Forschung aktuell

Eröffnung der Lecture & Film-Reihe "Tropical Underground. Das brasilianische Cinema Marginal und die Revolution des Kinos" Vortrag von Vinzenz Hediger "Im Kino der Menschenfresser"

Von Juana de O. Lorena

Tupí or not tupí, that is the question.
(Oswald de Andrade im Anthropophagischen Manifest)

In Anklang an die bekannte Aussage des englischen Dichters William Shakespeare in Hamlet, so würde sich der Kern des Anthropophagischen Manifest zusammenfassen lassen. Das sich hier aufzeigende Dilemma greift auf die Konstruktion der brasilianischen Identität zurück: Sollen die Brasilianer der Moderne sich durch die Annäherung an die Ureinwohner des Landes, die Tupí, definieren, oder sollen sie sich an den Richtlinien der europäischen Kolonialisten durch das „Fressen" europäischer Kulturinhalte orientieren? Die Frage in dem hier berufenen Werk von Oswald de Andrade spielt nicht nur im Rahmen der brasilianischen Kultur der Moderne eine zentrale Rolle, sondern steht auch im Mittelpunkt der Reihe „Film and Lecture – Tropical Underground: Das brasilianische Cinema Marginal und die Revolution des Kinos".

Weiterlesen: Eröffnung der Lecture & Film-Reihe "Tropical Underground. Das brasilianische Cinema Marginal und...

Sehnsucht nach Weisheit: (k)ein Fall für die akademische Philosophie?

Von Juana de O. Lorena

Anlässlich der Eröffnung des Rahmenprogramms der Biennale des bewegten Bildes (B3) begrüßte Bernd Frye, Pressereferent des Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“, das Publikum und stellte seinen Gesprächspartner vor. Marcus Willaschek hat die Professur für Philosophie der Neuzeit an der Goethe-Universität Frankfurt inne und ist Principal Investigator des geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungsverbundes „Normative Ordnungen“ an derselben Universität. Seine Expertise liegt vor allem in der Erforschung der  Philosophie Immanuel Kants, zu dessen Werk Willaschek 2015 das Kant-Lexikon mitherausgegeben hat.
Zur Einführung erläuterte Frye den Kontext der Veranstaltung: Das Leitthema der Biennale 2017 lautete „On Desire“ (aus dem Englischen „Über das Begehren“). Das Begehren, begleitet wie andere Gefühle unseren Alltag – einschließlich durch seinen Konflikt mit unserer Vernunft. In diesem Kontext erklärte Frye die Etymologie des Worts „Philosophie“, das Gegenstand des folgenden Gesprächs war. Philosophie wörtlich übersetzt heiße „Liebe zur Weisheit“; oder wenn man den niederländischen Begriff „Wijsbegeerte“ ins Auge fasse, die Bedeutungen „Begehren (nach)“ und „Wissen“ erhalte. Vor diesem Hintergrund präsentierte der Moderator nun den Titel der Veranstaltung, der als Leitfaden zum Gespräch diente: „Sehnsucht nach Weisheit: (k)ein Fall für die akademische Philosophie?“. Im Dialog mit Professor Marcus Willaschek wurde darunter vor allem über die Rolle der akademischen Philosophie bei der Lösung praktischer Alltagsfragen gesprochen.

Weiterlesen: Sehnsucht nach Weisheit: (k)ein Fall für die akademische Philosophie?

Die Politik der Migration – eine Konferenz fragt nach den Grenzen der Zugehörigkeit

Von Jerzy Sobotta

Flucht und Migration sind zu Fragen mit gesellschaftlicher Sprengkraft geworden. Seit Einwanderer in großen Zahlen auch ins nördliche Europa kommen, ist Streit über den Umgang mit den Neuankömmlingen entbrannt. Die Reaktionen reichten von „Willkommenskultur“ bis zu gewalttätigen Angriffen auf Flüchtlinge und dem Erstarken rechter Parteien. Die Konferenz “The politics of migration – testing the boundaries of membership” hat am 15. Dezember 2017 an der Goethe-Universität Frankfurt die politischen und juristischen Konsequenzen der Migration in den Blick genommen. „Stabile liberale Demokratien in Europa sind erschüttert worden. So wird Einwanderung zu einem Wendepunkt in der Geschichte der Globalisierung”, sagte Rainer Forst, Sprecher des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ in der Begrüßungsrede. Er hat die Veranstaltung gemeinsam mit Prof. Ayelet Shachar vom Göttinger Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften organisiert. In zwei kommentierten Vorträgen und einem Panel haben die Teilnehmer die Fragen nach Grenzen, Territorialität und der Bedeutung von Migration für politische Gemeinschaften verhandelt.

