Die Bibel als norma normans

Heilige Texte sind zu allen Zeiten als Legitimation und Rechtfertigungsklausel für bestimmte politische Entscheidungen herangezogen worden. Sie dienten damit als umfassender Rahmen, aus dem die konkreten politisch-sozialen Entscheidungen z. B. frühneuzeitlicher Gesellschaften in Europa ihren überzeitlichen Geltungsanspruch ableiteten. Beispielhaft dafür ist die Verwendung bestimmter Bibelstellen aus Altem und Neuem Testament, um den Charakter guter Herrschaft zu benennen, um bestimmte Verfassungsformen als überzeitlich gültig darzustellen, um den Einsatz von Gewalt zu legitimieren u.a.m.
In diesem Projekt wurde der Einsatz von Bibelstellen als nicht hintergehbare Norm, als norma normans, anhand bestimmter Quellengruppen und in einer konfessionsvergleichenden sowie überregionalen Blickrichtung analysiert.
Auf diese Weise konnte das Projekt zum Verständnis beitragen, wie heilige Texte grundlegende Normen legitimieren und entsprechende Rechtfertigungsnarrative gesellschaftlich funktionieren. Insbesondere konnten im Rahmen des Projekts auch neue Erkenntnisse zur historischen Datierung und Entstehung der Grundrechte, als grundlegende Normen der Moderne gewonnen werden.
Dabei wurden die Übergangsriten im frühneuzeitlichen Christentums, insbesondere die Taufe, die Ehe (zwischen Angehörigen der verschiedenen christlichen Konfessionen sowie Angehörigen des Christentums und des Judentums bzw. des Islam [= Angehörige „ungleichen Kultes“]) und die mit dem Tod verbundenen Rituale (Trostriten im Sterbefall, Trauerfeier) als Schlüssel zur Analyse der interkonfessionellen/interreligiösen Auseinandersetzungen bearbeitet. Grundlage der Forschungen war die reiche Quellenlage in den vatikanischen Archiven.
Bei deren Analyse bestätigte sich, dass der gemeinsame Horizont dieser Kontroversen, stets die gelehrte Auslegung von Altem und Neuem Testament ist und es immer und ausschließlich darum geht, wie weit die Bibel als norma normans sowohl in der theologischen Rechtfertigung als auch in der praktischen Wirkung in die Welt fungiert und anerkannt wird. Anhand der Quellenbefunde konnte das Projekt zudem sichtbar machen, dass die Entstehung der Grundrechte bereits im europäischen XVI. Jahrhundert angesetzt werden kann. Mit Hilfe der Erarbeitung einer umfangreichen Datenbank, wurde der argumentative Einsatz bestimmter Bibelstellen (Neues und Altes Testament) in den zu analysierenden Konflikten u.a. um die Rechte von Frauen und von religiösen Minderheiten systematisiert. Auf diese Weise konnte untersucht werden, inwieweit es eine Normsetzungskompetenz des „Gewissens“, der praktischen Toleranz gab, bzw. wie sich eine solche Normsetzungskompetenz etabliert oder gewandelt und erweitert hat.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

*Schorn-Schütte, Luise: Die Reformation. Vorgeschichte, Verlauf, Wirkung, C.H.Beck: München, 7. überarb. Aufl., 2017.

*Schorn-Schütte, Luise: Gottes Wort und Menschenherrschaft. Politisch-theologische Sprachen im Europa der Frühen Neuzeit, C.H.Beck: München 2015.

Cristellon, Cecilia und Luise Schorn-Schütte  (Hg.): Die Bibel als norma normans – zur Entstehung und Praxis von Grundrechten im Europa der Frühen Neuzeit, Göttingen: V&R unipress, i.E.

*Cristellon, Cecilia: „Due fedi in un corpo. Matrimoni misti fra delicta carnis, scandalo, seduzione e sacramento nell’Europa di età moderna“, in: Quaderni storici 1/2014 (April), Sonderheft „Corpi familiari”, Hg. von M. Lanzinger, D. Rizzo, S. 41–70. 


Cristellon, Cecilia und Silvana Seidel Menchi: „Religious Life”, in: E. Dursteler (Hg.): A Companion to Venetian History, 1400-1797, Leiden/Boston: Brill, 2014, S. 379–419, (Cristellon, S. 379–398).

 

Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Internationales Arbeitsgespräch: Grundrechte und Religion im Europa der Frühen Neuzeit, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 27.–28. November 2014.

Internationale Tagung: Religious contacts and conflicts in the rites of passage: European and extra-European perspectives on the Early Modern period, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main (finanziert von der Max Weber-Stiftung), 3.–4. Juli 2014.

