Im Gespräch: Hartmut Leppin, Althistoriker an der Universität Frankfurt

"Ich möchte die Erinnerung an gefährdete Christentümer bewahren"

Hartmut Leppin bekommt 2015 den begehrten Leibniz-Preis. Er weiß schon, wofür er das Preisgeld von 2,5 Millionen Euro nutzen will, und er spricht über Theologie und Kirche, christliche Machtverliebtheit und Machtkritik.

Das Christentum in Europa schwächelt. Woran liegt das?

Ich würde sagen: Das kirchlich organisierte Christentum schwächelt. Jenseits der Kirchen gibt es aber viele Menschen, die etwas im Christentum suchen. Das zwingt die Kirchen und die Theologen, aber auch die Historiker dazu, sich zu fragen, was Christentum eigentlich ist.

Könnte es denn wieder kräftiger werden?

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Kirchen in ihrer gegenwärtigen Form hierzulande entscheidend stärker werden können, was ich als Angehöriger der evangelischen Kirche bedauere, weil nicht nur religiöse Traditionen, sondern auch bestimmte Formen des kulturellen Lebens verlorengehen können. Aber in der Individualisierung des Christentums liegt auch eine Chance für einen bewussteren Glauben.

Mit Schwächen und Stärken befassen Sie sich von Januar an intensiver: Dann gibt es an der Goethe-Uni den Sonderforschungsbereich "Schwächediskurse und Ressourcenregime", dessen Sprecher Sie sind. Mehr als 50 Historiker, Ethnologen, Sinologen, Philosophen und Rechtshistoriker arbeiten mit. Was wollen Sie besonders in den Blick nehmen?

Generell erhoffen wir uns Erkenntnisse darüber, wie sich ein Diskurs über Schwäche in Handeln umsetzt, was in vielen Teilprojekten untersucht wird. Meines etwa beschäftigt sich damit, inwieweit in der Spätantike, als die militärischen Ressourcen des Römischen Reichs schwanden, plötzlich religiöse Ressourcen des Christentums wichtig wurden. Da wurden im Krieg Heiligenbilder genutzt, und sie zeigten aus der Sicht der Zeitgenossen Wirkung. Ich widme mich damit zugleich der Frage, welche Folgen das für die Vorstellung vom heiligen Krieg hat, wie sie in der religiös aufgeladenen Welt der Spätantike entstand.

Nicht zuletzt für Ihre Arbeiten über die Spätantike und das frühe Christentum werden Sie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit dem Leibniz-Preis 2015 ausgezeichnet. Was fangen Sie mit dem Preisgeld von 2,5 Millionen Euro an?

Ich möchte dabei helfen, die Christentümer der nicht-klassischen Sprachen zu erschließen. Es gibt sehr viele Spezialisten auf diesem Feld. Einige von ihn hoffe ich in Frankfurt zusammenzuführen, um mit ihnen die Vielfalt des antiken Christentums noch stärker herauszuarbeiten. Diese Christentümer haben teils bis heute überlebt, sind aber gefährdet und stehen jetzt vielerorts durch die Konflikte im Nahen Osten, namentlich durch die Herrschaft von Isis, vor dem Untergang. Es geht mir auch darum, die Erinnerung an sie zu bewahren, denn sie sind eine wichtige Tradition der Menschheit. Außerdem möchte ich mit Forschungen über die Ausbreitung des Buddhismus in Zentralasien und China beginnen, die gleichzeitig mit der des Christentums im Römischen Reich erfolgte. Dabei ist mein Ziel, zu untersuchen, ob es strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen diesen Prozessen gibt.

Die DFG lobt Sie unter anderem als einen "eigenständigen Denker, der intellektuelle Risiken eingeht, um wissenschaftliches Neuland zu erschließen". Können Sie ein besonders großes Risiko nennen?

Vielleicht ist für manche überraschend, dass ich gern Epochengrenzen überschreite und mich als Historiker stark auf theologische Fragestellungen einlasse. Aber ich muss Religion und Theologie ernst nehmen, wenn ich verstehen will, welche Handlungsmotive die Menschen in der Spätantike leiten konnten. Eine Abwehrhaltung von Historikern gegenüber Theologie, die als irrational abgegrenzt wird, führt nicht weiter.

