Ordnungen im Umbruch

Der Exzellenzcluster „Herausbildung normativer Ordnungen“ untersucht die Konfl ikte gesellschaftlichen Wandels

Von Michael Patrick Wichert

UniReport, 12. November 2008

Seit der Bewilligung des Exzellenzclusters  „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ durch Bund und Länder in der zweiten Runde der Exzellenzinitiative Ende 2007 hat der Forscherverbund deutlich an Konturen gewonnen. Insgesamt 60 WissenschaftlerInnen haben ihre Forschungstätigkeiten an diesem geistes- und sozialwissenschaftlichen Großunternehmen aufgenommen. Von neun neu zu besetzenden Clusterberufungen haben bereits vier SpitzenforscherInnen ihren Ruf angenommen. Sehr erfreut über die angenommenen Rufe zeigen sich die Sprecher des Clusters, Prof. Rainer Forst (Institut für Politikwissenschaft und Institut für Philosophie) und Prof. Klaus Günther (Institut für Kriminalwissenschaften und Rechtsphilosophie). Denn in nur wenigen Monaten konnten mit der Ethnologin Prof. Susanne Schröter, der Ökonomin Prof. Nicola Fuchs-Schündeln, der Gender- und Migrationsforscherin Prof. Nikita Dhawan und dem Rechtswissenschaftler Prof. Alexander Peukert Schlüsselpositionen des Clusters besetzt werden. Sie befinden sich an zentralen thematischen Schnittstellen des in vier Forschungsfelder unterteilten Wissenschaftlerverbunds. Dass der Cluster international konkurrenzfähig ist, zeigt dabei nicht zuletzt die Tatsache, dass Fuchs-Schündeln die Harvard University verlässt, um nach Frankfurt zu kommen. So sind die Sprecher optimistisch, dass auch die anderen Professuren rasch besetzt werden können.

Zeit gravierender Veränderungen

Mit seiner Fokussierung auf die „Herausbildung normativer Ordnungen“ untersucht der Cluster die gegenwärtigen Konflikte um gerechte normative Ordnungen auf verschiedenen Ebenen. „Wir befinden uns in einer Zeit gravierender Veränderungen der Ordnungen, in denen wir leben“, sagt Forst. Deshalb sollen die Erkenntnisse aus der Perspektive der Philosophie, der Geschichts-, Politik- und Rechtswissenschaften, der Ethnologie, Ökonomie, Religionswissenschaft und der Soziologie darüber Aufschluss geben, ob und in welchem Sinne wir in einer Zeit der Herausbildung neuer Ordnungen leben und wie die Konflikte darum unter Einbeziehung der normativen Ansprüche der Beteiligten zu verstehen sind. Für diese Aufgabe wurde der Cluster mit 6,5 Millionen Euro jährlich für die Dauer von fünf Jahren ausgestattet.

Über 25 Projektgruppen sollen es dem Vorhaben ermöglichen, der Komplexität des Themas und der enormen Bandbreite bestehender Konflikte und ihrer vielschichtigen historischen Ursachengefüge gerecht zu werden. Sie versammeln sich in den vier Forschungsfeldern „Konzeptionen von Normativität“ (Koordinatoren: Prof. Rainer Forst und Prof. Klaus Günther), „Geschichtlichkeit normativer Ordnungen“ (Koordinatoren: Prof. Andreas Fahrmeier und Prof. Karl-Heinz Kohl), „Transnationale Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden” (Koordinatoren: Prof. Gunther Hellmann und Prof. Rainer Forst) und „Herausbildung von Rechtsnormen zwischen den Nationen” (Koordinatoren: Prof. Stefan Kadelbach und Prof. Rainer Klump). Unterstützend wirken außerdem Kooperationen mit der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), dem Max-Planck Institut für europäische Rechtsgeschichte und der Technischen Universität Darmstadt. Sie sind mit Matching-Vereinbarungen an dem Cluster beteiligt. Weitere Beteiligte sind das Frobenius-Institut und Institut für Sozialforschung an der Goethe-Universität sowie das Centre Point Sud Forschungszentrum in Bamako (Mali). Schließlich geht es bei den untersuchten Konflikten um nicht weniger als eine gerechte Weltordnung, um die Errichtung einer fairen und gerechten Wirtschaftsordnung und gleichzeitig um die Verwirklichung von Frieden, Menschenrechten und Demokratie oder um religiös und kulturell geprägte Lebensformen. Neben den bereits genannten Forschern werden außerdem internationale Gastprofessoren, bis zu vier interdisziplinäre Nachwuchsforschergruppen, ein internationales Doktorandenkolleg, Postdocs und Fellows sowie eine Reihe von MitarbeiterInnen in Forschungsprojekten den Exzellenzcluster stärken. Weit mehr als hundert WissenschaftlerInnen und MitarbeiterInnen werden für den Cluster forschen, wenn alle Berufungs- und Bewerbungsverfahren abgeschlossen sind.