Weiterlesen: Die Politik der Migration – eine Konferenz fragt nach den Grenzen der Zugehörigkeit

Gesetze des Begehrens im Internet „Begehren und begehrt werden braucht Grenzen. Nämlich Grenzen des Rechts“. Vortrag auf der B3 Biennale des bewegten Bildes 2017 "On Desire. Über das Begehren"

Von Johanna Schafgans

Mittlerweile gilt das Internet als Wunschmaschine der Gegenwart. Im Internet produzieren und konsumieren wir laufend Inhalte und Produkte. Wir begehren und werden begehrt.
Dabei stehen zwischen uns und den Produkten Vermittler (Plattformen und soziale Medien). Diese Intermediäre sind es, die die Gesetze und die Normen aufstellen. Doch welche Normen sind das, die das Begehren des Internets strukturieren?    
Dieser Frage widmete sich Matthias C. Kettemann in seinem Vortag „Gesetze des Begehrens im Internet“ am 1. Dezember 2017 auf der B3 Biennale des Bewegten Bildes, die unter dem Leitthema „On Desire. Über das Begehren“ stand.    
Matthias C. Kettemann ist Post-Doc Fellow am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ord-nungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo er sich zu normativen Ordnungen des Internets habilitiert. Am Cluster gründete er den Forschungsschwerpunkt Internet und Gesellschaft.
Zu Beginn seines Vortrags erklärte Dr. Kettemann einige Begriffe, die für seinen Vortrag von beson-derer Relevanz seien: Erstens stellte er fest, dass er mit „Gesetz“ natürlich nicht nur staatliche Gesetze meine, sondern Normen und Regeln generell, die das Begehren im Internet strukturierten. Diese Normen und Regeln stellen einerseits Grenzen auf, aber geben andererseits den Menschen die Möglichkeit, sich im Internet zu verwirklichen. Zweitens verwies er darauf, dass er, wenn er von Begehren spreche, sowohl das Konsumieren als auch das Produzieren von Inhalten, um begehrt zu werden ins Auge fasse. Drittens definierte er Intermediäre als die Unternehmen, die zwischen NutzerInnen vermitteln und die Inhalte und Räume zur Verfügung stellen, in denen diese begehren und begehrt werden können.

Weiterlesen: Gesetze des Begehrens im Internet „Begehren und begehrt werden braucht Grenzen. Nämlich Grenzen...

Veranstaltungsbericht zum Crisis Talk „Was Grundlagenforschung (noch) damit zu tun hat: Transnationale Forschungsförderung zur Bewältigung gesellschaftlicher Krisen in Europa“

Von Dr. Stefan Kroll

Im 7. Crisis Talk ging es nicht nur um die Frage, welchen Beitrag die Wissenschaft zur Bewältigung gesellschaftlicher Krisen leisten kann. Gegenstand der Diskussion war darüber hinaus ein Krisenphänomen, das, wie Prof. Dr. Nicole Deitelhoff (HSFK) in ihrer Begrüßung betonte, von manchen gar nicht als Krise wahrgenommen werde. Gemeint war die Rolle der Grundlagenforschung, welche in der europäischen Forschungsförderung gegenüber der anwendungsorientierten Forschung in die Defensive gerate. So wird es zumindest von manchen Beobachtern wahrgenommen. Die Frage nach der Bedeutung der Grundlagenforschung in der europäischen Forschungsförderung ist auch deshalb von besonderer Aktualität, weil im Sommer der Kommissionsvorschlag für das 9. Forschungsrahmenprogramm (FP9) zu erwarten ist.

Weiterlesen: Veranstaltungsbericht zum Crisis Talk „Was Grundlagenforschung (noch) damit zu tun hat:...