In der Spätantike konsolidierte sich das Christentum nach der Verfolgung und wurde zur Staatsreligion im Römischen Reich. Auch damit befassen Sie sich in einem von der DFG geförderten Projekt an der Universität. Warum war die neue Religion für die Herrscher attraktiver als es die alten Glaubenssysteme waren?

Zunächst einmal war sie für die Bevölkerung attraktiv. Die Christen waren in der Lage, neue religiöse Antworten zu geben. Wichtig war aber auch die praktizierte Milde unter den Christen. Zudem eröffnete das Christentum Frauen neue Spielräume. Sie mussten beispielsweise nicht heiraten oder nach dem Tod des Ehemanns wieder heiraten, wie bei den Römern üblich. Das Christentum wertete die Jungfrauenschaft oder das Witwentum höher als die Ehe, was manchen Frauen neue Freiräume erschloss.

Und die Herrscher?

Nach dem Sieg bei der Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312, den Kaiser Konstantin dem Christengott zugeschrieben hatte, kamen die christlichen Wortführer zu ihm und sagten: Wenn du den Christengott wirklich fördern willst, musst du ihm auch Kirchen bauen, ihre Institutionen stärken, und du solltest ihren Normen nicht zuwiderhandeln. Der christliche Glaube nahm die Herrscher als Person stärker in die Pflicht als andere antike Religionen. Darüber verhandelten Christen mit Konstantin und seinen Nachfolgern im 4. Jahrhundert. In dieser Zeit bestanden eine bemerkenswerte religiöse Vielfalt und ein gewisser Respekt voreinander. In politischen Reden schwieg man über den Glauben oder sprach allgemein über ihn. Auch hat man es in den meisten Städten vermieden, Kirchen in den Zentren zu bauen. Diese Phase einer begrenzten Neutralität dauerte aber nur 60 bis 70 Jahre. Später beharrten dann die tonangebenden Christen darauf, dass ihre Religion die einzig wahre sei. Die Kaiser schlossen sich dieser Haltung an, wodurch sich das Römische Reich grundlegend veränderte. Schon Theodosius, der von 379 bis 395 regierte, erließ die ersten Gesetze, die auf ein Verbot heidnischer Praktiken hinausliefen.

Welchen Preis zahlte das Christentum für diese Entwicklung?

Dass es unter seinen Anhängern immer mehr Opportunisten gab, die sich nicht aus innerer Überzeugung dieser Religion anschlossen, sondern etwa aus Karrieregründen, wurde von Zeitgenossen nachvollziehbarerweise getadelt. Von außen betrachtet, war diese Zeit aber für die Kirche als Organisation sehr erfolgreich.

Welche Rolle spielten die großen Konzilien?

Einerseits haben sie zur Spaltung der Christenheit beigetragen, vor allem das Konzil von Chalkedon im Jahr 451, dessen Wirkungen bis heute spürbar sind. Andererseits haben die Synoden und der Streit der Christen für so viel Aufmerksamkeit gesorgt, dass man sich gezwungen sah, sich zu positionieren - und damit quasi Christ zu werden. Das gilt auch für die Kaiser. Die Religion war ein Machtfaktor geworden.

Kaiser Justinian verfügte im 6. Jahrhundert zum Beispiel die Kindstaufe, und auf Abfall vom Christentum stand der Tod.

Das war auch zeitgenössisch umstritten und wurde als unangemessene Unterdrückung kritisiert, auch von Christen. Für Justinian war wichtig, sein Reich religiös zu einen, um ihm mehr Schlagkraft zu verleihen, aber auch vor Gott als gläubiger Mensch und als Förderer des Christentums dazustehen. Er war in einem gewissen Sinn fanatisch, gab sich stärker als seine Vorgänger als direkt von Gott eingesetzt. Das war auch eine Frage der Macht zwischen Kaiser und Kirche. Justinian hat sich etwa bemüht, Bischöfe und Mönche an Gläubigkeit und Askese zu übertreffen, um so seine Macht ihnen gegenüber zu stärken.

Und das Christentum selbst wurde seinerseits ziemlich machtverliebt.

