Forschung aktuell

Die sinnliche Wahrnehmung zum Tanzen bringen. Tatjana Sheplyakova über die kognitive Ästhetik Dziga Vertovs

Von Steffen Andrae

Stampfende, hämmernde, kreischende Maschinen, donnernde Züge und klirrende Werkzeuge. Arbeiter unter Tage, im Stahlwerk oder bei Paraden. Der Lärm und die schnell wechselnden Bilder in Dziga Vertovs Enthusiasmus erzeugen eine nur schwer zu ertragende Kulisse. Der Film entstand 1930, aber seine klangliche und bildliche Gestaltung stellt noch heute unsere alltäglichen Hör- und Sehgewohnheiten auf die Probe. Seine sinnliche Herausforderung – um nicht zu sagen sein Affront – hat Methode. Vertovs Filmkunst will ein „neues Sehen“, eine neue Art der Wahrnehmung etablieren. Der alten muss dafür buchstäblich Hören und Sehen vergehen.

Dr. Tatjana Sheplyakova, Philosophin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität, sprach am 3. Dezember 2017 im Rahmen der B3 Biennale des bewegten Bildes über Vertovs Film und Ästhetik. Unter dem Titel „L’Homme Machine – Das neue Leben in Dziga Vertovs Enthusiasmus / Sinfonie des Donbass“ gewährte sie einen tiefen Einblick in die Ideen der russischen Künstler-Avantgarde der 1920er und 30er Jahre. Sie waren durch einen wechselseitigen Zusammenhang von futuristischer Technikauffassung, scharfer Kunstkritik und radikalem politischem Selbstverständnis geprägt.

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Quo vadis, Utopie? Rainer Forst über das Verhältnis von Utopie und Ironie

Von Steffen Andrae

Utopisches Denken hat es nicht leicht. Sein wesentlicher Gehalt – dass es über die gegebene Wirklichkeit hinausweist und eine neue, mögliche andere antizipiert – scheint prinzipiell ambivalent. Einerseits ist utopisches Denken unabdingbar für die Problematisierung bestehender Ausbeutungs-, Unterdrückungs- und Herrschaftsverhältnisse. Ein präziser und kritischer Sinn für die Wirklichkeit des Hier und Jetzt speist sich aus einer Idee von Möglichkeit, also aus der Vorstellung, dass es auch anders sein könnte. Andererseits unterliegt utopisches Denken stets einem gewissen Verdacht. Denn Versuche, eine neue Gesellschaft und den dazugehörigen Menschen zu begründen, sind mit Risiken verbunden: sie können, indem sie das vermeintlich Richtige durchzusetzen versuchen, totalitär werden.

Über die Widersprüche und Paradoxien utopischen Denkens sprach Rainer Forst, Professor für Politische Theorie an der Goethe-Universität und Co-Sprecher des Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, am 1. Dezember 2017 im Rahmen der B3 Biennale des bewegten Bildes. In seinem Vortrag mit dem Titel „Utopie und Ironie. Eine Kritische Theorie des Nirgendwo“ untersuchte er, ob Ironie ein mögliches Korrektiv der Fallstricke utopischen Denkens darstellt. Anhaltspunkte für diese Annahme suchte Forst in einem der Klassiker neuzeitlicher Utopien: Thomas Morus' Utopia – Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia von 1516.

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Bericht zum Crisis Talk "Humanitarian Crisis"