Wissenschaft mit Pepp – Greta Wagner über Pillen und Pulver an der Universität

Von Jerzy Sobotta

Eine neue Spitzenzeit im Sprinten, ein neuer Weltrekord im Brustschwimmen? Wenn es um Höchstleistung geht, greifen Sportler hin und wieder mal in die medizinische Trickkiste. Dass nicht nur Athleten dopen, sondern auch Akademiker ihre Aufmerksamkeit auf chemischem Wege erhöhen, ist weniger bekannt. Greta Wagner, Postdoktorandin am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, hat die Praxis der Selbstoptimierung durch leistungssteigernde Psychopharmaka erforscht. In der Goethe Lecture Offenbach am 12. Dezember 2017 zeigt die Soziologin, wie Pillen und Pulver an Hochschulen und in der Kreativwirtschaft zum Einsatz kommen. Ohne in moralische Eindeutigkeit zu verfallen, stellt Wagner die Ambivalenzen ihrer Studienteilnehmer dar. „Im Versuch sich ständig besser zu machen und so den wachsenden Leistungsansprüchen der Gesellschaft zu entsprechen, scheitern viele Konsumenten an ihrem eigenen Selbstbild“, erklärt Wagner.

Weiterlesen: Wissenschaft mit Pepp – Greta Wagner über Pillen und Pulver an der Universität

“The only alternative to authoritarian liberalism is democratic socialism.” Hauke Brunkhorst on “Normative Orders in Crisis”

By Tatjana Sheplyakova

“Soyez réalistes, demandez l’impossible!” was one of the many slogans during the Paris May Days of 1968. Almost 50 years later, at the 2017 Annual Conference of the Normative Orders’ Cluster of Excellence Hauke Brunkhorst in his keynote lecture reminded us of the political task to revive the struggle for democratic socialism. Given the neoliberal turn in politics that can be observed since the 1970s, which resulted in a new formation of ever expanding authoritarian liberalism, this task seems even more impossible today. The prospects are bleak, he warned, but it is worth fighting for.

In his introductory remarks Christoph Menke addressed the question where to locate Hauke Brunkhorst within the tradition of Frankfurt School Critical Theory. Conventional account would be to speak of different generations of Critical Theory and to place its protagonists into one or the other generation accordingly. Hauke Brunkhorst’s philosophical, political, and legal thought, however, escapes any such classification. Brunkhorst’s work spans the range of critical social analysis, it includes in-depth reflection on the idea and shape of politics under the conditions of Modernity, on solidarity, democracy, not least the concept and history of law – it represents a self-reflection of theory at its best in the view of its social including its economic conditions and effects. Therefore, as Menke concluded, “it’s just a little exaggeration – but as Adorno said, only exaggerations are true – we can thus say that Hauke Brunkhorst just is the Frankfurt School”.

Weiterlesen: “The only alternative to authoritarian liberalism is democratic socialism.” Hauke Brunkhorst on...

Von Schleiermacher bis zum Kapitalozän. Der Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen« schaut bei seiner Internationalen Jahreskonferenz multiperspektivisch auf die Krise

Von Bernd Frye

„Krise ist unser Tagungsthema, kein Kennzeichen unserer Gemütslage.“ Rainer Forst, Co-Sprecher des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, ging in seinen einleitenden Worten darauf ein, dass der geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungsverbund in der nächsten Runde des Exzellenzwettbewerbs nicht mehr gefördert wird. Ohnehin hatten die Vorbereitungen der mittlerweile 10. Internationalen Jahreskonferenz lange vor dem abschlägigen DFG-Bescheid begonnen. Und die häufig zu hörende Ansicht, wonach es bei einer Krise kein Vor und kein Zurück gebe, stimme, so Forst, nur eingeschränkt: „Es gibt immer einen Weg, aber er
muss ein neuer sein!“
Bei der Jubiläumskonferenz wurde dieser – wie immer – im Dialog der Disziplinen beschritten: Was ist, auch philosophisch gesehen, überhaupt eine Krise? Wie stellt sie sich angesichts der aktuellen politischen Ereignisse dar? Was lässt sich aus historischer und ethnologischer Sicht über Epochen und Umbruchprozesse sagen? „Crisis: Interdisciplinary Perspectives“ – so lautete der Titel der zweitägigen Tagung, die Ende November im Gebäude „Normative Ordnungen“ auf dem Campus Westend stattfand.

