US-Präsidenten im Pilotenlook

Konferenz des Exzellenzclusters ‚Normative Ordnungen‘ analysierte Rechtfertigungsnarrative

Von Bernd Frye

UniReport, 16. Dezember 2009

Man konnte gespannt sein: Auf dem Programm der zweiten internationalen Jahreskonferenz des Exzellenzclusters ‚Die Herausbildung normativer Ordnungen‘ am 13. und 14. November stand nichts weniger als einer der zentralen Begriffe des Forschungsverbundes: die ‚Rechtfertigungsnarrative‘. Wie der Co-Sprecher des Clusters, der Philosoph und Politikwissenschaftler Prof. Rainer Forst, zur Eröffnung der Konferenz ausführte, definiert das Forschungsprogramm des Clusters normative Ordnungen als ‚Rechtfertigungsordnungen‘, und der theoretisch nicht minder innovative Begriff der ‚Rechtfertigungsnarrative‘ steht für die als Erzählungen strukturierten, historisch sedimentierten Begründungen, die sich zu Legitimationen sozialer Strukturen und Institutionen verdichten.

In insgesamt fünf Panels mit jeweils zwei Fachvorträgen fragte die Konferenz nach der Anwendbarkeit und dem Potenzial des Begriffs Rechtfertigungsnarrative in verschiedenen disziplinären Kontexten. „Der Begriff ist in den unterschiedlichen kooperierenden Fächern mehr oder weniger gut etabliert, insofern stellt die Konferenz ein Experiment dar“, sagte Prof. Andreas Fahrmeir zum Auftakt. Der Historiker ist Koordinator des Cluster-Forschungsfeldes 2 ‚Die Geschichtlichkeit normativer Ordnungen‘, das die Federführung der Veranstaltung hatte. Von solch einer Konferenz, so Fahrmeir weiter, könne man nicht die Formulierung einer übergreifenden und allgemeingültigen Theorie der Rechtfertigungsnarrative erwarten. Es ginge vielmehr darum, den Begriff so weit wie möglich einzugrenzen und auch die unterschiedlichen Dimensionen zu diskutieren, die derlei Narrative aufweisen.

Zu diesen Dimensionen gehören auch die ästhetischen Qualitäten, die möglicherweise über die Akzeptanz ebenso entscheiden wie die Inhalte. Nicht nur auf das Was kommt es an, sondern auch auf das Wie. Der Philosoph Prof. Martin Seel (Frankfurt am Main) nutzte seinen Konferenzbeitrag nicht nur zu grundlegender Begriffsbestimmung, sondern auch zu einer Vorführung, auf welche besondere Weise die Medien Film und Fernsehen für das Erzählen disponiert sind. Seel zeigte Bilder der bekannten Pressekonferenz auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln, bei der der damalige US-Präsident George W. Bush – gerade mit einem Kampfjet angekommen, noch in Pilotenmontur und von den Soldaten bejubelt – den erfolgreichen Verlauf des Irakkrieges verkündet. Und Seel zeigte einen Ausschnitt aus dem Kinofilm ‚Independence Day‘, in demein fiktiver US-Präsident in Kampfjetuniform von Soldaten bejubelt wird, weil er gerade die Welt gerettet hat. Die Pressekonferenz fand im Mai 2003 statt, der Film war rund sieben Jahre vorher in den Kinos angelaufen.

Den Aspekt der ganz ähnlichen Präsidentenbilder, im Film und auf dem Flugzeugträger, nahm der Philosoph Prof. Michael Hampe von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich auf. Die Sequenzen seien ein gutes Beispiel für Muster, auf die Rechtfertigungsnarrative immer wieder zurückgriffen. In diesem Fall – so Hampe – nach der Lesart: „Schaut her, so sieht es aus, wenn ein Krieg gut verlaufen ist.“ Hampe bezeichnete Narrative als „Plausibilisierungen von Behauptungen“. Sie erzeugten Verständnis durch Beschreibung und Erzählung. Und eine Beschreibung wiederum könne über die reine Deskription hinaus vor allem dann erklärend wirken, wenn es ihr gelinge, die Aufmerksamkeit der Zuhörer neu zu justieren.