Von Thorsten Thiel

Ob in Syrien, im Jemen, im Südsudan oder in Nigeria: Bei  Europas nahen wie fernen Nachbarn kommt es in den letzten Jahren immer wieder zu humanitären Krisen. Insbesondere die hierdurch ausgelösten bzw. verstärkten Migrationsbewegungen haben diese Krisen zu einem zentralen Thema europäischer Politik werden lassen. Der nunmehr sechste Crisis Talk nahm dies am 17. Oktober 2017 zum Anlass, zu fragen, welche Rolle und Verantwortlichkeiten der EU aus humanitären Krisen erwachsen. Wie schon bei den ersten fünf Brüsseler Talks waren der Einladung des Leibniz-Forschungsverbundes »Krisen einer globalisierten Welt« und seiner Partner – der Vertretung des Landes Hessens bei der EU, dem Europa-Büro der Leibniz-Gemeinschaft und dem Frankfurter Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen« – wieder viele Menschen gefolgt, so dass Prof. Dr. Tilman Brück (IGZ), Dr. Nils Behrndt (Kabinettschef des EU-Kommissars für Internationale Zusammenarbeit und Entwicklung Neven Mimica), und Kathrin Schick (Direktorin des NGO-Europanetzwerkes VOICE) vor vollem Haus diskutieren konnten, was die EU tun könne und tun müsse.

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Eine Insel bitte. Brooke Harrington über Steuerparadiese, Vermögensverwalter und ihre Kunden

Von Jerzy Sobotta

Stellen Sie sich vor, Sie gehören zu den reichsten Menschen der Welt. Sagen wir, zu den acht reichsten, denn denen gehört mittlerweile die Hälfte des weltweiten Vermögens. Ein hartes Leben, denn alle wollen an Ihr Geld: Ihre Kinder, Ihre Liebschaften, Ihre Ehepartner und – der Fiskus. Was können Sie dagegen tun? Kaufen Sie sich doch einen Staat. Keinen großen. Ein kleiner reicht, am besten ist er bankrott, von einer Wirtschaftskrise geschüttelt und liegt irgendwo mitten im Ozean. Die Idee stammt von den Vermögensverwaltern aus dem Hause Mossack Fonseca. Die Firma schrieb 1994 die Wirtschaftsgesetze des südpazifischen Inselstaates Niue. Seither können sich die 1400 Einwohner nicht mehr nur mit einem Korallenriff rühmen, sondern auch mit unzähligen Briefkastenfirmen, die das Vermögen von Diamantenhändlern, ukrainischen Oligarchen, Spitzensportlern, saudischen Königen und westlichen Politikern verschwinden lassen.
Über die abenteuerliche Welt der Steuerparadiese hat die Soziologin Brooke Harrington am 27. September 2017 einen Vortrag mit dem Titel "Inequality and the Wealth Management Profession" am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ gehalten. Viele Jahre verbrachte sie im Kreis derer, die das Vermögen der Superreichen verwalten. Die Ergebnisse ihrer Forschung beschrieb sie im Buch „Capital without borders. Wealth managers and the One Percent“ (Harvard 2016). Darin stellt sie die Strategien und das Selbstbild einer Berufsgruppe dar, die am liebsten unsichtbar geblieben wäre.

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“Der Streit zwischen der juristischen und der philosophischen Fakultät bei Immanuel Kant“ - Endbericht über den Forschungsaufenthalt

Dr. jur. Domenico Siciliano Firenze, 10. September 2017

A.) Der Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ finanzierte einen Aufenthalt von einem Monat und zehn Tagen (vom 10. Mai 2017 bis zum 3. Juni 2017 und vom 11. Juli bis zum 27. Juli 2017) in Frankfurt am Main, der Forschungen für ein Buch-Projekt über den Streit der juristischen mit der philosophischen Fakultät diente. Das Projekt stellte die Modifikation eines ursprünglichen Projektes zur Rechtstheorie des Frankfurter Zivilrechtlers und Rechtstheoretikers Rudolf Wiethölter dar, das insgesamt durch ein dreimonatiges Stipendium im Zeitraum zwischen November 2015 und Anfang Februar 2016 durch den Exzellenzcluster finanziert wurde. Im Folgenden werde ich insgesamt und zusammenfassend über meine gesamte Forschungstätigkeit in Frankfurt berichten und dabei auf den seinerzeit gestellten Antrag mit dem Titel “Der Streit zwischen der juristischen und der philosophischen Fakultät bei Immanuel Kant“ vom 17.5.2017 generell Bezug nehmen.

