„Teilhabe oder Rückschritt?“ – Die Position der Frau in Zeiten von Corona

Bericht zum Vortrag von Prof. Jutta Allmendinger in der Reihe „DenkArt“ – Der normalisierte Ausnahmezustand

Von Kristina Balaneskovic

Im für den Herbst 2020 vorgesehenen Thema „Der normalisierte Ausnahmezustand“ hielt Prof. Jutta Allmendinger am 17. November 2020 digital zugeschaltet im Haus am Dom den Vortrag zu: „Teilhabe oder Rückschritt? – Die Position der Frau in Zeiten von Corona“.
Jutta Allmendinger ist Soziologin, Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarkt-forschung an der Humboldt-Universität zu Berlin und seit 2007 Präsidentin des Wis-senschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Aspekte von Arbeitsmarkt, Sozialpolitik und Sozialer Ungleichheit. In ihrem Fokus stehen dabei auch Fragen der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, sowohl im beruflichen als auch im familiären Rahmen.
Hauptaugenmerk der Veranstaltung „DenkArt“ ist es, einen partizipativen und öffentlichen Diskursraum zu aktuellen gesellschaftlichen Themen bieten zu können, auch in Pandemiezeiten. Veranstaltet wird die Redenreihe von Prof. Marion Tiedtke, Professorin für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main und Dramaturgin, dem Forschungsverbund „Normative Ordnungen“ in Kooperation mit der Katholischen Akademie Rabanus Maurus, Haus am Dom und der Heinrich-Böll-Stiftung. Gefördert wird die partizipative Vortragsreihe zudem von der Sebastian-Cobler-Stiftung für Bürgerrechte. Moderiert wurde der Abend von Mechthild Jansen von der Heinrich-Böll-Stiftung Hessen.