 

 

Personen in diesem Projekt:

  • Projektleitung / Ansprechpartner
    • Schorn-Schütte, Luise, Prof. em. Dr. | Profil
  • Projektmitarbeiter
    • Cristellon, Cecilia, Dr. (ehem. Mitglied) | Profil


Publikationen in diesem Projekt:

  • Schorn-Schütte, Luise; Cristellon, Cecilia (forthcoming): Die Bibel als norma normans – zur Entstehung und Praxis von Grundrechten im Europa der Frühen Neuzeit, Frankfurt/M. 2018 (Im Druck)
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  • Cristellon, Cecilia; Schorn-Schütte, Luise (2019): Grundrechte und Religion im Europa der Frühen Neuzeit (16.–18. Jh.). Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht
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  • Schorn-Schütte, Luise (2017): "Republikanismus" in der Frühen Neuzeit? Historiographische Überlegungen zu einem umstrittenen Deutungsmuster, in: J. Ellermann u.a.(Hgg.), Politische Kultur im frühneuzeitlchen Europa, Kiel, S. 113-132.
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  • Schorn-Schütte, Luise (2017): Menschenwürde. Begriff und Gegenstand im Europa der Frühen Neuzeit, in: C. Sedmak (Hg.), Menschenwürde, Darmstadt, S. 99-109.
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  • Schorn-Schütte, Luise (2017): Die Reformation. Vorgeschichte, Verlauf, Wirkung, 7. Auflage, München.
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  • Schorn-Schütte, Luise (2017): Luther und die Politik,in: A. Melloni (Hg.), Martin Luther. Ein Christ zwischen Reformation und Moderne (1517-2017), Berlin.
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  • Schorn-Schütte, Luise (2017): La Riforma protestante (ital. Übersetzung) 2. Auflage, Bologna
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  • Schorn-Schütte, Luise (2017): Wirkungen der Reformation in Europa, Bonn.
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  • Schorn-Schütte, Luise (2016): Die Reformation. Vorgeschichte, Verlauf, Wirkung, 6. überarbeitete Auflage, München
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  • Schorn-Schütte, Luise (2016): Justyfing Force in Early modern Doctrines of Self Defence and Resistance, in: W. Palaver/H.Rudolph/D. Regensburger (Hgg.), The European Wars of Religion, Farnhams 2016, S. 139-162
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  • Schorn-Schütte, Luise (2016): Maßstäbe zur Darstellung der Reformationsgeschichte- der Blick der Historiker,in: M. Beyer/V. Leppin (Hgg.), Herausforderung Reformation, Göttingen, S. 19-35.
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  • Cristellon, Cecilia (2015): Das Haus als Bühne: Vor- und nachreformatorische Heirats- und Ehepraxis. In: Das Haus in der Geschichte Europas. Ein Handbuch, Hg J. Eibach, I. Schmidt-Voges, (De Gruyter 2015), S. 303-318. 

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  • Cristellon, Cecilia (2015): Il (dis)ordine della violenza familiare: spazi, limiti, strategie (Italia, secoli XV- XVIII). In: Il genere nella ricerca storica, Hg. S. Chemotti, M.C. La Rocca (Padova: Il Poligrafo, 2015), S. 878-888.
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  • Cristellon, Cecilia (2014): Il giudice come confessore nei processi matrimoniali veneziani (1420-1545). In: Les officialités dans l'Europe médiévale et moderne: des tribonaux pour une société chrétienne. Hg. V. Beaulande-Barraud, M. Charageat, (Turnhout: Brepols), S. 311-324.
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  • Cristellon, Cecilia; Seidel, Menchi S. (2013): Religious Life. In: A Companion to Venetian History, 1400-1797, Hg. E. Dursteler (Leiden, Boston: Brill), pp. 379- 419. (Cristellon -- pp. 379-398). 

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In einer Pressekonferenz hat Bundesministerin Anja Karliczek am 28. Mai 2020 den Startschuss für das neue Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) gegeben. Mit dabei waren Sprecherin Prof. Nicole Deitelhoff (Goethe-Uni, Normative Orders), sowie der Geschäftsführende Sprecher Prof. Matthias Middell (Uni Leipzig) und Sprecher Prof. Olaf Groh-Samberg (Uni Bremen). Nun kann auch das Frankfurter Teilinstitut seine Arbeit aufnehmen. Mehr...

Nächste Termine

Bis Ende September 2020

In der Goethe-Universität finden mindestens bis Ende September 2020 keine Präsenzveranstaltungen statt. Präsenzveranstaltungen des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen" werden ebenfalls bis auf Weiteres ausgesetzt.

10. September 2020, 12.30 Uhr

Online Book lɔ:ntʃ: Prof. Dr. Dr. Günter Frankenberg: Autoritarismus - Verfassungstheoretische Perspektiven (Suhrkamp 2020). Mehr...

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