Zeit-Raum Film. Lisa Gotto über die fragile Zeitlichkeit des Filmdramas „Und dann der Regen“

Von Steffen Andrae

Eine alte Auffassung der Kunst besagt, dass ihre Werke entweder im Raum oder in der Zeit stattfinden. Ein Gemälde etwa erstrecke sich im Raum oder schaffe Raum, während ein Musikstück in der Zeit stattfinde und sich dem Ohr des Hörers erst vollständig erschließe, nachdem es seine Zeit durchlaufen hat. So jedenfalls dachte Lessing, als das Medium Film noch gar nicht entwickelt war. Bis zu dessen ersten Gehversuchen waren es Mitte des 18. Jahrhunderts noch über hundert Jahre. Es ist eine Eigenart dieser späten Kunstform, zwischen Zeit und Raum zu stehen und zu entstehen. Dies gilt bereits auf mechanischer Ebene: Der Film entwickelt sich als Film überhaupt erst durch die Aufeinanderfolge einzelner fixierter Bilder; erst dadurch also, dass Bewegungsloses in Bewegung gesetzt wird, wird der Film zum Bewegtbild.
Dieses und andere Zeit-Raum-Phänomene des Films besprach die Film- und Medienwissenschaftlerin Lisa Gotto in ihrem Vortrag „Fragile Zeitlichkeiten“ am 30. April 2019 im Museum für Moderne Kunst. Ihre Vorlesung ist Teil der aktuellen Reihe „Fragile Kooperationen: Produktionskrisen des Kinos“, die von den Prinicpal Investigators des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ Angela Keppler, Christoph Menke und Martin Seel organisiert wird. Die Filmreihe nimmt die Diagnose einer „Fragilität normativer Ordnungen“ zum Anlass, die Krisenhaftigkeit solcher Ordnung an dem Mikrokosmos der an der Produktion von Filmen beteiligten Akteure zu untersuchen. Dies geschieht am Beispiel von Kinofilmen, die das Scheitern oder Misslingen solcher Produktionen in fiktionalen und dokumentarischen Formen zum Thema haben. Die Präsentation jedes Films wird durch einen Vortrag eingeleitet, anschließend gibt es Gelegenheit zur Diskussion.

Auf Ordnung und Krise hin untersuchte Lisa Gotto, die seit September 2018 eine Professur für Filmtheorie am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien bekleidet, das spanisch-mexikanische Drama „Und dann der Regen“ (También la Illuvia). Der 2010 erschienene Film erzählt die Geschichte eines Filmteams, das im Bolivien der Gegenwart einen Film über Christoph Kolumbus und dessen Entdeckung Amerikas zu drehen versucht und dabei zunehmend in den Strudel der lokalen politischen Ereignisse gerät. Insofern dieser Film, so Gotto, selbstreferentiell die Produktion von Filmen thematisiere, verfüge er über eine komplexe innere Verweis- und Konstitutionsstruktur, die den Blick des Zuschauers vom Produkt auf den Prozess, vom Fertigen auf das Zu-Verfertigende lenke. Da Geschichtsfilme Vergangenes nicht einfach abbilden könnten, sondern es durch unterschiedliche Rekonstruktions-, Argumentations- und Narrationspraktiken veränderten, müssten sie sich zu dem ins Verhältnis setzen, was sie zeigen, während sie es zeigen.
Im Falle von „Und dann der Regen“ lassen sich solche referenziellen Umbildungen laut Gotto anhand einer Reihe von Gesichtspunkten identifizieren. Da seien zunächst die verschiedenen Bildebenen, mit denen der Film arbeite: die Ebene der eigentlichen Spielhandlung, in der ein Historienfilm produziert wird, und die der Dokumentation in Form eines internen Making-Of. Dieses wandelt sich im Laufe des Films zu einer dokumentarisch ausgerichteten Berichterstattung über die Proteste der Bevölkerung gegen die Privatisierung der Wasserversorgung. Tatsächlich hat es diese Proteste im Jahr 2000 wirklich gegeben, sie wurden unter dem Namen Guerra del Agua bekannt. Die Ereignisse um den „Wasserkrieg“ finden in Form einer dritten, aus authentischem Nachrichtenmaterial bestehenden Bildebene Eingang in den Film und werden durch nachgestellte Szenen noch verstärkt. Die drei ästhetischen Bildebenen des Films, so Gotto, affizierten und transformierten sich wechselseitig. Produktion, Dokumentation, Geschichte und Geschichtsschreibung liefen in-, neben- und durcheinander und ermöglichten so eine reflexive Verweisstruktur, durch die der Film „zu sich selbst“ komme.
Auch auf der Ebene kinematographischer Zeitlichkeit besäße der Film – und dabei meinte Gotto den Film im Allgemeinen – immer schon eine spezifische Eigenzeitlichkeit, die sie als eine mehrdimensionale und konstitutive temporale Krise deutete. Denn potentiell brüchig sei der Film nicht nur in dem für das Filmbild grundlegenden Zusammentreffen von Statik und Kinetik, für die der Filmkritiker André Bazin das Bild der „Mumie der Veränderung“ prägte. Auch die von Martin Seel als „gegenwärtige Vergangenheit“ bezeichnete doppelte Zeitlichkeit des Films, im Perfekt seiner Produktion und im Präsens seiner Projektion zu erscheinen, sowie die historischen Verbindungen des einzelnen Films mit anderen, vorhergegangenen Filmbildern, verdeutlichten seine fragile Gebundenheit an die Zeit.
Zuletzt erörterte Gotto den filmgeschichtlichen Resonanzboden von „Und dann der Regen“, durch den die Unähnlichkeit verschiedener Zeiterzählungen präsentiert werde. Dabei zeigte sie, wie im Konflikt zwischen den sensiblen und auf Authentizität bedachten Bestrebungen des Regisseurs Sebástian und den primär ökonomischen Erwägungen des Produzenten Costa das Format des unabhängigen Autorenkinos dem kommerziellen Blockbuster gegenübergestellt wird. Diese Filmtypen werden exemplarisch durch Bildähnlichkeiten mit „Fitzcarraldo“ von Werner Herzog und mit „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ von Ridley Scott referenziert. Auch diese Filme wurden von westlichen Regisseuren und unter teilweise fragwürdigen Bedingungen in lateinamerikanischen Dschungelgebieten gedreht. Eine dritte filmhistorische Referenzebene umfasse hingegen Bilder aus der Innenperspektive, wie sie etwa Patricio Gozmáns „La Batalla de Chile“ in seiner Darstellung von Salvador Allendes Regierungszeit und dessen Ende durch den Militärputsch zeige. Die visuellen Ähnlichkeiten in diesem Zusammenhang erinnerten an die neuen Wellen des lateinamerikanischen Kinos der 70er-Jahre, die gegenüber den Modellen des first und second cinema eigene, unangepasste Formen zu entwickeln bestrebt waren.
Fragil ist die Produktionsform Kino also nicht ausschließlich, und vielleicht nicht einmal primär, in ökonomischer Hinsicht. Die konstitutive und fragile Einbettung filmischer Kunst in die Zeit und die unhintergehbare Mehrdimensionalität der damit verbundenen Verweisstrukturen konnte Lisa Gotto anhand von „Und dann der Regen“ eingehend zeigen. Man darf gespannt sein, welche Deutungen die Filme und Filmreferate der nächsten Veranstaltungstermine für eine Fragilität normativer Ordnungen parat halten.


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