitte der 70er-Jahre nahmen zwei deutsche Linksterroristen gemeinsam mit palästinensischen Aktivisten an der antisemitisch motivierten Entführung eines Passagierflugzeugs der Air France teil, bei der Jüdische Passagiere als Geiseln genommen, nichtjüdische hingegen freigelassen wurden. Auch die 1970 gegründete Rote Armee Fraktion (RAF) rief zur Solidarität mit dem „Befreiungskampf des Palästinensischen Volkes“ auf, RAF-Angehörige wurden in palästinensischen Trainingscamps in Jordanien, später im Südjemen und zuletzt im Libanon militärisch ausgebildet.

Der Einfluss der Kritischen Theorie auf die im antiautoritären Spektrum verbreitete problematische Verbindung zwischen Antizionismus und Antisemitismus war, so Jay, minimal. In der ersten Generation der Frankfurter Schule war einzig Erich Fromm erklärter Kritiker des Zionismus und hielt unverbrüchlich an der Idee eines binationalen und säkularen israelischen Staates fest. Andere Mitglieder des Instituts für Sozialforschung wie Adorno oder Löwenthal teilten hingegen die Besorgnis Marcuses, Israel – der nach der Erfahrung des Holocaust so existentiell gewordene Schutzraum für Juden weltweit –, werde durch den Sechstagekrieg ernsthaft bedroht. Diese solidarische Haltung habe sich laut Jay auch in der zweiten Generation der Kritischen Theorie fortgesetzt. Mit ihr einher ging auch ein Skeptizismus gegenüber der vermeintlich erlösenden welthistorischen Rolle, die die antiimperialen Befreiungskämpfe der sogenannten Dritten Welt zumindest in den Augen der jungen Linksradikalen spielen sollten. Diese Einstellung ist bis heute umstritten: Ist sie als theoretisches und weltanschauliches Defizit der Kritischen Theorie zu werten, das eine fragwürdige Indifferenz gegenüber antiimperialistischen und postkolonialen Kontexten außerhalb Europas anzeigt, oder war sie möglicherweise sogar klug und weitsichtig?

Das schwierige Verhältnis zwischen den theoretischen und politischen Ausrichtungen der Frankfurter Schule und der Neuen Linken veranschaulichte Jay exemplarisch anhand des gescheiterten Dialogs zwischen Adorno und dem Afro-Karibischen Kulturkritiker und Schriftsteller C.L.R. James. Dieser wurde insbesondere durch seine Studie der Haitianischen Revolution bekannt und zählte zu einer der führenden Figuren des sogenannten „Black Marxism“. Adorno und James wurden einander von Marcuse vorgestellt und trafen sich während ihres Exils in New York mehrere Male zum gemeinsamen Mittagessen. Die Chancen auf einen Dialog schienen vielversprechend, wurden doch beide durch die Kritik an der Sowjetunion als einer Form des „Staatskapitalismus“ geeint. Allerdings, so Jay, unterschieden sich ihre Positionen in zwei grundlegenden Punkten: Erstens, während Adorno das Proletariat als Vorhut der Revolution aufgegeben hatte und sich an antikolonialen Erhebungen wenig interessiert zeigte, blieb James ausreichend optimistisch weiterhin in die historische Möglichkeit einer Revolution durch die Arbeiterklasse zu vertrauen, deren Anbruch er außerhalb Europas vermutete; zweitens vertrat James eine weniger geringschätzende Position gegenüber der Kulturindustrie, die Adorno als inhärent konformistisch und herrschaftsstabilisierend betrachtete. Doch während James einige Jahre später einer der Gründungsväter der Postkolonialen und Subaltern Studies werden sollte, spielten die Frankfurter für die Entwicklung dieser neuen Theorieformate kaum eine Rolle. Dieses augenscheinliche Ungleichgewicht bewegte Interpreten wie den italienischen Historiker Enzo Traverso zu der Frage, ob die Verständigungsprobleme zwischen Adorno und James nicht auf ein „koloniales Unbewusstes der Kritischen Theorie“ zurückgeführt werden könnten. Tatsächlich, so Jay, bot die erste Generation der Frankfurter Schule keinerlei Reaktion auf anti-imperialistische Kämpfe wie etwa den Algerienkrieg. Es sei allerdings auch nicht ersichtlich, inwiefern der zugeschriebene Eurozentrismus der Kritischen Theorie und ihr Pessimismus hinsichtlich der Möglichkeiten grundlegender gesellschaftlicher Veränderung durch eine Übernahme von James‘ Thesen kompensiert worden wäre, insbesondere insofern, als dieser als ausgemachter Trotzkist an der Idee der politischen Avantgarde in Form der Arbeiterpartei festhielt. Gerade aus gegenwärtiger Perspektive scheine es, als sei James‘ romantisierende Vorstellung, die von der globalen Peripherie kommenden Befreiungskämpfe der Dritten Welt mögen zu fundamentalen sozialen und politischen Veränderungsprozessen auch in den kapitalistischen Zentren der Welt führen, vergleichsweise unrealistisch gewesen. So sehr es gerechtfertigt sei, sagte Jay, die Übel des europäischen Imperialismus und die oftmals desaströsen Interventionen der USA zu brandmarken, so wenig ersichtlich sei es, dass die Befreiung des sogenannten Globalen Südens von kolonialer Herrschaft tatsächlich die erhofften Modelle politischer und ökonomischer Emanzipation hervorgebracht hätte.  

Jays Vortrag leistete mehr als bloßen Unterricht in der Geschichte des Geistes und der Ideen. Er sensibilisierte für die verschlungene Rolle, die das unbewältigte Vermächtnis des Dritten Reichs trotz der frühen Kritik der Studenten an der Schuld ihrer Eltern auch noch in der Bundesrepublik der 60er-Jahre und weit darüber hinaus spielen sollte. Für Adorno und seine Gefährten jedenfalls stellte die Auslöschung des jüdischen Volkes eine ausreichend reale Bedrohung dar, um über spezifische Policen des Staates Israel hinwegzusehen. Sich dies zu vergegenwärtigen mag helfen, ihre „eurozentrische Unfähigkeit“, viel Glauben in die erlösende Rolle der Befreiungskämpfe der Dritten Welt zu investieren und sich dabei mehr oder weniger blind mit der Globalen Linken zu solidarisieren, zu verstehen oder sogar mit ihr zu sympathisieren. Vielleicht war das Scheitern der Gespräche zwischen Adorno und James schlussendlich doch nicht so bedauernswert.


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