Religiöse Ideen und soziales Handeln: Christliche Rechtfertigungsnarrative zwischen Gesellschaftskritik und Legitimitätsglauben

Projektleitung: Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty | Profil und Prof. Dr. Axel Honneth | Profil

In dem empirisch angelegten Forschungsprojekt wurden religiöse Ideen in sechs christlichen Gemeinschaften rekonstruiert und in ihrem Wechselspiel mit säkularen Ordnungen untersucht. Im Zentrum stand die Frage, ob sich solche Ideen, wie sie ursprünglich von Max Weber beschrieben wurden, in zeitgenössischen christlichen Gemeinschaften noch nachweisen lassen. Daran anschließend wurde untersucht, welche welterschließenden Gehalte diese religiösen Ideen haben und ob ihren normativen Implikationen eine handlungspraktische Relevanz zukommt – in einer ihrem Selbstverständnis nach säkularen Gesellschaft.

Vier der sechs untersuchten Gemeinschaften lassen sich mit Weber als Gemeinschaften „religiöser Virtuosen“ beschreiben. In diesen „Virtuosengemeinschaften“ ließen sich stark ausgeprägte religiöse Ideen nachzeichnen. Waren die Gemeinschaften der sozialchristlichen Tradition zuzuordnen, so gingen diese Ideen stets aus einer gemeinschaftseigenen Christologie hervor. Es zeigte sich also eine je spezifische Jesusdeutung, die als handlungsorientierendes Vorbild fungierte. Jesus wurde etwa als „guter Hirte“ oder als Widerstandskämpfer gedeutet und damit zu einer Art Messlatte für das individuelle Handeln der Gläubigen. Die untersuchten Gemeinschaften aus dem fundamentalistischen Spektrum hingegen lebten in der Überzeugung, die Welt sei dem Wirken des Teufels anheimgefallen und nur ihre je spezifische Glaubensausprägung verheiße Errettung aus diesem Zustand. Ihre gesamte andersgläubige Umwelt wurde im Rahmen solcher religiösen Ideen zu einem die geglaubte Wahrheit bedrohenden Feindbild stilisiert.

Hinsichtlich des sozialen Handelns außerhalb des rein religiös-kultischen Bereichs fanden sich ebenfalls erhebliche Unterschiede zwischen den sozialchristlichen und den fundamentalistischen Gruppierungen. Erstere verzichteten in säkularen Handlungskontexten gezielt auf religiöse Referenzen, um jegliche Irritation von vorneherein auszuschließen. Dabei war das Handeln aber stets hintergründig am Vorbild der gemeinschaftsspezifischen Christologie orientiert. In den fundamentalistischen Gemeinschaften ließ sich grundsätzlich eine abweisende Haltung gegenüber ihrer Umwelt feststellen, die unmittelbar auf das Feindbild-Motiv zurückging. Je nach biographischer Vorgeschichte der Gläubigen ergab sich hier dann ein Rückzugs- oder Konfrontationsverhalten in säkularen Kontexten.

In den zwei als Vergleichsstudien zu den Virtuosengemeinschaften untersuchten Ortsgemeinden stieß das Forschungsprojekt schließlich auf eine diffusere Situation ohne klar hervortretende religiöse Ideen. Vielmehr bestätigten die Untersuchungen hier ein Bild, das aus der gängigen Literatur bereits bekannt ist. So fand sich eine traditions- und milieubezogene Religion, die aber kaum je spezifische inhaltliche Bezüge zum breiten Repertoire der christlichen Überlieferung herstellt, geschweige denn einen welterschließenden Anspruch hätte. Bildlich könnte man auch sagen, der Glaube bleibt hier innerhalb der Kirchenmauern.

Klar konturierte religiöse Ideen mit welterschließender Relevanz ließen sich insgesamt nur in sehr kleinen Gemeinschaften religiöser Virtuosen nachweisen. Insgesamt ist zu bedenken, dass die Virtuosengemeinschaften mit einem einstelligen Prozentsatz nur einen sehr kleinen Bevölkerungsanteil repräsentieren, die Ortsgemeinden dagegen zusammengenommen über beide Konfessionen hinweg etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung.

Religiöse Äußerungen erwiesen sich in den untersuchten exemplarischen Fällen als im säkularen Bereich nicht anschlussfähig. Und für den allergrößten Teil der Gläubigen, die Mitglieder der Ortsgemeinden, stellte sich die Frage der Rolle des Glaubens für die alltägliche Lebensführung gar nicht erst. Es scheint daher insgesamt angebracht, die Ergebnisse dieser Studie als Indiz für einen gesamtgesellschaftlichen Zustand der ungefährdeten Säkularität zu deuten. Die Religion hat allem Anschein nach keinen oder kaum einen Einfluss mehr auf eine unangestrengt säkulare Gesellschaftsordnung.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen: Sutterlüty, Ferdinand (Hg.) 2011: Stichwort »Postsäkularismus?« Mit Beiträgen von José Casanova, Hans-Joachim Höhn, Thomas M. Schmidt und Oliver Sturm, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 8. 2, 65–110, darin auch die Einleitung zum Stichwort »Postsäkularismus?«, 65‒67; Sutterlüty, Ferdinand 2014: The Role of Religious Ideas: Christian Interpretations of Social Inequalities, in: Critical Sociology (first published online; print: issue 42, 33-48, 2016) und Kuhn, Thomas 2014: Vorbilder und Feindbilder. Religiöse Ideen in christlichen Gemeinschaften. Gießen: Justus Liebig Universität, Dissertation (Online Open Access).
Neben zahlreichen Vorträgen wurde in dem Projekt gemeinsam mit Aletta Dieffenbach und Thomas Kuhn ein Panel zu „Religion and Critique“ auf der Nachwuchskonferenz des Exzellenzclusters „Praktiken der Kritik“. Frankfurt a. M., 6. Dezember 2013 durchgeführt.


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