International mit „Frankfurter Handschrift“

Das Besondere des Verbunds ist aus Sicht der Sprecher Forst und Günther der institutsübergreifende und die verschiedenen Fächer bündelnde Charakter des Exzellenzclusters. Ein wichtiger Aspekt sei die „Frankfurter Handschrift“. Diese resultiere nicht zuletzt aus der Bedeutung der Kritischen Theorie der „Frankfurter Schule“ (verbunden mit den Namen Horkheimer und Adorno), die insbesondere in ihrer Fortführung durch die Theorie von Jürgen Habermas für viele der Clusterforscher eine wichtige Inspiration sei. Dazu sei es gelungen, bei aller Pluralität der Zugänge zum Thema, ein markantes „Frankfurter Projekt“ auf den Weg zu bringen – insbesondere gemeinsam mit den Geschichtswissenschaften, die bereits einen erfolgreichen Sonderforschungsbereich zum Thema „Wissenskultur und gesellschaftlichen Wandel“ etabliert hatten. Die für die Frankfurter Geistes- und Sozialwissenschaften prägenden Traditionen hätten die Forscher bei der Exzellenzinitiative darin bestärkt, „ein innovatives, im besten Sinne interdisziplinäres Forschungsprogramm zu verfolgen“. Zwar forschen die Projektgruppen der vier Forschungsfelder federführend an ihren speziellen disziplinären Fragestellungen. Wichtig sei aber eine Balance zwischen innerdisziplinärer Forschung und der Zusammenarbeit an gemeinsamen Projekten, erklären die Sprecher. Denn eines der Ziele des Clusters sei es, die Standpunkte der einzelnen Forschungsfelder für eine Annäherung an den Begriff „Normativität“ interdisziplinär zusammenzubringen. Das Kraftfeld hierbei bildet das „philosophische“ Forschungsfeld, das Forst und Günther koordinieren. Es stellt die drei Begriffe des Clustertitels ins Zentrum: Normen, Ordnung und Herausbildung. Auf diese Weise erforschen die Projektgruppen unabhängig, aber nicht isoliert voneinander die Herausbildung normativer Ordnungen.

Doch was sind normative Ordnungen? Nach Auffassung des Clusters sind es Ordnungen, die einen Anspruch auf Geltung erheben, der wiederum eine freiwillige Folgebereitschaft impliziert. Dies gelte insbesondere in Bezug auf Strukturen der Herrschaftsausübung beziehungsweise der Verteilung von Gütern und Lebenschancen. Normative Ordnungen sind nach Forsts Worten „Rechtfertigungsordnungen“ und eingebettet in sogenannte „Rechtfertigungsnarrative“. Diese sind historisch begründet und werden „über lange Zeiträume tradiert, modifi ziert, institutionalisiert und praktiziert“. Die Forschung geht davon aus, dass Rechtfertigungsnarrativ und Rechtfertigungsanspruch in einem Spannungsverhältnis stehen. Denn Rechtfertigungsnarrative weisen aufgrund ihrer historisch gebildeten Legitimationskraft über die Faktizität einer bestehenden Ordnung hinaus. Auf die konfliktreiche Dynamik, die aus diesem Spannungsverhältnis resultiert, kommt es den Forschern an.

Unmittelbare Erfahrungen der Menschen im Blick

In ihrem Erkenntnisinteresse unterscheiden die Forscher zwischen den „normexternen“ und „internen« Faktoren eines Konfliktes. Normexterne Faktoren lassen sich verstehen als die übergreifenden systemischen politischen und ökonomischen Ursachenfaktoren einer gesellschaftlichen Veränderung. Der Cluster fokussiert seine Forschungsarbeit aber stärker auf die internen Konflikte, also Prozesse und Prozeduren, die von Individuen und Gruppen ausgehen – seien es Bürger, Wähler, Richter oder Politiker – und dazu führen, dass sich „gesellschaftliche, uns bindende Ordnungen entwickeln, in Frage gestellt werden, zusammenbrechen oder revolutionieren“, erklärt Forst. Im Falle einer Analyse der Flüchtlingsströme aus Tausenden von Migranten, deren Weg jedes Jahr über Afrika an die europäischen Grenzen führt, ginge es demnach weniger um die funktionale Beschreibung der wirtschaftlichen oder politischen Ursachen für die Fluchtbewegungen, wie Günther hervorhebt. Vielmehr werde der Fokus auf die unmittelbaren Erfahrungen der Menschen in ungerechten Lebensverhältnissen gelenkt und deren Erwartungen und Ansprüche an die bestehende Ordnung analysiert.