Die Gegenwärtigkeit des Themas „Der normalisierte Ausnahmezustand“ bestätigt sich auch in der Stellung der Frau in der Corona-Krise. Nicht nur in der Sphäre der Erwerbstätigkeit, sondern ebenso in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine deutliche Veränderung zu erkennen. Jutta Allmendinger macht ihre Position bereits zu Beginn klar: Es finde eine sogenannte „Retraditionalisierung“ der Frau statt. Das heißt, dass sich Frauen mit einer Abhängigkeit ihrer Bewegungsmöglichkeiten zeitlicher oder auch finanzieller Art gegenüber Männern beziehungsweise gegenüber dem Staat konfrontiert sehen. Hierbei betont die Rednerin, dass nicht nur das Nichtvorhandensein von Optionen für die Frau innerhalb ihrer Lebensentscheidungen und Lebensführung im Fokus stehen, sondern tatsächlich ein Verlust an Optionen stattfinde. Diese beinhalteten die Faktoren der Zeit, Unabhängigkeit und der finanziellen Beweglichkeit. Im historischen Vergleich habe sich zum Beispiel die Erwerbstätigkeit von Männern über Jahre hinweg kaum verändert – Männer arbeiten nach wie vor überwiegend in Vollzeit. Anders verhalte es sich bei „der Frau“ – hier sei nach Allmendinger ein ständiger Wechsel zwischen Teil- und Vollzeit zu verzeichnen. Hiermit hebt sie hervor, dass die Messungen des Gender Wage Gaps vollkommen unzulänglich seien. Denn diese betrachteten lediglich die Stundenlöhne im Vergleich, wobei sie nach der Rednerin eher Monats-, Jahres- oder Lebenslöhne in den Geschlechtervergleich ziehen sollten.
Bezogen auf unsere Gegenwart stellt Jutta Allmendinger nicht nur die Frage, ob die Bundesregierung im Verlauf der Corona-Pandemie durch Konjunkturpakete zur positiven Veränderung des Gender Wage Gaps beigetragen hat, sondern auch, ob es Bemühungen seitens der Bundesregierung gibt, den Gender Care Gap auszugleichen. Denn mit Home-Office-Lösungen rücken die Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer nä-her. Allmendinger unterstreicht in ihrer These, dass der Gender Care Gap nicht geschlossen sei, sondern derzeit sogar auseinandergehe. Hierzu steht die Gegenthese, dass sich der Gender Care Gap bereits geschlossen habe.
Was hat sich also seit der Corona-Krise in der Aufteilung von Care-Arbeiten getan? Nach Jutta Allmendinger sei ein heterogenes Bild der statistischen Zahlen festzuhalten, welches Erläuterungen bedarf. In Haushalten, in denen Frauen in systemrelevanten Berufen arbeiten und Männer zum Beispiel in das Home-Office gewechselt sind, habe sich der Gender Care Gap reduziert. In der Konstellation, in der sowohl Väter als auch Mütter im Home-Office waren, sei diese Beobachtung allerdings nicht zu bestätigen. Hierbei lässt sich also festhalten, dass eine Relevanz von Familien- und Berufskonstellationen zu unterstreichen ist, welche im Hinblick auf die Zeit nach Corona entscheidend für die Bewegung des Gender Care Gaps ist.
Um zurück zur Ausgangssituation der „Retraditionalisierung“ der Frau zu kommen, stellt Prof. Jutta Allmendinger ihre Hard-Facts vor, welche zur Präsentation des Satus quo herangezogen werden. Danach haben im Konjunkturpaket der Bundesregierung junge Familien und Mütter keine besondere Rolle gespielt. Weiterhin sei hierdurch ein Verlust von Optionen für Frauen zu verzeichnen. Vor allem im Bereich der Kinderbetreuung wurden Müttern keine Optionen durch staatliche Infrastrukturmaßnahmen gesetzt, welche in (Teil-)Lockdowns von enormer Bedeutung gewesen wären. Ein weiterer maßgeblicher Verlust sei in der Öffentlichkeit festzustellen. Hierbei wird in Frage gestellt, ob die „neue Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ durch das Home-Office Frauen die Möglichkeit gibt, die Positionen anzutreten, die sie im beruflichen Sinne anstreben? Dabei werde die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zwar angehoben, nicht aber die gleichen Optionen innerhalb der Karriere, wodurch ein Verlust von Sichtbarkeit auf dem Arbeitsmarkt resultiere. Damit einher geht der nächste Hard-Fact Allmendingers: Die „gnadenbezogene Partnerschaft“: Auch wenn Frauen in systemrelevanten Berufen arbeiten und Männer die Kindererziehung übernehmen, könne nicht von einer Einstellungsveränderung seitens der Männer hinsichtlich Care-Tätigkeiten gesprochen werden. Dies sei auf statistische Zahlen zurückzuführen, die einen Anstieg der Stunden, die Familienväter in Care-Tätigkeiten verbringen, bestätigen. Es finde, so die Rednerin, immer noch ein Verlust an freier Zeit von Frauen statt. Die Zeit, die Männer und Frauen mit Care-Tätigkeiten verbringen, werden in Studien in Stunden und Minuten gerechnet. Nach Prof. Allmendinger solle hier eher von Hauptverantwortungen die Rede sein, die nicht in Zeit umgerechnet werden könne – wie beispielsweise dem „mental load“, welcher eine erhebliche psychische Belastung für Mütter darstelle. Danach sei der Ausgangspunkt in der Erhöhung der Stunden in Care-Tätigkeiten im Vergleich zwischen Männern und Frauen entscheidend. Nicht zuletzt hebt die Rednerin auch den Aspekt der Demütigung der Klassengesellschaft hervor. Dadurch, dass Frau-en überwiegend Care-Tätigkeiten nachgehen, finden sie sich in Lockdown-Szenarien als Schulersatz wieder. Dies, betont Allmendinger, sei besonders demütigend für Frauen aus bildungsfernen und sozialschwachen Schichten und ginge ebenso mit der „Retraditionalisierung“ der Frau einher.
Frauen haben mittlerweile ihren Optimismus für den Arbeitsmarkt verloren. Es reiche nicht, Jahrgangsbeste zu sein und sich so eine Karriere mit Ziel der Führungskraft auf-zubauen. Somit gibt die Rednerin einen kleinen Einblick in die Zukunft: Die Frauenquote werde den Tatsachen zufolge gebraucht – mehr denn je.
Im Anschluss an ihren spannenden und vor allem aktuellen Vortrags stellte sich Prof. Jutta Allmendinger den Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer aus dem Live-Chat. Dabei wurden Fragen zur Gleichstellung von Mann und Frau und einem Ausblick nach Corona gestellt, die Situation der Frauen oder Familien mit Migrationshintergrund in Corona-Zeiten, die Auswirkungen auf den professionellen Pflegesektor, prekären Be-schäftigungsverhältnissen, sozialer Grundsicherung, Vertrauen in der Corona-Pandemie (in Bezug auf das neue Buch von Jutta Allmendinger: „Die Vertrauensfrage“), Verstärkungen der Tendenzen der „Retraditionalisierung“, einer Prognose der Hard-Facts für die Winterzeit in der Corona-Pandemie und zuletzt, was wir aus der Corona-Krise lernen können und es auch etwas positives gebe, was wir aus diesem Jahr mit nach Hause nehmen können, thematisiert. Abschließend sei es, so Allmendinger abzuwarten, wie sich die Situation verändere – eines sei jedoch festzuhalten: die Frau müsse an Sichtbarkeit und Unabhängigkeit gewinnen, um den Prozess der „Retraditionalisierung“ aufzuhalten.

 


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