Wie das bei einem konkreten politischen Thema funktioniert, zeigte Prof. Nicole Deitelhoff, Politikwissenschaftlerin an der Goethe- Universität, im Rahmen ihres Vortrags. Im Kampf gegen die Genitalverstümmelung seien erst weitere Fortschritte erzielt worden, als Nichtregierungsorganisationen anfingen, in ihren Kampagnen von Genitalverstümmelung statt Genitalbeschneidung zu sprechen. Deitelhoff: „Das Narrativ gewinnt, dem es gelingt, mehr öffentlichen Druck aufzubauen.“

Manchmal jedoch scheint es nicht allein die Kraft der begründenden Erzählung zu sein, auf die es ankommt, sondern Macht und Durchsetzungswille. Dr. Gunter Pleuger, ehemaliger deutscher Vertreter im Weltsicherheitsrat, war Zeuge der Rede des damaligen US-Außenministers Colin Powell, als dieser den Irakkrieg rechtfertigen wollte. „Fast alle im Saal wussten, dass das nicht stimmt, was er sagt“, erinnerte sich Pleuger. Der aktuelle Präsident der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder verwies gleichwohl auf viele Erfolge der UNO. Die Struktur des Sicherheitsrates müsse jedoch reformiert werden, weil sie die Lage von 1945 widerspiegele und nicht dem 21. Jahrhundert gerecht werde.

Ebenfalls unter dem Eindruck der Nazidiktatur und des zweiten Weltkriegs verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Die Menschenrechte seien – wie der Rechtswissenschaftler und Co-Sprecher des Clusters, Prof. Klaus Günter, in einer Einführung hervorhob – zu einem der wichtigsten und am weitesten verbreiteten Rechtfertigungsnarrative geworden. Ihre Rezeption und Anwendung sei jedoch nicht ohne Tücken.

Anhand einer Studie, die er in Malawi durchgeführt hat, argumentierte der Ethnologe Prof. Harri Englund von der Universität Cambridge, dass der westlich geprägte, individualistische Ansatz der Menschenrechte in Afrika keine lokale Tradition vorfinde, an die er anschließen könne. Prof. Günther Frankenberg, Rechtswissenschaftler an der Goethe-Universität, sah einen ‚semantic battle‘ bei der Auslegung der Menschenrechte. Das Folterverbot beispielsweise sei ein Bestandteil der Menschenrechte. Doch eine genaue Interpretation, was Folter sei, fehle.

Zu den wirkmächtigsten Rechtfertigungsnarrativen gehören religiöse Überlieferungen. Auch ihnen widmete die Konferenz ihre Aufmerksamkeit. Prof. Hans Kippenberg (Jacobs University Bremen) beleuchtete Aspekte der modernen Religionsgeschichte, darunter den Kampf von Palästinensern gegen die israelische Siedlungspolitik. Habe sich die PLO in ihrer Begründung für den auch bewaffneten Kampf noch politischer Kategorien wie ‚Antiimperialismus‘ bedient, verwendeten islamische Gruppen religiöse Narrative. Ähnlich auf der anderen Seite: Manche Israelis sprächen nicht von Siedlungen, sondern von ‚erlösten‘ Gebieten.

Einen weiten Sprung zurück in der Geschichte machte der Frankfurter Historiker Prof. Hartmut Leppin. Er zeigte am Beispiel der Christianisierung des römischen Reiches, wie hergebrachte Narrative der Rechtfertigung von Normen und normativen Ordnungen durch neue Begründungsmuster modifi ziert oder abgelöst werden. Der Historiker bezeichnete die Spätantike als eine Zeit der Umbrüche, in der vieles offen war – ganz ähnlich vielleicht wie zu Beginn unseres 21. Jahrhunderts, wie einige Diskutanten anmerkten.


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25. April 2019, 19 Uhr

XXII. Frankfurter Stadtgespräch: Das Verbrechen des Holocaust verjährt nicht - Die Aufgaben von Historie und Justiz. PD Dr. Boris Burghardt und Günther Feld im Gespräch mit Prof. Dr. Sybille Steinbacher. Moderation: Rebecca C. Schmidt. Mehr...

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