Weiterlesen: Von Schleiermacher bis zum Kapitalozän. Der Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer...

Die Krise der liberalen Weltordnung: Jabri, Daase und Kroll über die Widersprüche des Liberalismus und den Angriffen seiner Kritiker

Von Jerzy Sobotta

Die Angst um das Bestehende geht um. Mittlerweile hat sie auch die Politikwissenschaften ergriffen. Diesen Eindruck hatte man jedenfalls auf der Jahreskonferenz 2017 des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ . Die dritte Podiumsdiskussion  stand ganz im Zeichen der Krise der liberalen Weltordnung. Moderator Prof. Stefan Kadelbach, Mitglied des Clusters und Professor für Öffentliches Recht, Europarecht und Völkerrecht an der Goethe-Universität, sah in den politischen Entwicklungen der letzten beiden Jahre eine Selbstzerstörung liberaler Gesellschaften heraufziehen. Brexit, Trump, das katalanische Unabhängigkeitsreferendum und das Scheitern der Jamaika-Koalition in Deutschland seien Zeichen einer existentiellen Krise des Westens. „Die Welt ist aus den Fugen geraten“, so fasste Kadelbach das Gefühl zusammen, das die drei Vorträge am 24. November 2017 vereinte.

Weiterlesen: Die Krise der liberalen Weltordnung: Jabri, Daase und Kroll über die Widersprüche des...


Aktuelles

„Normative Ordnungen“, herausgegeben von Rainer Forst und Klaus Günther, erscheint am 17. April 2021 im Suhrkamp Verlag

Am 17. April 2021 erscheint der Sammelband „Normative Ordnungen“ im Suhrkamp Verlag. Herausgegeben von den Clustersprechern Prof. Rainer Forst und Prof. Klaus Günther, bietet das Werk einen weit gefassten interdispziplinären Überblick über die Ergebnisse eines erfolgreichen wissenschaftlichen Projekts. Mehr...

Das Postdoc-Programm des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“: Nachwuchsförderung zwischen 2017 und 2020

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist seit je her ein integraler Bestandteil des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“. Das 2017 neu strukturierte, verbundseigene Postdoc-Programm bietet die besten Bedingungen zu forschen und hochqualifizierte junge Wissenschaftler*innen zu fördern. Zum Erfahrungsbericht: Hier...

„Symposium on Jürgen Habermas’ Auch eine Geschichte der Philosophie“ herausgegeben von Rainer Forst erschienen

Als jüngste Ausgabe der Zeitschrift "Constellations: An International Journal of Critical and Democratic Theory" ist kürzlich das „Symposium on Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie“ herausgegeben von Prof. Rainer Forst erschienen. Mehr...

Nächste Termine

7. Juli 2021, 18 Uhr

Vortragsreihe "Politische Falschheiten: Diagnosen und Konzepte": Prof. Nicola Gess (Universität Basel): Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit. Mehr...

8. und 9. Juli 2021

Jahreskonferenz des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt: Zusammenhalt in der Krise. Mehr...

-----------------------------------------

Neueste Medien

Solidarität_Welche Rolle spielen Emotionen, Regeln, Infrastrukturen?

Prof. Dr. Sighard Neckel (Universität Hamburg und Assoziiertes Mitglied des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“)
Moderation: Rebecca Caroline Schmidt (Geschäftsführerin des Forschungsverbundes "Normative Ordnungen")
DenkArt "Solidarität_Aber wie?"

Das vermessene Leben

Prof. Dr. Vera King (Professorin für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Goethe-Universität und geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt, PI von ConTrust)
Ringvorlesung "Algorithms - Between Trust and Control"

Videoarchiv

Weitere Videoaufzeichnungen finden Sie hier...

Neueste Volltexte

Rainer Forst (2021):

Solidarity: concept, conceptions, and contexts. Normative Orders Working Paper 02/2021. Mehr...

Annette Imhausen (2021):

Sciences and normative orders: perspectives from the earliest sciences. Normative Orders Working Paper 01/2021. Mehr...