Es gab jedenfalls viele machtverliebte Bischöfe. Ein heidnischer Historiker sagte einmal, es gebe keinen besseren Job als den des Bischofs von Rom in seiner Pracht. Es gab aber auch solche Bischöfe, die ihre Macht opferten. An sich war das Christentum nie mit dem Kaisertum kompatibel. Es schuf Grundlagen, um dem Kaiser zu widersprechen - auf Grund des Glaubens und autoritativer Texte. Sehr wichtig war zum Beispiel im 4. Jahrhundert der Mailänder Bischof Ambrosius, der den Kaiser in die Schranken wies. Da waren andere religiöse Gruppen viel leichter zu integrieren. Konflikte mit dem Christentum brachen auch in den folgenden Jahrhunderten immer wieder auf. Diese Dynamik wirkt bis heute nach.

Zum Beispiel wo?

Manche Äußerungen des Papstes sind zum Beispiel Ausläufer davon, etwa seine Kritik an der Wirtschaftsordnung. Die ist vielleicht wirtschaftswissenschaftlich naiv, aber er hat den Finger in die Wunde gelegt. Dass die eigene Position die der Mächtigen in Frage gestellt hat, gab es seit Beginn des Christentums - wie natürlich auch die Rechtfertigung weltlicher Macht. Die Grundlagen des Christentums machen vieles möglich.

Im 6. Jahrhundert begann der Islam sich auszubreiten. Das gehört eigentlich auch zu Ihrem Forschungsfeld, oder?

Der Islam ist in der Tat ein Phänomen der Spätantike. Aber ich beherrsche nicht genug Arabisch, um darüber seriös forschen zu können. Wichtig ist die Frage, wie sich der Islam durchsetzen konnte, der ja zunächst als Spielart des Christentums gesehen wurde. Der Islam war seinerzeit sehr vielfältig, auch das gilt es in Erinnerung zu bewahren. Ich tausche mich mit Spezialisten aus, etwa den Kollegen in den "Islamischen Studien" oder der Ethnologin Susanne Schröter im Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen". Mit ihr arbeite ich dort auch zur Frage, in welchen Situationen religionsneutrale Räume entstehen, auch in modernen Gesellschaften, und wie das Nebeneinander von Religionen möglich ist.

Wo sollte es solche Räume denn heute geben?

Als politisch interessierter Bürger wäre ich dafür, möglichst weite Bereiche zu definieren und zu bewahren, in denen Religion zwar zur Sprache kommen darf, aber als Gegenstand der Debatte, ohne Bekenntnisdruck. In den Schulen zum Beispiel.

Was ist mit dem Religionsunterricht?

Ich wäre eher der Freund eines religionskundlichen Unterrichts, an dem alle Schüler einer Klasse beteiligt sind. Denn die Schule ist einer der wenigen Orte unserer Gesellschaft, an dem Vertreter verschiedener Religionen in einem neutralen Raum zusammenkommen können. Religiöses Wissen ist zudem Allgemeinbildung, egal ob man gläubig ist oder nicht. In einem sehe ich aber eine besondere Chance des Religionsunterrichts: Die Lehrer dürfen sich als Gläubige, als Überzeugte positionieren. Wenn sie dies schaffen und es zugleich zulassen, dass Schüler sich daran reiben, kann das zu einer Sternstunde im Schulleben werden.

Die Fragen stellte Stefan Toepfer.

Kasten:
Der Forscher, das Werk, der Preis

Hartmut Leppin ist seit 2001 Professor für Alte Geschichte an der Goethe-Uni.
Der 50 Jahre alte Wissenschaftler studierte Geschichte, Latein, Griechisch und
Erziehungswissenschaften in Marburg, Heidelberg und Pavia. 1990 wurde er in
Marburg promoviert, fünf Jahre später folgte in Berlin die Habilitation. Einer
seiner Schwerpunkte ist die Erforschung des antiken Christentums. Zum Beispiel
veröffentlichte er 2011 das Buch "Justinian. Das christliche Experiment",
demnächst erscheint das von ihm herausgegebene Werk "Antike Mythologie in
christlichen Kontexten der Spätantike". Der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der
Deutschen Forschungsgemeinschaft gilt als wichtigster Wissenschaftspreis in
Deutschland. Leppin ist einer von acht Forschern, die 2015 geehrt werden. (toe.)

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2015, Die Fragen stellte Stefan Toepfer. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv


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