Eigeninteresse vs. Gemeinwohl: Über den Normenwandel innerhalb der Ökonomik

Der vermeintliche Interessenkonflikt zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl zählt zu den am häufigsten diskutierten Themengebieten an der Schnittstelle von Ökologie und Ӧkonomie sowie in den Bereichen der Wirtschafts- und Umweltethik.
Als Beispiele im Bereich der Ӧkologie seien genannt: die weltweite Luft- und Umweltverschmutzung, die Überfischung der Ozeane, die Rodung der Regenwӓlder, die Zerstӧrung der Ӧkosysteme von Pflanzen und Tieren, die Übernutzung natürlicher Ressourcen insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenlӓndern, der Ausstoß von CO2-Emissionen sowie der massive Verbrauch fossiler Brennstoffe und nicht-erneuerbarer Energietrӓger. Mit diesem vom Menschen hinterlassenen ökologischen Fußabdruck unmittelbar verbunden zu sein scheinen die globale Erderwӓrmung und der Klimawandel.  
Beispiele aus dem Bereich der Ӧkonomie umfassen die Privilegiensuche und das Rent-Seeking einiger Interessengruppen, das Phӓnomen des Lobbyismus und der polit-ӧkonomischen Korruption, die diversen Unternehmensskandale der jüngeren Vergangenheit, den Einfluss von Hedgefonds, Private Equity und Investment-Banking, Bӧrsenspekulationen und -manipulationen, Insiderhandel sowie die (vermeintliche) (Profit-)Gier und Habsucht einiger Manager multi-nationaler Konzerne. Verstӓrkt werden derartige unethische Verhaltensweisen durch die Kurzfristorientierung des Shareholder-Value-Kapitalismus. Insbesondere im Bereich der Anreiz- und Vergütungssysteme (Bonuszahlungen u.ӓ.) ist eine fehlende Nachhaltigkeit zu beobachten. Das weitverbreitete und kurzfristige „Denken in Quartalszahlen“ scheint damit dem langfristigen Wohl legitimer Stakeholder-Gruppierungen wie beispielsweise Arbeitnehmern, Kunden, Zulieferbetrieben und der Gesellschaft insgesamt zu widersprechen. Der Mangel an ӧkonomischer, ӧkologischer und sozialer Nachhaltigkeit kann zu einem Zustand der tragedy of the commons (Hardin/Ostrom) führen, einem Zustand, indem die übermӓβige Verfolgung des Eigeninteresses (inklusive Trittbrettfahrertum und Opportunismus) zu kollektiver Selbstschӓdigung führen kann.
Das Projekt ‚Eigeninteresse vs. Gemeinwohl: Über den Normenwandel innerhalb der Ökonomik’ untersuchte den potenziellen Trade-off bzw. die Kompatibilität von Eigeninteresse und Gemeinwohl. Die beiden Normen zeichnen sich durch ihre zentrale Bedeutung für die ökonomische Theoriebildung und für die Entwicklung und Durchsetzung neuer wirtschaftspolitischer Regulierungs- und Steuerungskonzepte aus.
Besonderes Augenmerk wurde auf die Herausarbeitung von Rechtfertigungsnarrativen für die beiden Normen und die auf ihnen aufbauenden Theorie- und Politikkonzepte gelegt. Da solche Narrative typischerweise außerhalb der ökonomischen Theoriebildung im engeren Sinne entstehen, bot der interdisziplinäre Rahmen des Clusters ideale Bedingungen, um ihre Genese in enger Zusammenarbeit mit den Nachbardisziplinen zu untersuchen.
Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher und unterschiedlich begründeter normativer Vorstellungen, die so entstehenden Zielkonflikte und ihre möglichen Lösungen wurden konzeptionell sowie an zwei Fallbeispielen untersucht, der Genese und der Umsetzung der Äquator-Prinzipien, einer freiwilligen CSR-Initiative im Bankenbereich, sowie der Diskussion um die Vor- und Nachteile einer paternalistisch ausgerichteten Wirtschaftspolitik.
Die in der ökonomischen Theorie für den Fall des „Laissez-faire“ immer wieder betonte Identität von Eigeninteresse und Gemeinwohl ist Ergebnis eines besonderen Rechtfertigungsnarrativs, das sich erst seit der frühen Neuzeit entwickelt hat und bis heute mit Zielkonflikten konfrontiert ist, die sowohl in ökonomischen als auch ethisch-philosophischen Diskursen thematisiert werden. Nur bei Vorliegen geeigneter Regulierungs-, Monitoring- und Sanktionsmechanismen, die sich wiederum von paternalistisch inspirierten Interventionen unterscheiden müssen, sind ökonomische und ethische Normen auch tatsächlich kompatibel.

Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Tagung: Behavioral Business Ethics: Verhaltensökonomische und ordnungsethische Perspektiven, erste „Frankfurter Tagung zur Wirtschaftsethik“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 1.-2.Oktober 2013 (in Kooperation mit der Arbeitsstelle Wirtschaftsethik, Gerhard Minnameier).

Tagung: 10 Years Equator Principles (2003–2013): Fragment of a Normative Sustainability Order or Business as Usual?, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 14.–15. März 2013.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

*Martens, W./Linden, B.v.d./Wörsdörfer, M.: „Deliberative Democracy and the Equator Principles Framework: How to Assess the Democratic Qualities of a Multi-Stakeholder Initiative from a Habermasian Perspective?”, in: Journal of Business Ethics 141, 2017, S. 1–19.

*Klump, Rainer und Manuel Wörsdörfer: „Paternalist Economic Policies. Foundations, Implications and Critical Evaluations”, in: Ordo Yearbook of Economic and Social Order 66, 2015, S. 27–60.

*Wörsdörfer, Manuel: „Equator Principles: Bridging the Gap between Economics and Ethics?”, in: Business and Society Review 120(2), 2015, S. 205–243.

*Wörsdörfer, Manuel: „Inside the ‚Homo Oeconomicus Brain': Towards a Reform of the Economics Curriculum?”, in: Journal of Business Ethics Education 11, 2014, S. 5–40.

*Wörsdörfer, Manuel: „‚Free, Prior, and Informed Consent’ and Inclusion: Nussbaum, Ostrom, Sen and the Equator Principles Framework”, in: Transnational Legal Theory 5(3), 2014, S. 464–488.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Klump, Rainer, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Wörsdörfer, Manuel, PD Dr.


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