Prof. Dr. José Brunner

Professor am Cohn Institut für Wissenschaftsphilosophie und -geschichte sowie an der Buchmann Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Tel Aviv.

Aufenthalt:
Juni bis Juli 2016

Forschungsprojekt:
Gegenwärtig schließt Brunner die Arbeit an einer Monographie ab, die unter dem Titel Geschichte als Kriminalroman beim Wallstein Verlag erscheinen wird, und die sich mit Debatten zur Ethik und Methodik der Holocausthistoriographie auseinandersetzt wie auch den Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Problemen eines Dialogs zwischen Historikern und Psychologen, im Versuch, den Holocaust zu verstehen.

In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Klaus Günther und Prof. Dr. Axel Honneth

José Brunner ist Professor am Institut für Wissenschaftsphilosophie und -geschichte sowie an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tel Aviv. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem das Verhältnis von Recht, Gedächtnis und Identität, die Politik und Geschichte der Psychoanalyse, die Politik des Traumadiskurses und Praktiken der Wiedergutmachung am Beispiel von Holocaustüberlebenden. Er hatte Aufenthalte als Gastforscher und Gastprofessor an zahlreichen Universitäten, darunter in Harvard und Montreal. Von 2005 bis 2013 war er Direktor des Minerva Instituts für deutsche Geschichte. Gegenwärtig  leitet er das interdisziplinäre Forschungsprogramm für Rechts- und Humanwissenschaften sowie das Eva & Marc Besen Institute for the Study of Historical Consciousness. José Brunner ist Mitbegründer der ersten »legal clinic« für die Rechte von Holocaustüberlebenden in Israel.

Forschungsvorhaben:
Walter Benjamin postuliert eine Historiographie, die die Geschichte gegen den Strich bürstet indem sie nicht nur ein wahres Bild von der Vergangenheit schafft, sondern auch eines, das die Gegenwart in einem kritischen Licht beleuchtet. Wie lässt sich dieses doppelte, epistemische und ethische, Postulat zur Geschichtsschreibung in Bezug auf den Holocaust verwirklichen, der oft als ein Absolutes verstanden wird, an dem herkömmliche ethische und epistemische Perspektiven geprüft und häufig auch für unzulänglich befunden werden? In keinem anderen Bereich der Geschichtsschreibung werden ethische Argumente so stark gegen epistemische Positionen ins Feld geführt, dient moralische Empörung so oft zur Ablehnung von narrativen Ansätzen. Gibt es also moralische Normen in der Holocaustgeschichtsschreibung, die Historiker zu gewissen Forschungs- Erzählungs- und Erklärungsformen verpflichten und ihnen andere verwehren?
Brunner untersucht diese Frage in Bezug auf den schwierigen Dialog zwischen Historikern und Psychologen, in dem es darum geht, wie man erklären und darzustellen kann, warum gewisse Menschen zu Massenmördern wurden und andere zu deren Opfer, was das Tatmotiv war, was Zeugen wussten, warum sie Opfern halfen oder zu Komplizen der Täter wurden, und ob und was aus der Geschichte dieses Verbrechens gelernt werden kann.
Im Versuch, die Möglichkeiten eines die Holocaust-Historiographie bereichernden Dialogs zwischen Geschichte und Psychologie auszuloten, prüft Brunner die ethischen und epistemischen Verpflichtungen, Probleme und Schranken, die ihn bisher gekennzeichnet haben. Zudem formuliert er einen eigenen Standpunkt, der ihm zur Evaluierung von verschiedenen Erklär- und Erzählformen zum Holocaust dient wie auch zu einem Vorschlag für einen ergiebigen Austausch zwischen Historikern und Psychologen.

Veröffentlichungen (Auswahl):
Recht auf Wahrheit. Genese eines neuen Menschenrechts (hrsg. mit Daniel Stahl), Wallstein, Göttingen 2016.
Die Politik des Traumas. Gewalterfahrungen und psychisches Leid in den USA, in Deutschland und im Israel/Palästina-Konflikt, Suhrkamp, Berlin 2014.
Die Globalisierung der Wiedergutmachung. Politik, Moral, Moralpolitik (hrsg. mit Constantin Goschler und Norbert Frei), Wallstein, Göttingen 2013.
Die Praxis der Wiedergutmachung: Geschichte, Erfahrung und Wirkung in Deutschland und Israel (hrsg. mit Norbert Frei und Constantin Goschler), Wallstein, Göttingen 2009.
Psyche und Macht: Freud politisch lesen, Klett-Cotta, Stuttgart 2001.

Veranstaltungen:
Paper Presentation
Geschichte als Kriminalroman: Gibt es Normen der Holocaustgeschichtsschreibung und was haben Psychologen mit ihnen zu tun?

Informationen zum Forschungsaufenthalt von Prof. Dr. José Brunner 2015: Hier...


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Nächste Termine

25. April 2019, 19 Uhr

XXII. Frankfurter Stadtgespräch: Das Verbrechen des Holocaust verjährt nicht - Die Aufgaben von Historie und Justiz. PD Dr. Boris Burghardt und Günther Feld im Gespräch mit Prof. Dr. Sybille Steinbacher. Moderation: Rebecca C. Schmidt. Mehr...

26. April 2019, 18 Uhr

Lecture & Film "Die Erfinderin der Formen. Das Kino von Chantal Akerman": An Evening with Babette Mangolte (New York/San Diego). Mehr...

29. April 2019, 17.15 Uhr

Ringvorlesung "Contemporary Approaches to Feminist Philosophy": Charlotte Witt: „What is Gender Essentialism?“. Mehr...

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