Sanktionierte Rechtfertigungen - Zensur und Hegemonie

(Dagmar Comtesse)

Die Wirkung des historischen Kontextes auf das Entstehen, die Persistenz und die Veränderung von Rechtfertigungen normativer Ordnungen kann aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Dabei spielt die Sanktionierung eine besondere Rolle. Die Wirkungsweise von Sanktionen, hier am Beispiel von Zensur als hegemonialem Mechanismus, auf Rechtfertigungen beleuchtet die Bedingtheit der Rechtfertigung normativer Ordnungen durch Macht- und Herrschaftskonstellationen. Das politische und gesellschaftliche Instrument der Zensur, das sich auf den Umgang der jeweiligen Gesellschaft und ihrer Institutionen mit Veröffentlichungen und öffentlicher Rede, deren Vorbereitung und Verbreitung bezieht, kann unmittelbar zu der Herstellung oder Aufrechterhaltung von Hegemonie oder diskursiver Macht führen. Dabei ist Hegemonie als Charakterisierung eines gesellschaftspolitischen Zustandes (Gramsci) oder eines diskursiven Machtverhältnisses (Foucault) aber nicht allein auf das „disziplinäre Dispositiv“ der Zensur zurückführbar. Das Panel hat den Einfluss von Zensur und Hegemonie bzw. diskursiver Macht auf die jeweilige Rechtfertigung (sei sie moralisch-ethischer, politischer, epistemologischer, technischer oder juristischer Natur) zum Gegenstand.

Zensur in vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaften und ihr Zusammenhang mit Herausbildung, Unterdrückung, Deformation oder produktiver Veränderung von Rechtfertigungen neuer normativer Ordnungen stellt den historischen und politologischen Themenbereich des Panels dar. Zentral für die Fragestellung des Panels ist der Fokus auf das Zusammenspiel von Zensur und Rechtfertigung. Hier wären zum Beispiel der Nachweis werkimmanenter Entwicklungen, die dem Einwirken von Sanktionen geschuldet sind, die Kultur der Rechtfertigungspraxis, ablesbar auch in stilistischen Methoden, oder empirische Studien über die jeweiligen Publikationspraktiken von Interesse. Hegemonie und diskursive Macht schließen das gesamte Feld der Diskursanalyse, Diskursgeschichte, Diskursethik und Begriffsgeschichte mit ein. Der Gebrauch und das Auslassen von bestimmten Begriffen, das Zusammenspiel von medialer und gesellschaftlicher Macht, Normierung und Stigmatisierung; diese Mechanismen zeigen wie Rechtfertigungen in der Struktur eines Diskurses formiert und kontrolliert werden. Thematisierungen dieses Wirkungszusammenhangs können sowohl analytisch-systematisch als auch phänomenologisch-historisch sein.

Sonntag, 25.10.
IG Farben-Gebäude 1.411


9.00-9.45 Uhr   
Cordelia Heß  (Stockholm): Was heilig ist, bestimmt der Papst? – Freiwillige Selbstzensur in spätmittelalterlichen Kanonisationsprozessen

9.45-10.30 Uhr   
Mechthild Hetzel (Frankfurt/Innsbruck): Dass nicht sein kann, was nicht sein darf – Hegemonie und Diskurse epistemologischer Rechtfertigung

10.30-10.45 Uhr   
Kaffeepause

10.45-11.30 Uhr   
Alexander Weiß (Hamburg): Zensur als Sprachspiel: demokratietheoretische Überlegungen nach Chantal Mouffe

11.30-12.15 Uhr   
Frieder Vogelmann (Frankfurt): Im Namen der Öffentlichkeit: Transparenz als Selbstzensur

Kommentator: Martin Nonhoff (Bremen)


Aktuelles

„Frankfurter interdisziplinäre Debatte“. Frankfurter Forschungsinstitute laden zum Austausch über disziplinen-übergreifende Plattform ein

Die „Frankfurter interdisziplinäre Debatte“ ist ein Versuch des Dialogs zwischen Vertreter*innen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zu aktuellen Fragestellungen – derzeit im Kontext der Corona-Krise und u.a. mit Beiträgen von Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Prof. Dr. Rainer Forst und Prof. Dr. Klaus Günther. Seit Ende März 2020 ist die Onlineplattform der Initiative (www.frankfurter-debatte.de) verfügbar. Mehr...

Bundesministerin Karliczek gibt Startschuss für das neue Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt

In einer Pressekonferenz hat Bundesministerin Anja Karliczek am 28. Mai 2020 den Startschuss für das neue Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) gegeben. Mit dabei waren Sprecherin Prof. Nicole Deitelhoff (Goethe-Uni, Normative Orders), sowie der Geschäftsführende Sprecher Prof. Matthias Middell (Uni Leipzig) und Sprecher Prof. Olaf Groh-Samberg (Uni Bremen). Nun kann auch das Frankfurter Teilinstitut seine Arbeit aufnehmen. Mehr...

Nächste Termine

Bis Ende September 2020

In der Goethe-Universität finden mindestens bis Ende September 2020 keine Präsenzveranstaltungen statt. Das Veranstaltungsprogramm des Forschungsverbunds "Normative Ordnungen" wird ebenfalls bis auf Weiteres ausgesetzt.

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Mirjam Wenzel im Gespräch mit Rainer Forst
Tachles Videocast des Jüdischen Museum Frankfurt

Normative Orders Insights

... mit Nicole Deitelhoff

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Burchard, Christoph (2019):

Künstliche Intelligenz als Ende des Strafrechts? Zur algorithmischen Transformation der Gesellschaft. Normative Orders Working Paper 02/2019. Mehr...

Kettemann, Matthias (2020):

The Normative Order of the Internet. Normative Orders Working Paper 01/2020. Mehr...