Blick nach Süd und Nord

Frankfurter Postkolonialismus mit Nikita Dhawan

von Eva-Maria Magel

Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 1. Dezember 2009

"Die Dekolonisierung des Südens wird unvollständig bleiben ohne eine Dekolonisierung des Nordens", lautet eine These des Seminars, das Nikita Dhawan an der Frankfurter Universität anbietet. Die Juniorprofessorin für Geschlechter- und Postkoloniale Forschung hat vor einem Jahr ihre Arbeit im Exzellenz-Forschungsverbund "Herausbildung normativer Ordnungen" aufgenommen. Im Teilbereich drei dieses Clusters, dem sie angehört, werden die Themen transnationale Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden behandelt. Die Länder Südamerikas, Asiens und Afrikas sind so geworden, wie sie heute sind, weil sie einst europäische Kolonien waren - aber umgekehrt ist Europa auch ein Produkt seiner Kolonien.

"Geteilte Geschichte", diesen Begriff findet die 1972 in Mumbai geborene Nikita Dhawan besonders treffend. Vereint das deutsche Wort doch die beiden englischen Begriffe "shared" und "divided". "Ich bin Philosophin, ich muss differenziert mit Wörtern umgehen, weil ich ja nichts anderes habe als Wörter. Das bringe ich auch den Studierenden bei: vorsichtig mit Begriffen umzugehen." Dhawan, die durch die Germanistik zur Philosophie kam und an der University of Mumbai und der dortigen Women's University studiert hat, teilt ihr Wissen gern mit anderen: Derzeit organisiert sie ein Kolloquium am Cornelia-Goethe-Zentrum, dem sie angehört; ein weiteres, transdisziplinäres Kolloquium zu Postkolonialen Studien zieht Interessierte von weit her an.

Dhawans wissenschaftliche Heimstatt in Frankfurt, das "Research Center for Postcolonial Studies", wurde nun mit einem Vortrag von Gayatri Chakravorty Spivak von der Columbia University New York eröffnet, wo Dhawan 2008 als Gastforscherin tätig war. Die vor allem in den Vereinigten Staaten und maßgeblich auch von Spivak entwickelten Postkolonialen Studien sind in Deutschland noch nicht stark verbreitet, obwohl, wie Dhawan sagt, etwa durch die deutsche Philosophie und Orientforschung viele Anknüpfungspunkte bestehen. Über aktuelle Themen wie die Globalisierung könne man nicht sinnvoll ohne eine postkoloniale Perspektive diskutieren.

Dhawan, die ihre Dissertation der Frage nach Sprechen, Schweigen und Gewaltfreiheit in der westlichen und östlichen Philosophie gewidmet hat, will dieses Fachgebiet nun in Frankfurt verankern. Deutschland sei "ein sehr guter Ort" für ihre Themen, sagt sie. Im Sinne einer politischen Philosophie befasst sie sich mit Macht, Gewalt und Gewaltfreiheit und immer auch mit Geschlechterfragen: "Feminismus war immer ein Teil meiner philosophischen Studien", sagt Dhawan. Im Jahr 2000 wurde sie zur Frauen-Universität aus Anlass der Weltausstellung nach Hannover eingeladen. Dank eines Stipendiums der Heinrich-Böll-Stiftung konnte sie ihre Promotion an der Ruhr-Universität Bochum abschließen, danach war sie Gastprofessorin für Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Oldenburg.

"Ich bin auch ein Produkt des deutschen Hochschulsystems", sagt sie - deshalb ist sie geblieben. Auch wenn es sie gereizt hätte, für Forschung und Lehre nach Indien zurückzukehren. Denn dort sei es derzeit "so aufregend", wegen des gesellschaftlichen und politischen Wandels. Aber auch in Deutschland bewege sich viel. Dass sie von einem deutschen Veranstalter als indische Forscherin und deutsche Professorin eingeladen wurde, auf einer Konferenz in China über Demokratie in Deutschland zu sprechen, ist ihr ein Zeichen dafür.

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