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Vertrackt politisch – Christopher Daase über Abstrakten Expressionismus und den Kalten Krieg in der Malerei

Von Jerzy Sobotta

In der jungen Bundesrepublik der 1950er Jahre war die Kunst ein umkämpftes Feld. Die Künstler und Kuratoren mussten mit der Zäsur umgehen, die die Kulturpolitik der Nazis hinterlassen hatte. Dabei ging es nicht allein um die Wiederaneignung dessen, was als „Entartete Kunst“ verdrängt und verboten worden war, sondern auch um eine ideologische Verortung innerhalb der Positionen des Kalten Krieges. Wie Kunst und unser Geschmack von den Kräften der Weltpolitik bestimmt sind, stellte Prof. Christopher Daase anhand der Erfolgsgeschichte des Abstrakten Expressionismus in Westdeutschland dar. Sein Vortrag fand am 23. Mai 2017 im Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt statt und war Teil des Begleitprogramms der Ausstellung „Ersehnte Freiheit. Abstraktion in den 1950er Jahren“. Daase, der unter anderem Kunstgeschichte studierte, lehrt Politikwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt, ist Principal Investigator des Exzellenzclusters „Die Herausbildung Normativer Ordnungen“ und Co-Direktor des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung.

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Normative Ordnungen des Digitalen – Konferenzbericht

Bericht von Magdalena von Drachenfels und Thea Riebe über die interdisziplinäre Konferenz vom 6. bis 7. Juli  2017 "Normative Orders of the Digital" des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen"; Organisatoren Christoph Burchard, Dominik Brodowski, Christopher Daase, Matthias C. Kettemann, Alexander Peukert, Thorsten Thiel, Valentin Rauer. Bericht auf theorieblog.de: Hier...

Keynote: A Critical Theory of Transnational Justice: One Ground and Several Contexts von Prof. Dr. Rainer Forst auf der Frankfurt Summer Academy on Global Justice

Von Johanna Schafgans

Wir befinden uns an der Max-Horkheimer-Straße neben dem Theodor-W.-Adorno-Platz, auf dem der Schreibtisch von Adorno steht. „Natürlich wird in unserem ‚Normative Orders’-Gebäude Kritische Theorie gemacht”, sagt Prof. Dr. Rainer Forst mit einem Lächeln.
Anlässlich der Frankfurter Sommerakademie zur ‚Globalen Gerechtigkeit‘ hielt Forst, Co-Sprecher des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen”, am 17. Juli 2017 einen Vortrag mit dem Titel „A Critical Theory of Transnational Justice: One Ground and Several Contexts”, in dem er vor allem seine "Kritische Theorie transnationaler Gerechtigkeit" vorstellte.
Die Arbeit von Rainer Forst, der Punter anderem auch Direktor der Leibniz-Forschungsgruppe „Transnationale Gerechtigkeit“ an der Goethe-Universität ist, kann zusammenfassend als ein Plädoyer für ein transnationales Konzept globaler Gerechtigkeit und eine kritische Theorie der „transnationalen Gerechtigkeit“ beschrieben werden. Mit seiner Theorie versucht er alternative Analysen des globalen Gerechtigkeitskonzepts zu entwickeln. Dabei soll eine Theorie transnationaler Gerechtigkeit auf eine umfassende Analyse von Phänomenen der Ungerechtigkeit und ihrer Wurzel beruhen, denn die verschiedenen Kontexte der Gerechtigkeit seien durch die Arten von Ungerechtigkeit, die sie bewirken, verknüpft. An dieser Verbindung müsse eine kritische Theorie der Gerechtigkeit ansetzen.

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„Dauerkrise Moderne“. Beschleunigung, Entfremdung und (k)ein Ende in Sicht?