Bei diesem internen Standpunkt nehmen die Forscher das soziale Verhalten der Beteiligten im Konfl ikt mit normativen Ordnungen unter die Lupe und wollen wissen, welche Vorstellungen von einer guten oder schlechten Ordnung bei den Menschen vorherrschen. Dabei wird Forst zufolge untersucht, welche Ansprüche von den Akteuren an diese Ordnungen gestellt wurden („deskriptiv“) und welche Ansprüche an diese Rechtfertigungsordnungen gestellt werden könnten oder sollten („normativ“). Diese auf die Perspektive der Betroffenen ausgerichtete Herangehensweise soll, so das programmatische Anliegen des Clusters, „hinreichend empirische Evidenz“ für die Frage liefern, wie heutzutage eine Theorie der Herausbildung normativer Ordnungen jenseits rein funktionaler Theorien möglich ist.
Wie konkret der Cluster diese Akteursperspektive umsetzen will, zeigt sich in den Themen der Projekte und an den Kooperationen, etwa mit der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn oder dem Forschungszentrum Point Sud. Wenn der Cluster die Zusammenarbeit mit solchen Institutionen sucht, geht es weniger um beraterische Hilfe oder direkte Handlungsanweisungen im Sinne eines Think Tank als vielmehr um die Sensibilisierung für die konkreten Erfahrungen der Menschen in Konfliktgebieten. Mitarbeiter außenpolitischer und wirtschaftspolitische Ämter ohne Erfahrung in Konfliktgebieten stünden vor „schwer verstörenden Prozessen“, erklärt der Geschäftsführer des Exzellenzclusters, Peter Siller. Ihnen könnten die Forschungserkenntnisse des Clusters helfen, sich in die Perspektiven der Menschen im Konflikt mit den bestehenden ungerechten normativen Ordnungen hineinzuversetzen. Siller, selbst früher Mitglied des Planungsstabs des Auswärtigen Amtes, weiß wie wichtig der Dialog zwischen Politik und Wissenschaft sein kann.

Neubau soll Kommunikation verstärken

Die für einen solchen Dialog notwendige Infrastruktur soll bis 2010 in einem Neubau auf dem Campus Westend gebündelt werden. Das Gebäude, dessen Entwurf bereits ausgewählt wurde, umfasst ein Investitionsvolumen von schätzungsweise 8,9 Millionen Euro (die in einem weiteren Verfahren beim Wissenschaftsrat erfolgreich eingeworben wurden). In ihm werden alle neu berufenen ProfessorInnen ihre Forschungsstätte haben, und es eröffne, so Forst, die Chance einer fein austarierten Balance zwischen abgeschirmter individueller Forschung über einen längeren Zeitraum und intensivem, kritischem Austausch mit anderen in einzelnen Gesprächen, kleineren Ad-hoc-Workshops oder größeren Konferenzen. Nach den Worten von Geschäftsführer Siller sei das Gebäude „ein Ort, wo die Kommunikation und Vernetzung innerhalb des Forscherverbunds“, zum Tragen kämen. Schließlich wolle man „keine Vierfelderwirtschaft betreiben“, fügt Forst hinzu, sondern alle Forschungsfelder sollen ineinander greifen.

Dazu sollen auch vielfältige öffentliche Aktivitäten des Clusters beitragen. So werden neben den zweimal jährlich stattfi ndenden „Frankfurter Vorlesungen“, deren erste der renommierte US-Philosoph Charles Larmore halten wird, Symposien, Konferenzen und Workshops veranstaltet. In Kürze fi ndet eine internationale Eröffnungskonferenz statt. Auch sollen Veranstaltungen der Stadtöffentlichkeit publikumsgerechte Themen näherbringen. In diesen Veranstaltungen werden die Forscher des Clusters aktuellste Themen aus Politik, Kultur und Wissenschaft wie zum Beispiel Menschenrechtsfragen aufgreifen und aus der programmatischen Perspektive des Clusters einem breiten öffentlichen Publikum vorstellen. Clustereigene Publikationen in Kooperation mit den Frankfurter Verlagen Suhrkamp und Campus sind geplant.


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