Von Steffen Andrae

Dass an diesem Abend kein Sitzplatz frei blieb und manch ein Besucher dem Vortrag stehend folgen musste, verwunderte in Anbetracht des hochkarätigen Besuchs kaum. Hartmut Rosa sprach am 13. Juni 2017 unter dem Titel „Analyse, Diagnose, Therapie? Eine kritische Neubestimmung der Spätmoderne“ im Gebäude des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Er ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie in Jena, Direktor des Max-Weber Kollegs in Erfurt und Sprecher der DFG-geförderten Kollegforschergruppe "Landnahme, Beschleunigung, Aktivierung. (De-)Stabilisierung moderner Wachstumsgesellschaften". Der mit seinen Büchern „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ (2005) und „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“ (2016) vorgelegte gesellschaftstheoretische Großentwurf wurde nicht nur im akademischen Betrieb sehr positiv rezipiert, sondern auch von einer breiteren Öffentlichkeit aufgenommen. Rosa ist ein oft gesehener Gast in Radiosendungen, Talkshows und bei diversen Kongressen – ein engagierter Vortragsreisender und öffentlicher Intellektueller. Seine Überlegungen zu einem kritischen Gesamtbild der Moderne stellte er an diesem Abend in komprimierter Form vor.

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Aktuelles

„Normative Ordnungen“, herausgegeben von Rainer Forst und Klaus Günther, erscheint am 17. April 2021 im Suhrkamp Verlag

Am 17. April 2021 erscheint der Sammelband „Normative Ordnungen“ im Suhrkamp Verlag. Herausgegeben von den Clustersprechern Prof. Rainer Forst und Prof. Klaus Günther, bietet das Werk einen weit gefassten interdispziplinären Überblick über die Ergebnisse eines erfolgreichen wissenschaftlichen Projekts. Mehr...

Das Postdoc-Programm des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“: Nachwuchsförderung zwischen 2017 und 2020

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist seit je her ein integraler Bestandteil des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“. Das 2017 neu strukturierte, verbundseigene Postdoc-Programm bietet die besten Bedingungen zu forschen und hochqualifizierte junge Wissenschaftler*innen zu fördern. Zum Erfahrungsbericht: Hier...

„Symposium on Jürgen Habermas’ Auch eine Geschichte der Philosophie“ herausgegeben von Rainer Forst erschienen

Als jüngste Ausgabe der Zeitschrift "Constellations: An International Journal of Critical and Democratic Theory" ist kürzlich das „Symposium on Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie“ herausgegeben von Prof. Rainer Forst erschienen. Mehr...

Nächste Termine

7. Juli 2021, 18 Uhr

Vortragsreihe "Politische Falschheiten: Diagnosen und Konzepte": Prof. Nicola Gess (Universität Basel): Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit. Mehr...

8. und 9. Juli 2021

Jahreskonferenz des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt: Zusammenhalt in der Krise. Mehr...

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Neueste Medien

Solidarität_Welche Rolle spielen Emotionen, Regeln, Infrastrukturen?

Prof. Dr. Sighard Neckel (Universität Hamburg und Assoziiertes Mitglied des Forschungsverbunds „Normative Ordnungen“)
Moderation: Rebecca Caroline Schmidt (Geschäftsführerin des Forschungsverbundes "Normative Ordnungen")
DenkArt "Solidarität_Aber wie?"

Das vermessene Leben

Prof. Dr. Vera King (Professorin für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Goethe-Universität und geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt, PI von ConTrust)
Ringvorlesung "Algorithms - Between Trust and Control"

Videoarchiv

Weitere Videoaufzeichnungen finden Sie hier...

Neueste Volltexte

Rainer Forst (2021):

Solidarity: concept, conceptions, and contexts. Normative Orders Working Paper 02/2021. Mehr...

Annette Imhausen (2021):

Sciences and normative orders: perspectives from the earliest sciences. Normative Orders Working Paper 01/2021. Mehr...